Accesul interzis

das haus, ich wollt dir noch schreiben, dass mich die gegend an stalker von tarkovsky erinnert. auf google map geht die strasse nur bis 11 oder 13, die pensiun trägt aber die nummer 23. ich habe mir zuvor die strasse auf google earth angeschaut, dachte mir auch nix dabei, dass der weg nicht weitergeht, ist er halt noch nicht erfasst. der gastgeber holte mich dann auch vom bahnhof ab. heute wollte ich zum bus, habe aber den falschen weg eingeschlagen. dann ging plötzlich ein hund neben mir. ich verhielt mich ruhig, hauptsache er bellt nicht, dachte ich, bis er plötzlich voraus ging, und sich immer wieder nach mir umdrehte. also folgte ich ihm. er führte mich exakt auf den weg, der auf google nicht weiterführte. so spazierten wir zusammen durch den wald. bis zu einem schild: zutritt verboten. wir blieben beide stehen. fünfzig meter vor uns ging ein mann, er schien uns nicht bemerkt zu haben, gefolgt von zwei hunden, auch die nahmen keine notiz von uns. ich gab meinem hund mit dem kopf ein zeichen umzukehren, und so gingen wir den weg wieder zurück. es war der hund vom nachbarn, wie mir dieser später versicherte. kaum waren wir wieder beim haus, legte sich blacky hin und schlief ein.

aber was befindet sich in diesem waldstück?!

der himmel übrigens ist frei von kerosinspuren – wegen des nahen krieges

sibiu

Die Sätze wurden mir zu eng oder die Stadt zu unkonzentriert, zu touristisch, zu überladen, zu konsumistisch. Ich habe ein wunderschönes Amulett erstanden, aus Fimo gefertigt, wie mir die Verkäuferin versichert hat. Ich fragte: You made it? Sie sagte, nein, ihre Freunde, sie helfe nur. Dann habe ich sie beobachtet, wie sie das Geld einsteckte, es war nicht viel. Und in diesem Blick lag einfach nur Freude und Stolz, etwas verkauft zu haben. Und ich betrachte das Amulett immer wieder, es ist wunderschön, filigran, ein Ornament, eingefasst in eine silberne Halterung, kein echtes Silber. Das Ornament ist das Silber. Rot-schwarz, eine Blume, ein Kreuz, auch ein Käfer könnte diese Zeichnung tragen. Ich dachte an das archäologische Museum in Constanta. Jede Kultur hat ihren Schmuck gehabt, nur wir haben heute keinen Schmuck mehr. Nur noch zufälligen Trashschmuck oder Billigschmuck, den Diamanten der Eliten nachempfunden.

Nichtssequenz

Die Parkanlage mit dem See liegt vor mir wie eine Fototapete aus den 70er Jahren. Ich warte darauf, dass mir ein Scheinwerfer ins Gesicht zündet, und jemand genervt ausruft: „Bettina!“ Ich setzte an zu einem Monolog, der aus der Zeit fallen soll und ich mit ihm. Ich dehne die Worte. Die Strassen sind viel zu breit und jede Strasse gleicht der anderen, gesäumt von ewig gleichen Wohnanlagen. Die Stadt hat zu viel Platz und zu wenig Menschen. Und gäbe es genügend Menschen, welche all die Wohnungen bewohnen und beleben, würden die breiten Strassen sie immer noch voneinander trennen. Am Strand sieht es aus wie nach dem Krieg; die heruntergekommenen Buden und Restaurants sind geschlossen. Einzelne Männer stehen wie Wachen herum. Sie tragen schwarze Lederjacken. Am Hafen reiht sich Kran an Kran, Hunde bellen. Wer das Gelände betritt, muss lebensmüde sein. Es versprüht den Atem von Drogen, Waffen und Leichen.“ Im Film wird jetzt deutlich, dass ich in ein kleines Mikrofon spreche und mit jemandem telefoniere. Vielleicht wird sich auch ein Arm um meine Schulter legen.

Ich setze mich ins Restaurant, wo ich einen Teller mit Oliven, Tomaten, Paprika und Käse serviert bekomme, dazu Brot. Gestern gab es dazu ein Omelett. Ich bin der einzige Gast.

Frühstück

Die Gegenwart rollt nachts ihren roten Teppich aus, der Falten wirft. Über die Falten stolpert man, wenn man sie nicht glättet. Im Schlaf kommt meine Grossmutter aus dem Reich der Toten zurück, und hilft mir den Teppich zu spannen. Ich hoffe, dass sich die Platten nicht bewegen, damit die Erde nicht zu beben beginnt, denn dann hilft auch der Teppich nichts.

Und morgen suche ich das Meer

Herzen werden auf Häuserfassaden gesprüht, irgendwo müssen sie ja hin die hüpfenden Herzen. Nur wenn es richtig klopft in der Brust, kreisen die Möwen über den sozialistischen Wohnkomplexen. Dann färben sich die Blätter gelb und das rostige Viadukt glitzert im sanften Herbstlicht. Die Stoppelfelder erstrecken sich bis zum Horizont. Wolken türmen sich streng symmetrisch, ein Pferd steht am Bahngleis und irgendwo geht ein Mann auf einer Allee. Er trägt einen schwarzen Hut und die Allee führt nirgendswo hin.

Angst ist eine rumänische Lebensmittelkette

Ich gehe die Angst suchen, damit sie mich nicht wieder wie ein streunender Strassenköter anspringt. Die Angst hat mir bereits ein Loch in den Bauch gefressen. Dort hat jetzt der Verrat Platz.

An der Strada Mircea Vulcanescu muss sie schlafen. Ich klingle bei der Nummer sieben. Mircea öffnet mir die Türe, schaut mich forschend an. Als ob er mich bereits erwartet hätte, deutet er mir einzutreten. „Still dressed in white“, sage ich. Er führt mich in ein Wohnzimmer, das mit Louis Quinze Sesseln ausstaffiert ist.

Mircea verschwindet in der Küche, um ein paar Minuten später mit einer Flasche Rotwein zurückzukommen. Er präsentiert mir die Etikette, mein Jahrgang, sein rechter Mundwinkel zuckt, „meeting each other after seven years is like middle class people do“, but, sagt er, „they drink a cup of tea, or just water.“ „Please open it for us Darling.“ Er geht zum Plattenspieler und legt Tschaikowsky auf. Schwanensee. Ich getraue mich kaum zu atmen. Er riecht immer noch nach Zitrone, wovon mir schwindelig wird. „Why did you come?“, fragt er, während er mich wie ein seltsames Insekt in Augenschein nimmt. Ich glaube, ich erröte. Wir erheben die Gläser, ihr Klang lässt mich erschaudern. Mircea fixiert mich weiter, schüttelt den Kopf und sagt: „You want tob e strong, but deep inside you still want to be dominated.“ Dem männlichen Machtwunsch ist nicht beizukommen. Wer aus Liebe Dominanz macht, führt nur die Angst an der Leine. Bevor ich antworten kann, zieht Mircea einen Vorhang. Auf einer kleinen Bühne stehen zehn Frauen nebeneinander aufgereiht, wie im Krimi mit Nummernschildern versehen. Die erste ist Alaska, meine Romanfigur. Alaska mit Pagenschnitt, in kurzem Kleid über Leggins. Sie sieht aus wie siebzehn. Alaska ist gut als Frau, Alaska ist Nouvelle Vague, wäre ich Mircea, würde mich nichts so sehr ängstigen, als dass sie eine Falte bekommt, dass dieses Mädchen Gedanken hat, die ich nicht kontrollieren kann, dass sie andere Männer anschauen. Ich als Mircea würde Alaska in eine Burka stecken. Wie im Daumenkino wird Alaskas Erscheinung meiner immer ähnlicher. „The original is still the best“, sagt er, „the reality, life.“ Dem Leser ist wohl klar, dass Mircea lügt. Alaska als Fiktion ist natürlich unübertrefflich. Die Fi©ktion sei aber dem Mann vorbehalten.

Die Frauen im Osten gehen auf Stelzen, damit sie für ihre Männer unerreichbar sind (und keiner ihnen jemals weh tun kann)

Vor der Philharmonie posieren Männer mit durchtrainierten, nackten Oberkörpern. Einer winkt mir zu, als ob er sich für sein extrovertiertes Verhalten entschuldigen müsste.

In der Nationalgalerie schaue ich mir die surrealistischen Fotografien von Marcel Lefrancq an. Warum ist weniger der Fuss als die Hand ein wiederkehrendes Symbol im Surrealismus? Man möchte berührt werden, von Menschen, die man mag, ganz besonders von einem besonderen Menschen auf besondere Weise, man möchte berührt werden von Dingen, wie etwa einer Fotoausstellung. Ein Fuss berührt nicht, ein Fuss sucht den Boden. Manchmal besteht der Boden aus Kies, oft aus Beton. Selten aus Wiesen und frischgepflügter Erde. Nur Füsse in Highheels sind surrealistisch, weil sie die dazugehörige Frau in den Himmel wachsen lassen.

Die Berührung im Surrealismus ist wohl immer nur eine ästhetische, weswegen die Paare, die in Baumhäusern wohnen, sich selten lieben, weil sie damit beschäftigt sind, das Sofa festzuhalten.