Der unsichtbare Dirigent lässt die Menschen in den Bauch atmen!

Im Park Cismigiu betrachte ich die Fasane. Penner liegen auf Bänken, und die Musik eines Karussells erinnert an Kindertage und Kinderlachen an die Gegenwart. Ich möchte in den Organismus der Stadt eindringen. Stattdessen führt mich mein Weg an heruntergekommenen, leerstehenden Villen vorbei, die von kläffenden Hunden bewacht werden. Ich bleibe draussen, weil meine Seele noch zu ungeschliffen ist. Die Gesichter der Menschen liegen irgendwo in Träumen. Mit glänzenden Augen gehen sie aneinander vorbei. Ihnen erscheinen die Namen von Propheten und Schutzheiligen.

Nachts warten junge Frauen in Seidenblusen und Faltenröcken in den Ruinen auf einen Leuchtkegel. Die Seelen werden in grosse Waschzuber gesteckt, und in Honigmilch gebadet. Dann trocknen sie an den Wäscheleinen, die sich quer über die Stadt vom Norden bis in den Süden spannen.

Fällt einem im Park Cismigiu eine Haselnuss auf den Kopf, so möge man sie essen, was so viel heisst wie: Carpe Diem. Nichts ist wie es scheint, aber was scheint, ist schön, denn der Lichtkegel kommt von Gott.

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Die Hinweise häufen sich

Vor der Wohnungstüre flattern die Tauben umher. Ich höre sie auf dem Blechdach schräg gegenüber landen. Dann wiederum vernehme ich Geräusche, die nicht eindeutig den Vögeln zuzuordnen sind. Der Concierge wischt den Innenhof. Ich habe vergessen zu betonen, dass der Titel „Welcome to Bucharest“ natürlich mit einem östlichen Akzent gelesen werden muss.

Mein Blick fällt auf den Kochlöffelbehälter aus Blech, der mit dekorativen Löchern versehen ist. Das Modell stammt von Ikea, und die Beobachtung, dass in jeder WG und in jeder Ferienwohnung in Europa dieses Modell steht, macht mich fix und fertig.

Monsieur Clair hat den Internetzugang gesperrt. Und in der Tat kommt es mir doch höchst seltsam vor, zu reisen, um am neuen Ort die gewohnte Oberfläche abzurufen, um sich in den gängigen sozialen Netzwerken zu bewegen. Es wird wieder eine Generation junger Männer geben, die vor lauter Überdruss und Langweile euphorisch in den Krieg ziehen. Männer, die das Authentische suchen.

Meine Gedanken bröckeln wie der Sandstein der Palazzi, Engel, die zu Staub zerfallen. Leider liegt meinen Gedanken keine Jugendstilarchitektur zu Grunde. Um die Sache mit dem Internet zu klären, habe ich Monsieur Clair angerufen. Dabei fiel mir auf, dass ich vergessen habe, wie man eine Konversation führt. „Do I exist?“ Habe ich ihn gefragt. Daraufhin sprach er meinen Namen auf eine Weise aus, die mich zusammenzucken liess, als ob er mich tatsächlich kennen würde. Also scheint es mich wenigstens in Monsieur Clairs Bewusstsein zu geben. Er nannte mir eine Strasse, Strada George Enescu, Nummer 15, dort sollte ich hingehen. Also machte ich mich auf den Weg. Im Kopf begleitete mich das Bild der übernatürlich grossen, nackten Frau, von der ich geträumt hatte. Leider hatte sie kein Gesicht oder vielleicht glücklicherweise, vielleicht wartete sie darauf, mein Gesicht zu bekommen. Ich würde mir nur noch ein passendes Kleid aussuchen. (Das Land hat wunderschöne Trachten – raffinierte Spitze und bunte Stickereien.) An der Strada George Enescu 15 befand sich eine winzige Eisdiele. Der Besitzer strahlte mich an. (So wie er strahlte, konnte es sich bei dem Mann nur um den Besitzer handeln. Meistens sieht man den Menschen an, ob ihnen etwas gehört oder nicht.) Mit Kennerblick vermass er meine Gemütsverfassung, dabei legte er seinen Zeigefinger auf die Unterlippe und sagte: „Mokka. A bitter sweet symphony.“

welcome to bucharest

Monsieur Clair, der Chefarzt des Seelenkrankenhauses Bucuresti dreht den Brillenbügel in seiner Hand, dann sagt er: „It ’s not so bad, as it looks like, i don’t want to say, that you look bad, but, well, we have to bring your soul back in its proper environment.“ Dann steckt er mich in einen winzigen Aufzug, der wohl noch aus den 20er Jahren stammt. Ich schliesse die zwei inneren Flügel, während Monsieur Clair mir nochmals zuraunt: „35th floor.“ Ich drücke die drei, dann die fünf, obwohl das Haus nicht mehr als fünf Stockwerke zu haben scheint. Oben angekommen, führt mich linkerhand eine Türe zu meinem Apartment. Ein kleiner Balkon, der den Blick auf den Innenhof mit seinen Tauben und anderen mit Traubendreck überzogenen Balkonen frei gibt, führt mich schliesslich zu meinem Eingang. In der Wohnung riecht es nach Putzmittel. An den Wänden hängen billige Poster nostalgischer Fotos aus den 20er Jahren. Auf die Küchenkacheln hat jemand Muschel-Sticker geklebt, und einen Eisvogel.

Ich lege mich aufs Bett und breite meine Flügel auf einer verblichenen Bettdecke mit Blumenmotiven aus, die wohl einmal über einen Versandkatalog bestellt worden war. „Völlig verklebt!“, höre ich eine Stimme sagen. „In welchen Gefilden sind sie da bloss herumgeflogen!“ Ich träume von jungen Katzen und von Mircea, der sich im Traum mit dem Schriftsteller Mircea Cartarescu und dem Philosophen Mircea Eliade vermischt. Ich möchte den Widerspruch zwischen seiner spiegelglatten Oberfläche und seinen inneren Stürmen verstehen. Ich muss wohl davon ausgehen, dass seine inneren Stürme an ihm selber vorbeiziehen, als ob er selber bloss Zuschauer ist.

Verwirrt stehe ich auf. Ich habe drei Stunden geschlafen. Nachmittags sind die Träume am Intensivsten, vielleicht, weil dann die Türen zum Tiefschlaf noch nicht offen stehen und man in einer Zwischenwelt verweilt. Ich glaube, die Kunst des Lebens besteht darin, alle Handlungsstränge zusammen zu bringen, auch die verlorengeglaubten, die vergessenen, die ergebnislosen. Es muss einen Moment im Leben geben, indem alles aufgeht. Ich sage nicht, dass dieser Moment den Gesetzen der Logik folgt. Oder aber wir leben ein Leben im Tiefschlaf.

Zum 175jährigen Geburtstag und Neuanfang (im Traum schrie ich: Ich will nicht sterben!) des Gymnasiums Thun Seefeld

Eine gute Bildung ist ein gutes Fundament, nur kosten soll sie nichts, schliesslich ist nicht restlos geklärt, was eine gute Bildung denn wirklich bringt. Was soll denn bitteschön ein Fundament sein? (Heute wo wir wieder über Atombomben sprechen, machen Fundamente nun wirklich keinen Sinn.) Das Schöngeistige, ja das, das Geisteswissenschaftliche, ach ja das, das Musische, nun, das bringt ja nun wirklich kein Geld ein.

Ich bin der beste Beweis dafür. Ein Exemplar des dritten Jahrgangs des nur fünfzehnjährigen Experimentes Gymnasium Thun Seefeld. Was ist aus mir geworden? Ich schreibe. Ich bin 31 und befinde mich mit meinem schreiberischen Unterfangen noch ziemlich am Anfang, nach zwei Jahren nach Abschluss eines äusserst dubiosen zweiten Studiums, nämlich literarisches Schreiben. So sieht also die Verschwendung von Steuergeldern auf zwei Beinen aus. Generation Maybe werden wir genannt, die planlosen Dreissigjährigen, die Unentschlossenheit mit Flexibilität verwechseln. Die Begriffe spielen ja auch keine Rolle, solange der Zauderer oder die Zaudernden, um geschlechtsneutral zu sprechen, sich jugendlich fühlen, denn nur Jugendliche sind gute Konsumenten: Sie wollen alles haben! (Und möglichst nichts dafür tun.) Reife findet in Marktgesetzen keine Anwendung. Reife blockiert das Wachstum! (Daher dürfen Kinder in den USA gar nicht erst mit Früchten und Gemüse in Berührung kommen.)

Die Wurzeln meines verschwenderischen Geistes liegen hier in dieser Bildungsinstitution. Hier habe ich etwas erfahren, was ich später nicht mehr so leicht wiederfinden sollte. Wohlwollen. „Das Gute zu wollen“, steckt bereits im Wort. Für Immanuel Kant ist Wohlwollen die einzige Primärtugend: „Es ist überall nichts in der Welt, ja überhaupt auch außer derselben zu denken möglich, was ohne Einschränkung für gut könnte gehalten werden, als allein ein guter Wille“. (Heutige PPP-Lehrpersonen würden ihm für diesen Satz nicht gerade mangelnden Willen unterstellen, aber zumindest ein V für mangelnde Verständlichkeit am Seitenrand anbringen.)

Formen des Wohlwollens sind Solidarität, Mitleid, Dankbarkeit und Sympathie. Verständlich, dass keine Firma dieser Welt Wohlwollenspraktikumsplätze ausschreibt. Konkurrenz, und nur die belebt die Wirtschaft, beinhaltet genau das Gegenteil.

Ich erinnere mich an die vielen Projekte, die wir selbständig realisieren durften, damals als „Projekt“ noch kein Unwort und Scheitern noch fremd war, als im ästhetischen Experiment noch kein Dünkel mitschwang, als die Dinge noch keine festgeschriebene Bedeutung hatten, sondern die Bedeutung, die wir ihnen gaben. Der Umgang mit Mobiltelefonen war noch sehr rudimentär, Internet sekundär, was Google sein sollte, begriff ich lange nicht. Eine Suchmaschine, die ihrerseits Daten sammelt, um diese Daten auszuwerten, um die Suche weiter zu perfektionieren, dem Nutzer auf dieser Suche Angebote zu machen, und mit den Angeboten natürlich Geld. Die NSA findet ihre Leute bei Google. Und Sache der Geheimdienste ist es nicht, Kriege zu verhindern, sondern anzuzetteln, um neue Märkte zu erschliessen.

Seit dem Erlangen meiner Maturität und heute ist also alles irgendwie ziemlich diffus geworden. Wie ein Schneckenhaus tragen wir unsere Online-Identität mit uns herum, um uns in ihr zu verkriechen. Wenn meine Stiefel auf dem Boden aufschlagen, Boden, der in Zonen eingeteilt ist, etwa in Raucherzonen, in Parkzonen, in Fussgängerzonen, die in Privatbesitz sind, wo unliebsame Personen weggewiesen werden dürfen, da hallt es in meinem Kopf wieder: Welches Fundament? Suche ich das Fundament in geistigen Gefilden, in Form eines kollektiven Gedächtnisses vielleicht, treffe ich auf die Planierraupe, Russisch und Altgriechisch sind Geschichte, dem Latein soll es ähnlich ergehen, den christlichen Glauben können wir auch bald beerdigen, schliesslich studiert niemand mehr Theologie.

Mit dem Seefeld verbinde ich einen Ort der Imagination. Und wenn Bildung eines kann, dann ist es das Schleifen dieses Juwels – der Einbildungskraft. Die Imagination ist die einzige Kraft, die uns weiter bringt, wenn die Welt um uns herum oder in uns drin eng wird.

Von daher wünsche ich der neuen Bildungsinstitution nicht besser als ihre Vorgänger zu werden, da sich Tugenden wie Wohlwollen und Fähigkeiten wie Phantasie nicht messen lassen.

Sollte bei dieser Fusion aber tatsächlich ein neuer Zellkern entstehen, dann möchte ich ihn Imagination nennen. Um es mit André Breton auszudrücken, der Gegenstand meiner Maturalektüre war:

Es ist wahrlich nicht die Angst vor dem Wahnsinn, die uns zwingen könnte, die Fahne der Imagination auf Halbmast zu setzen.