Wandervogel

Der Spaziergang hat heute länger gedauert und war weniger ergiebig als sonst. Überlegungen zu den gepflegten Bauernhäusern mit den Geranienkästen. Das Giessen der Pflanzen beansprucht im Sommer über eine Stunde, die Pflege des Gemüse- und Kräutergartens ist dabei noch nicht eingerechnet. Finde diese Frau, welche die Blumen pflegt und das Kind stillt. Ich blicke durch Fensterscheiben in geschmackvoll renovierte Stuben, aber ich sehe die Frau nicht.
Ins Denken kommen funktioniert gerade eben mit dem Computer schlecht. (Daher meine Sehnsucht in jene Stube zu gelangen, überhaupt in eine Stube zu gelangen, in der mir jemand einen Schwarztee mit Milch und Zucker und dazu Bräzeli offeriert, im Hintergrund läuft das Radio, und jemand klagt, dass die Augen immer schlechter werden, während mein Blick auf die Häkeldecke fällt und die Nase zufrieden den vertrauten Rasierschaum riecht, die gefüllten Äpfel im Backofen, und Vanillezucker, der übers ganze Jahr hinweg in der Luft liegt, aber am meisten im Spätsommer.)
Das Schreiben am Bildschirm suggeriert eine Linearität, die das Denken an sich nicht hat. Wieder zu Hause setzte ich mich nicht hin, um dieses Protokoll zu verfassen. Nein, ich erledigte meine Steuererklärung. (Wobei ich nach gestrigem Protokoll geneigt bin anzunehmen, dass auch der Computer eine Biographie hat: Mein Laptop ist krank, vermutlich leidet er an einem Virus. Er will nicht mehr hochfahren. Mein altes Gehäuse, geht mir durch den Kopf. Die Architektur (alte Textfragmente bilden eine seltsame Zellstruktur) stimmt nicht mehr. Ich muss diesen Laptop hinter mir lassen, abstreifen, wie ein zu eng gewordenes Schneckenhaus.) Auf der Suche nach der Kaufquittung kam mir der Gedanke, eine Geschichte anhand der Kaufquittungen der letzten zwei Jahre zu schreiben. Eventuell hat jene Person, die offenbar gerne Schuhe kauft, etwas mit der Person, die keinen Text zu Ende schreibt, zu tun. Eventuell geht sie zu viel und schreibt zu wenig.
Noch nie zuvor war ich auf dem Hügel mit dem Gehöft gewesen. (Ich hole mir Orangen-Karotten-Saft aus der Küche, und lösche die Erklärung, dass ich gehe, um nicht irr zu werden.) Sollte ich vielleicht das Reiten lernen? Wie doch der Pferdegeruch beruhigt. Ich betrachtete erstaunt die feinen Härchen der Nüstern, streichelte das Tier. Warum sind wir Freunde? Araber sind sehr ausdauernd und zäh, Jahrhundertelang waren sie die Reittiere der Beduinen. Vergangenheit und Zukunft sind in diesem Moment vereint. Der Araber mag den Geruch des Menschen (auch wenn ein Beduine vermutlich besser riecht als eine parfümierte Schweizerin), der Mensch versorgt ihn, wenn er ihn sicher auf seinem Rücken trägt. Ein Jahrtausendealter Deal. Und schon ist das Denken wieder weg, wird Skelett, logisch und leblos. (Im Keller auf der Suche nach der Kaufquittung fiel mir ein Buch in die Hand: Fit fürs Leben.) Das Denken starrt gegen eine weisse Mauer. Die weisse Mauer ist stumm. Das Sein ist anders, das Sein entspringt aus der Traurigkeit, man springt in es, bis die Traurigkeit schon wieder etwas anderes ist. Das Sein ist wellenartig, die Gedanken haben keine feste Struktur, sie regnen aus, ziehen wieder ab, blasen heran – früher wusste man das. Früher unternahm man auch nicht die tollen Versuche, Denken und Fühlen voneinander zu trennen. Früher bekamen die Fische Kopfschmerzen, wenn sie einen Wasserfall hinunter gespült wurden. Was, wenn Goethe nicht gefühlt hätte? (Er hätte sich die Sache mit dem Rosenlaui und der Engstlenalp geschenkt. Was dabei herauskommt, wenn einer seinen Geburtsort nie verlässt, sehen wir bei Immanuel Kant. Er gab der Metaphysik den Todesstoss und seine Sätze liest man am besten in einer Gummizelle, dort, wo Gott nicht ist.) Das Denken ohne Gefühl erzeugt tote Materie. Jeder Satz, der nicht über einem Lagerfeuer getrocknet wurde, begleitet von urtümlichem Gesang, ehe er in die Welt hinaus geschickt wird, jeder Satz, der nicht zuvor durch den Körper ging, wenn der Körper zuvor nicht ging, ist überflüssig (weil nicht flüssig.) Wer will denn schon aus grünen Aprikosen Konfitüre machen. Wir brauchen ausserdem Sätzetrockner, abgeerntete Maisfelder beispielsweise (eventuell eignet sich auch Duchamps Flaschentrockner; die Sätze liessen sich auf Papierschnipseln aufspiessen, womit auch endlich die Erfindung des Readymades einen Sinn erhielte.) Unter der Spätsommersonne werden manche Sachverhalte plausibel, da verlieren Sätze ihre Überheblichkeit und werden selber zu Nüstern, die Kontakt suchen. Gedanken ohne Resonanzfelder verblassen, werden zu Staub, und in dieser Wüste wiederum kann nichts wachsen.
Wie konnte sich das Denken vom Körper lösen bei gleichzeitigem Körperkult? Das Gegenteil, ein Denkkult, ist hingegen nicht auszumachen. Denken ist kein Saunagang. Die Schweisströpfchen auf dem Handtuch erzählen keine Geschichte – wobei! Denken ist die Überwindung, kalt zu duschen. Jedenfalls, um für heute ein Ende zu finden, müsste denken wieder an eine Geschichte gekoppelt werden. Und Computer sind zu jung, um gute Geschichten zu erzählen. Denn das wichtigste, die Liebe, die kennen sie nicht. (Und sie kennen nicht den galoppierenden Araber mit dem Beduinen auf dem Rücken, der Sand ins Getriebe bringt.)

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Merci!

Ich bin noch gar nicht dazu gekommen, mich bei der Gruppe Edvard Kunzt für den Edvard Kunzt Preis 2014 zu bedanken: Merci! Die Nachricht erreichte mich in einem Moment der Transzendenz. Ich schrie laut: „Moment!“, und weiter: „Der Kuchen wird schliesslich nicht warm!“ Also denken sie daran, sollte ein Kuchen, den sie überbringen müssen, Stress in ihnen auslösen, schreien sie einfach laut: „Moment!“. Das bringt Glück. Sie werden sich erschrecken, da sie feststellen, dass ihnen der Moment abhanden gekommen ist. Also nehmen sie sich ihn zurück. Schreien sie überall und wann immer ihnen etwas nicht in den Kram passt: „Moment!“ Die Welt wird hinhören. Der Moment wird kommen.