Nastrovje

Der Bärfuss wird zurückgerufen und mit fünf Franken belastet. Meine Schwester, die Bilder archiviert, fragt, wie man einen angebissenen Apfel bezeichnet. Ich sage, das wäre eine Frage für Matthias Zschokke. Ich empfehle „Apfel mit Bisswunde“.

Meine Wände habe ich mit Moos ausgekleidet. Ich überlege mir, wie ich zusätzlich den Duft des Waldbodens in mein Wohnzimmer bringen könnte. Zur Erdung.

Mein Herz rast wild durch die Gassen. Ich gebe den Strassen neue Namen. Zum Beispiel: Genazino-Weg. Hier probieren auf dem Bürgersteig Menschen ihre Prothesen aus. In einem Fenster entdecke ich wiederholt eine Frau mit einem absurd grossen Helm aus Baumwolle und Watte. Ich vermutete erst, es würde sich um eine Vorrichtung zum Haare färben handeln. Jetzt bin ich mir dessen nicht mehr sicher. Ich habe Angst, dass ihr die Ohren fehlen.

Ich fühle mich wie der 18 Jährige, dem sie bei der Rekrutierung sagen: Sie haben einen Herzfehler. UT UT. Doppelt Untauglich, bitte wegtreten.

Was ist mit meinem anonymen Anrufer? Vor meinem Fenster taucht ein Mann auf. Er sieht aus wie ein Bestatter. Oder ein Professor der Chemie. Oder ein Mann eines Dienstes, der meint, man würde ihm seine Schattentätigkeit nicht ansehen. Einer, der seinen Frust an einer einfachen Polizistin, die Knöllchen verteilt, auslässt. Ich sollte das Fenster öffnen und sagen: Lassen Sie doch die Frau in Ruhe, und kümmern Sie sich um ihr Akten. Bitte treten Sie aus meinem Blickfeld, ich kann mich jetzt hier nicht um sie kümmern. Was sie so unzufrieden macht, warum sie diese sonderbare Frisur tragen, die nicht als Frisur durchgeht, lange Fäden, die ihnen ins Gesicht hangen, wo sie sich doch einen schönen Anzug leisten können. Ich kann diesen Fragen jetzt nicht nachgehen.

Ich denke an Monsieur Clair aus Bukarest. Ich vermisse seine altmodische Erscheinung, sowie mich die Werbeanzeigen in den alten DU-Heften aus den 60er Jahren ganz kirre machen. Ich sehne mich nach dieser „Heim-Atmosphäre“, nach dem Martini und den Zigaretten, die ich dem Mann reiche, der zu dieser Einrichtung passt. Und er sagt: „Danke Gundula“. Und aus dem Nichts sagt er: „Weisst du wie man ein Sturmgewehr zusammensetzt?“

Wir unterhalten uns über Camus. Wir glauben, dass Literatur etwas bewegt. Aber dann sind wir mit Camus etwas spät dran. Natürlich bewegt Literatur etwas. Sie erfüllt genauso Propagandazwecke wie Hollywood. Plötzlich taucht wieder eine Nobelpreisträgerin auf, die sagt, wie schrecklich der russische Präsident wäre und dort wird eine Dichterin abgestraft, weil sie die moderne Reproduktionsmedizin kritisiert. Und dann beschweren sich die Kritiker lautstark darüber, dass die jungen Autoren so zahm wären, traurig, dass diese sich bereits selber zensiere, noch bevor die Verlage es tun, wodurch dem Journalisten nichts mehr zu tun bleibt, ausser sich gehörig zu langweilen. Und diese gezimmerte Langeweile wird schliesslich als Wirklichkeit ausgegeben. Die schöne Biedermann-Einrichtung, die vor globalen Katastrophen, dem nächsten Börsencrash, bewaffneten Konflikten, Flüchtlingswellen, sozialen Unruhen, Hungersnöten und Seuchen schützt. Die wird verteidigt, zumindest etwas.

Danke, durfte ich es wieder mal sagen. Das ist wie ein guter alter Vodka Shot. Stösschen, Pröstchen, Nastrovje. Mein tägliches Atemholen.

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