Vung Tau, Vietnam, 27. Januar 2014

Dreihundert Meter vor der Küste warten die Fähren. Der Wasserpegel ist zu niedrig, um den Hafen anzufahren. Die Ticketschalter sind seit Tagen geschlossen. Auf der Halbinsel, die an Wochenenden gerne die erschöpften Saigoner anlockt, um bei kühlem Bier und Schrimps auf einem Liegestuhl ihre versmogten Lungen zu reinigen, bleiben die Touristen aus. Womöglich halten die Vietnamesen das Geld für das Tetfest zusammen. Beim wichtigsten Fest im Jahr wird der erste Mondmonat des neuen Jahres begrüsst. 2014 steht im Zeichen des Pferdes. Demnach soll das Jahr quirlig und temperamentvoll verlaufen. Ausländische Touristen kommen selten nach Vung Tau, da ihre Reiseführer vom Baden wegen der schlechten Wasserqualität abraten. Zwischen den bereits vorhandenen Betonklötzen werden die Strassen für weitere Betonklötze aufgerissen, wobei Geld nicht wirklich vorhanden scheint.

In der Innenstadt bereiten sich junge Tänzerinnen und Tänzer auf den grossen Auftritt vor, einer streng symmetrischen Choreographie folgend. Der Oberkörper bleibt dabei wie im klassischen Ballett schnurgerade. Während die Füsse tänzeln, deuten die Arme eine Bewegung an. Ausgerüstet mit Blumen und Fächern umgarnen sie die Singenden, die im beweglichen Bühnenbild erstrahlen. Pop- und klassische Gitarrenmusik verschmelzen zu einem eigenwilligen Klang. Im ganzen Land ist diese Musik zu vernehmen. Während Bauarbeiter mit Helmen auf den Köpfen in der Pause Karte spielen und auf einem Bildschirm in einer Garküche ein Mann eine Frau gewaltsam auf eine Matratze wirft, die mit Blumenblüten ausgelegt ist, dringt aus dem Café gegenüber ein Liebeslied. Die Busfahrer drehen die Musik laut auf. In Quy Nhon erklingt frühmorgens Marschmusik aus den Lautsprechern, die an Strassenecken angebracht sind, während die Mopeds hupend zur Arbeit rasseln. Der junge Mann singt der Liebsten ein Lied vor, während er ihre Haare aus dem Gesicht streicht. Alte Männer singen Lieder, im zentralen Hochland singen sie “Au clair de la lune”. Zuweilen weiss man nicht, ob man vor lauter Sehnsucht gleich in Tränen ausbrechen oder sich doch lieber die Ohren zuhalten soll.

Die jungen Männer zupfen sich die Brauen und die Damen cremen sich mit Whitening-Produkten ein. An der Aussenfassade der Kindergärten und Schulen lächelt Ho Chi Minhs Antlitz väterlich von der Wand, während die Eltern auf ihren Mopeds auf ihre Zöglinge warten.

In Vung Tau bieten unzählige Minihotels ihre Betten an. Sie können auch stundenweise gebucht werden. Im Treppenhaus streift der Blick flüchtig einen jungen Körper in ausgewählten Dessous. Solange der Dong rollt, zuckt niemand mit der Wimper. Junge Männer waschen die rotgepolsterten Barhocker, auf denen zuvor die Sexpats gesessen hatten – kurz vor Tet, am 23. des letzten Mondmonats, muss alles glänzen, dann will der Küchengott Ong Tao dem Jadekaiser nur Gutes zu berichten haben.

Manche erodierte neolieberale Männerseele kommt jahrelang, um nach langem Papierkrieg die Auserwählte zu ehelichen. Wie Johns Freund in Saigon – acht Jahre lang hielt er seiner Freundin die Treue. Nun sind beide blass und erschöpft vom zu spät eingelösten Versprechen der bunten Neonlichter. John dagegen spricht von waves und nicht von wifes, von beaches und nicht bitches. Wenn John kaum mehr atmen kann in der Luft, die nach Gift riecht, in der Stadt, in der man tief durchatmen sollte, um zur Besinnung zu kommen, aber eben nicht kann, weil man dann auf der Stelle zu ersticken droht, dann geht auch er nach Vung Tau – wenn sein Gehirn einmal nicht von Marijuana vernebelt ist.

Es ist nicht viel los in Vung Tau. Gefesselte Krabben werben in Becken vor Restaurants für Kundschaft. Hähne krähen in Käfigen, Hühner werden kopfüber an die Mopedlenkstange gezurrt.

Neben sozialistischen Propagandaplakaten hängen die Porträts der beliebten Sänger und Sängerinnen. Männer trinken Kaffee, Frauen kochen, nähen, bedienen, brausen mit langen Haaren und kurzen Röcken auf ihren Mopeds durch die Stadt. Seit vierzig Jahren herrscht Frieden. Nirgends ist ein lautes Wort zu vernehmen. Nur die Korruption sickert durch die Zensur hindurch, dringt durch alle Schichten, klebt wie Caramelsauce in allen Ecken, lässt die Reichen immer reicher und dicker werden und die Armen die Augen schliessen, während sie ihre Hände ausstrecken. Die Strassen sind schlecht, einen Helm müsste man im Bus tragen, zuweilen heben einem die Elefantenschlaglöcher zehn Zentimeter aus dem Sitz. Wieder prallen zwei Körper auf dem Asphalt auf, zwei Mopeds haben sich ineinander verbissen, für einen Moment unterbrechen alle Umstehenden ihre Arbeiten und halten den Atem an.

Dreihundert Meter vor der Küste stehen die Fähren still.

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(T)humor: Eine humorlose Abhandlung über den aktuellen humorlosen Humorstreit in der Schweiz. Teil I

Die Tages Woche fragte in der vergangenen Woche den Satiriker und Kolumnisten Andreas Thiel und den Slampoeten und Autoren Gabriel Vetter (zwei Kulturschaffende, die also in ganz unterschiedlichen Genres zu Hause sind!): „Zerstört politische Korrektheit den Humor?“ http://www.tageswoche.ch/de/2014_10/debatte/?stage=1

Thiel sagt ja, indem er „Humor als vernünftige Waffe gegen Frustration“ sieht, die den Menschen weiter bringt, im Gegenzug zur politischen Korrektheit. Vetter hingegen plädiert für eine offene Humordebatte. Er sieht in der politischen Korrektheit, „eine wahllos gezückte Worthülse, für Gläubige, die zu faul sind, sich ernsthaft mit der Mechanik von Humor auseinander zu setzen.“ Ausgelöst haben den Humorstreit die Kulturschaffenden Raphael Urweider und Samuel Schwarz, indem sie als Reaktion auf einen Sketch von Birgitt Steinegger dem SRF mit einer Strafanzeige wegen Verletzung der Antirassismus-Strafnorm drohten. Im Sketch parodiert Steinegger als Frau Mgubi Oprah Winfrey, welcher der Kauf einer Luxustasche in Zürich verweigert wurde. Urweider verweist auf das Blackfacing als eine grundsätzlich rassistisch geprägte Kulturtechnik, die in den USA längst auf dem Index steht. Besagter Sketch http://www.youtube.com/watch?v=yFoWYEAguh0 bringt die Menschen in Thiels Sinn gewiss nicht weiter. Ratlos sucht man hier die Pointe, was oder wer hier verulkt wird, ist völlig unklar. Laut Christoph Gebel, Chef der SRF Unterhaltungsabteilung, sollte im Sketch die hysterische Reaktion der Schweizer auf Winfreys „verunglückten Taschenkauf“ aufs Korn genommen werden, so im 20-Minuten vom 12. Januar nachzulesen. http://www.20min.ch/schweiz/news/story/SRF-droht-Anzeige-wegen-Rassismus-27911192

Gebels verunglückte Erklärung macht die Sache natürlich nicht besser, und um die hysterische Reaktion der Schweizer zu parodieren, bedürfte der Sketch nicht der Technik des Blackfacings, wenn wir mit Thiel argumentieren wollen, dass durch politische Korrektheit der Humor auf der Strecke bleibt. Der Sketch wäre dann immer noch politisch unkorrekt, ohne sich einer rassistischen Kulturtechnik bedienen zu müssen. Dass der gute Witz des Tabubruchs bedarf, arbeitete Sigmund Freud 1905 in Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten heraus. Erst der Tabubruch erzeugt einen Lustgewinn und eine kurzzeitige Lockerung von verdrängten Inhalten. Was bei Thiel „eine Auflösung geistiger Verkrampfung“ ist, ist bei Freud seelischer Natur. Stringent ist Thiels Argumentation aber nicht. Wenn Humor „mit Loslassen zu tun hat“, „eine Relativierung von Wichtigkeit ist“, „eine Erleichterung von Übergewichtigem“, dann kann Humor nicht gleichzeitig „reinste Vernunftbegabung“ sein, denn die Vernunft ordnet und strukturiert, hält fest. Schliesslich aber ist die Entspannung in jeder Humortheorie zentral, dazu braucht es kein Rumtreten auf Minderheiten, schon gar nicht, wenn wir diesen Humor als Zuschauer durch Zwangsabgaben finanzieren müssen.

Damit sind wir bei Vetter, der den Humorstreit um politische Korrektheit nicht als Humorstreit um politische Korrektheit sieht, sondern als Impuls, sich als Satiriker der Kritik zu stellen, schliesslich lässt sich über Humor streiten. Der einzige Skandal sieht er im Diskurs, der nicht geführt wird: „In der Schweiz diskutieren wir nicht über den Humor, wir lachen über ihn. Das ist der eigentliche politisch korrekte Skandal.“ Dieser politisch korrekte Skandal ist jedoch kein schweizerisches Phänomen. Er beginnt mit Aristoteles und der Einordnung der Komödie als der Tragödie untergeordnet – und, tragischer noch, mit dem Verlust des zweiten Buches der Poetik, in der sich Aristoteles der Komödie gewidmet hat. Oder anders ausgedrückt: Die Poetik der Komödie gilt es erst wieder (oder erst noch) zu schreiben!

Der Anthropologe Helmut Plessner hat 1941 mit Lachen und Weinen. Eine Untersuchung der Grenzen menschlichen Verhaltens einen Versuch vorgelegt. Seine Untersuchung ist keine Anleitung für Satiriker und Komiker, aber Satiriker und Komiker können aus dieser Studie durchaus wertvolle Erkenntnisse ziehen. Lachen sieht Plessner als den Menschen konstituierende Ausdrucksweise. Der Mensch ist Mensch, weil er lacht. (Ich kenne die neusten Erkenntnisse aus der Schimpansenforschung nicht, aber den Menschen um den Schimpansen zu erweitern, scheint mir auch nicht falsch.) Der Mensch ist bei Plessner ein doppeltes Wesen, das ständig im Widerspruch zwischen Körpersein und Körperhaben lebt. Auf der Ebene des Körperseins erlebt sich der Mensch als Wesen, das für Eindrücke von Aussen offen ist. Er ist empfänglich, durch Haut und Sinnesorgane mit der Welt verbunden. Die Ebene des Körperhabens aber zeigt ihm seine Begrenztheit auf, indem der Wille vom Körper abhängig ist und doch als vom Körper gesondert wahrgenommen werden kann. Diese Bedingtheit bezeichnet Plessner als exzentrische Position. Momente, in denen wir die Haltung verlieren, das Innen nach Aussen kippt, und wir sozusagen unserer menschlichen Natur überführt werden, reizen demnach zum Lachen. Für den Menschen ist nichts bedrohlicher, als die Kontrolle über seinen Körper zu verlieren. In diesem Moment ist er vor seinen Mitmenschen entblösst. Lachen erfüllt nun insofern eine soziale Funktion, als dass es den Gescheiterten wieder ins Leben integriert.

Anhand dieser Theorie lässt sich einfach aufzeigen, warum eine Figur wie Steineggers Frau Mgubi nicht lustig ist. Der Figur fehlt es an Tiefe, sie hat kein Innenleben. Als Zuschauer haben wir keine Chance, uns mit ihr zu identifizieren. Demnach kann uns auch ihr tollpatschiges und ungebildetes Verhalten, das auch kein Vergehen ist, nicht zum Lachen reizen, denn dann hätten wir sie zuvor ernst nehmen müssen.

Humor ist also mehr als blosses Spielen mit Tabus. Reduziert man ihn darauf, haben wir es mit fröhlichen eruptiven Entladungen zu tun, die einzig auf den kurzen Lustgewinn zielen. Ein egoistischer Humor.

Spannender ist es, nach einem Humor zu suchen, der Gemeinsamkeit schafft, der nachhallt, der Teil der neuen Erzählung über den Humor wird. So katastrophal ist die Lage im Land übrigens nicht:

CHRISTOPH MARTHALER IST IN BASEL!

SCHAttEN

Dein Kopf liegt müde in deiner Hand, und du zählst die Wahrscheinlichkeiten. Dein Atem stockt. Das Denken fängt Staub in dieser unbequemen Zone, weil die Zeit aus Asche besteht. Immer trägt sie die Wahrheit vor sich her, und was wir davon zu sehen bekommen, Schatten auf Fernsehbildschirmen. Deine Haut ist dünn in diesen Flammen, wo keine Uhren mehr Menschen vor der Versenkung retten. An Schlaf ist nicht zu denken, und schon gar nicht an den Tag. Das Licht brennt auf der Netzhaut und die Vögel verstummen. Der Raum schrumpft zu einem Gedanken zusammen. Das Schlachtfeld liegt müde in viel zu grossen Händen, die Schatten werfen. Schatten, die die Welt verschlingen.