Mann sagte irr

Man sagte ihr, sie könne Geld verdienen, und die Männer wären alles Schweine, sie könne Geld verdienen ganz ohne Grunzen im Hintergrund, notwendig wären nur ein paar Ferkeleien. Man strich ihr über die Wange, und sagte: „Nadjuscha, wie schön du bist. Mädchen wie du sollen frei und stolz sein, es soll für sie keine Grenzen geben.“ Und in der Tat sollten sich die Grenzen in ihrem Land schon bald verschieben.

Die Frau, die Nadjuschas Gesicht berührte, hatte eindringliche stahlblaue Augen. In ihrem Blick schwang etwas mit, was Nadjuscha erregte. Die Frau verstand etwas vom Geschäfte machen und von Männern und von den Reizen des weiblichen Körpers.

Nadjuscha unterschrieb einen Vertrag in dem stand, dass sie sich für die Rechte der Frauen einsetzen wolle. Sie willigte ein, für diese Zwecke ihren Körper als Mittel zur Verfügung zu stellen. Im Vertrag stand, dass sie als Model kein Problem mit Nacktheit hätte. Nadjuscha stellte sich zuerst einen Laufsteg vor, als sie die anderen Mädchen sah, die alle kleiner als sie waren, verwarf sie den Gedanken, und dachte an Kataloge, dann an Theatervorstellungen.

Im Trainingscamp schliesslich wurde ihr klar, dass auf ihrer Bühne kein Vorhang aufging, kein tosender Applaus sie begrüsste, kein Vorhang sie wieder vor der Wirklichkeit schützte.

Ihre Bühne war fortan das Leben, die Strasse mit ihren Menschen. Die Menschen waren gleichermassen Akteure wie Zuschauer: Grossmütter, Schulkinder, junge grölende Männer und Polizisten, welche für Ordnung in den Strassen zu sorgen hatten. Auf die Polizisten kam es an. In diesem Spiel mussten die Polizisten sie festhalten, umklammern, ihnen die Hände auf den Rücken binden, in diesem Spiel mussten die Polizisten sie berühren. Da sie oben herum nackt waren, und nur Farbspritzer ihre Brüste zierten, Tags wie Fuck the Police, Fuck, Fuck, Fuck, berührten die Polizisten ihre Brüste. Die Schweine.

Im Camp hatten sie das trainiert: Sich unter der festen Umklammerung der Bullen zu winden, und dabei nach der nächsten Kamera Ausschau zu halten, damit diese Kamera diesen Übergriff auf den weiblichen Körper festhalten konnte, während die Frau zappelte und schrie, um in dieser Umklammerung ihren Po fest an den immer steifer werdenden Staatskörper zu drücken.

Nach den erfolgreichen Aktionen, wenn alle Mädchen wieder aus dem Knast rausgeholt worden waren, gab es Lachsbrötchen und Sekt. Die Mädchen lachten schallend, und schimpften über die blauen Flecken an ihren Oberarmen, über die Wichser, die ihnen besagte Prellungen zugefügt hatten. Sie schauten sich zusammen die Nachrichten an, und der Wettbewerb entbrannte, welche Titten am besten zur Geltung kamen. Die Frau mit den stahlblauen Augen deutete auf Nadjuscha, die stolzeste von allen. Und während die Frau sprach, hallte das Wort „Stolz“ in Nadjuschas Kopf nach, sie betrachtete ihr Lachsbrötchen, das sie mittlerweile mit der gleichen Gleichgültigkeit ass wie Erbsensuppe. Sie erinnerte sich, wie ihre Oma das Wort ausgesprochen hatte, dann wurde ihr speiübel.

Sie hing über der Kloschüssel, Vladimir öffnete rabiat die Toilettentür, schwungvoll hätte er gesagt. Er versetzte ihr einen Klaps auf den Hinterkopf und stöhnte: „Sag bloss, du hast einen Braten in der Röhre.“  Vlad verstand viel von Frauen, noch mehr von Feminismus, aber ein Wohltäter war er nicht, schliesslich galt es eine Revolution vorzubereiten.

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