Gschwellti

Gschwellti sind Kartoffeln, die zehn Minuten im Dampfkochtopf mit der Schale gekocht werden. Durch das Garen in der Schale bleiben mehr Nährstoffe erhalten als bei geschälten Kartoffeln. Zu den Gschwellti wird Käse gereicht. Der Deutsche stellt sich gerne vor, dass die Kartoffeln mit Käse überbacken werden, was schon zu schweren Enttäuschungen geführt hat. Polnische Staatsangehörige sprechen eher auf dieses frugale Mahl an, sind geradezu begeistert davon, sodass sie Rahmschnitzel und Paniertes Schnitzel mit Gschwellti essen wollen. Zurück zum Käse. Käse wird auf der Pizza geschmolzen. Wird der Käse in kleinen Pfännchen auf dem Tischgrill geschmolzen, spricht man von Raclette, werden Brotstücke im grossen Käsetopf getuncht, heisst das Fondue. Zuweilen kommt es auch vor, dass wir Gschwellti zu Raclette und Fondue reichen, in diesem Fall finden die Kartoffeln aber keine besondere Erwähnung. „Raclette mit Gschwellti“ gibt es nicht. „Gschwellti mit Käse“ ist die intellektuellere Art Käse zu essen. Verschiedene Käsesorten werden dazu serviert, qualitativ hochwertiger Käse, der zum Schmelzen zu schade ist. 

Möglicherweise sind Gschwellti auch ein Gradmesser der Situiertheit einer Person. Junge Menschen sind keine typischen Gschwellti-Esser. Gschwellti ist etwas für Eheleute, die uninspiriert sind, etwas zu kochen, aber durch jede Mahlzeit die sie dem Partner servieren, ihre Wertschätzung ausdrücken. 

Advertisements

Der Höckler

Er sitzt vor einem Glas Rotwein, vielleicht liest er dazu in einem Buch, vielleicht hat er die NZZ vor sich, den Beobachter, den Blick, wahrscheinlich alle Medien in genau dieser Reihenfolge – das Glas Rotwein bleibt stets dasselbe. Minuten vergehen, über eine Stunde vergeht, doch der Inhalt des Glases bleibt stets derselbe. Sein Name ist Höckler. Sollte sich der Höckler tatsächlich dazu durchringen, an seinem Glas zu nippen, und sollte das Nippen nach Stunden seine Wirkung zeigen; ein leeres Glas – dann wird der Höckler auf die Frage des Servicepersonals nach einem weiteren Glas Wein sagen: Nein Danke, aber ein Glas Hahnenwasser nehme ich gerne. Er sagt nicht „Hahnenwasser“, er sagt: „Hahnenburger“. Und das Glas Hahnenburger genehmigt er sich vorzugsweise dann, wenn das Servicepersonal Feierabend machen möchte.

Misttrauen

Soll das hier ein Experiment sein, um zu zeigen, dass das Schreiben etwas für Leute ist, die zu viel Zeit haben? Nach einer zehnstündigen Schicht erübrigt sich die Ästhetik. Sie heisst dann nur noch SCHLAFEN. Überhaupt scheinen Probleme (DAS-schreiben ist ein Problem) nur im Speckmantel überschüssiger Zeit zu gerinnen, das ist eine Binsenwahrheit. Einzig Katzen gehorchen nicht dieser Logik. (Ihr Mauzen ist auch nur eine Inszenierung für den Menschen, um sein Misstrauen nicht zu wecken.)

Die Fliegen beispielsweise bereiten Probleme. Die Leute sagen: Das Essen war gut – aber all diese Fliegen! Darauf sage ich: Nun, so nahe bei den Kühen ist das Erscheinen der Fliegen in dieser zugegeben beeindruckenden Zahl leider normal. Und bedenken sie bitte den warmen Winter, den wir hatten! 

Und letztes Jahr, sage ich, da hatten wir eine Wespenplage, während wir dieses Jahr vermehrt von Ameisen beglückt werden, aber die Fliegen, das kann ich ihnen versichern, die sind normal um diese Jahreszeit, und wären sie gestern gekommen, hätte es hier zusätzlich nach Gülle gerochen – der Kompromiss, das habe ich hier gelernt, konstituiert das Glück!

 

 

Bei Regen ist der Geräuschpegel zum Sprechen zu hoch

Aus der Kuckucksuhr aus Pappe springt bei voller Stunde ein Kuckuck aus Pappe heraus. Einen Tag nach dem Tod des Herausgebers einer grossen Zeitung hat Wikipedia die entsprechenden Daten bereits aktualisiert, die letzten lobenden Worte zitiert, in einer Lexikonsprache untergebracht, die nichts über die Entstehung des Beitrages verrät.

Der Kellner hat mein Bier vergessen, und der Absatz löst sich von meinen Stiefeletten. Der Regen hat aufgehört. Die tief hängenden Lampen wirken wie kleine Ufos.

Eine Wand ist eine Tasche

In der Eingangshalle der Kunsthochschule stehen viele Stangen dicht beisammen, sodass es mit grosser Tasche nur einen einzigen Weg ins Innere des Gebäudes gibt, dicht der Wand entlang. Das ist eine gehörige Denkaufgabe so morgens. Erster Gedankengang: Aha, meine Tasche ist zu gross, um Slalom zu gehen, würde auch bescheuert aussehen, vielleicht gar noch bescheuerter als sich der Wand entlang zu schleichen. Zweitens, was soll das bedeuten, dazu gezwungen zu werden, der Wand entlang zu gehen. Drittens: Beschreibe die Installation auf anschauliche Weise. Könnte sie gar eine Metapher sein?

 

Flügel ohne Sinn

Im Victoria in Meiringen in der Spielecke neben Schachbrett und Jassmatte. Die Deko ist aufwendig – Pappgeweih, tief hängende Lampen, Hörner, alles in Erdtönen gehalten – wirkt aber schlicht, was die Einheimischen zum Urteil verleiten lässt: Snobbish. Habe zuvor das Termitenzimmer gesaugt. Sind grosse Termiten mit Flügeln. Habe sie eingesaugt. War nicht mehr auszuhalten. Konnte dort nicht mehr arbeiten. Die Termiten waren auf dem Bildschirm, krabbelten über die Tastatur, meinen Rücken runter. Ich habe mich schon gefragt, was das zu bedeuten hat, aber dann einfach den Staubsauger geholt und kurzen Prozess gemacht. Das hat seine Zeit gedauert. Immer wieder erblickte ich ein neues Insekt. Das machte mich traurig. Ich dachte, dass ich ja keine andere Wahl habe. Wenn ich sie nicht einsauge, dann kann ich in ein paar Tagen das Zimmer gar nicht mehr betreten. Und wie ich jetzt auf die Wanduhr aus Pappe blicke, mit einem Zifferblatt, dass so klein ist, dass ich es trotz Brille kaum als Zifferblatt erkennen kann mit easy Chillout im Hintergrund, vermisse ich fast die Termiten. 

Frölein!

Um es gleich vorweg zu nehmen, die Pausen gestalten sich kurz für einen Krustenbraten, an freien Tagen ist das Gehirn auch nicht recht zu gebrauchen, wenn es betriebsbereit ständig Gesichter mit Gerichten und Tischnummern verbindet und eine der schwierigsten Fragen beispielsweise lautet: „Haben sie richtigen Schinken?“ Die Sprache leidet, wird schlampig, je strenger das Haupthaar nach hinten gekämmt und von einem Haarband zusammengehalten wird, damit ja kein Haar in der Suppe landet.