Die tägliche Gymnastik

„Herr Jesensky! Endlich kenne ich den Grund für die Weltmisere. Schuld sind die Frauen. Voilà! Sie machen sich zu Mittäterinnen des Mittelmasses, indem sie sich unreflektiert mit Männern von wenig Geist vereinen. Und das Mittelmass führt zu dieser elenden erodierenden Dummheit, welche das Herz und die Zellstrukturen angreift. Sie webt sich sogar in die DNA ein, das ist unschwer zu erkennen.“

„Sie nehmen etwas viel auf sich“, sagt Herr Jesensky. „Das kann man wohl sagen, ja! Aber wissen Sie was, Herr Jesensky, ich mache da nicht mehr mit. Ich werde mich mit keinem Mann mehr vereinen. Ich werde nicht weiter an der Verunvollkommung der Welt mitarbeiten.“

Herr Jesensky blickt auf meine polierten Schuhe. „Halten sie ihre Hypothese nicht irgendwie für menschenverachtend?“ „Gewiss, sie schmeichelt dem Menschen nicht. Aber wenn ich mir eine Bemerkung erlauben darf: irgendwie und menschenverachtend passen nicht zusammen. Entweder ist eine Handlung oder Haltung menschenverachtend oder sie ist es nicht. Sie meinen, ich müsse mich entscheiden, ob ich menschenverachtend leben will oder nicht vielleicht doch an meiner Haltung etwas ändere. Oder gleich beschliesse zu sterben, diese Möglichkeit besteht natürlich immer. Rein formal. Ich möchte natürlich das Alter kennen lernen, und mit ihrer unvollkommenen Bemerkung, die ich korrigieren musste, haben sie mich glatt auf den Weg geführt. Ich glaube, das Alter ist als Menschenfreund sehr viel angenehmer als es als Menschenfeind ist. Und wissen sie warum? Ein Menschenfreund hat Humor, das heisst, er muss Humor haben, um überhaupt Menschenfreund zu sein, denn wie gesagt, halte ich an meiner Hypothese fest, dass der mittelmässige Mensch nicht besonders klug ist.

Herr Jesensky lächelt. „Hören sie, wie schaffen sie es eigentlich, ihren Brotkasten so sauber zu halten?“, frage ich ihn. „Sie müssen regelmässig die verschiedensten Gefühlschweinereien über sich ergehen lassen, und bleiben dabei aufgeräumt. Ich hingegen verstaube stündlich. Und damit wären wir wieder beim Frausein. Die Frau kann eigentlich nicht viel für ihre Mittäterschaft, da ihr aufgrund des täglichen Gefühlsschlamassels der Orientierungssinn fehlt. Um von dieser Tatsache abzulenken, kauft sie sich ständig neue Schuhe, in der Hoffnung, dass ihr die Schuhe den Weg weisen. Sie müssen mich gar nicht so anschauen, ich weiss wovon ich spreche, und das ist auch der Grund, warum ich keine neuen Schuhe kaufe. Ich habe nichts zu verbergen, und stelle mich dem Chaos, im Gegensatz zu meinen Geschlechtsgenossinnen.“

„Schreiben sie diese Dinge auf?“, fragt Herr Jesensky. „Ja, natürlich. Ansonsten verliere ich den Überblick und vergesse, was ich bereits gedacht habe, und dann muss ich es nochmals denken, womit ich Zeit verliere. Die Zeit interessiert mich eigentlich nicht sonderlich, aber es gibt da einen Plan, den ich einhalten muss. Nicht umsonst sitze ich tagtäglich alleine in meiner Dreizimmerwohnung, dessen Decken so hoch sind, dass auch wirklich eine grosse Menge Gedanken darin Platz findet. Ich habe lange auf diesen Moment gewartet, alleine zu sein, damit ich ungestört meinen Geschichten lauschen kann. Dass ich jetzt bei ihnen sitze, ist eine vorübergehende Notwendigkeit, da in meinen eigenen vier Wänden nicht mehr genügend Speicherkapazität vorhanden ist. Sie sind sozusagen meine externe Festplatte.“

Herr Jesensky lächelt. „Ich meine, sie können nach Feierabend die Festplatte löschen, was sie ja bestimmt auch tun. Es geht mir primär um die Verbalisierung, und nicht darum, mir bestimmte Sachverhalte bewusst zu machen, was ja der eigentliche Sinn einer Psychoanalyse ist. Das Verbalisieren ist eine Sucht. Damit arbeite ich am Reinheitsgrad meiner Gedanken gemäss dem Guggerschen Reinheitsgebot. Ein abgestandener Gedanke hat nicht dieselbe Kraft wie ein frischer Gedanke, da geben sie mir doch recht oder? So wie ein weidegeschlachtetes Stück Rindfleisch energetisch verträglicher ist als ein Stück Rindfleisch aus der Massentierhaltung, das die Todesangst gespeichert hat. Aber ich esse ja ohnehin kein Fleisch. Zurück zu den Gedanken. Wenn ich meine Arbeit nicht gewissenhaft erledige, verfalle ich einem gewissen Autismus. Ich neige dazu, Gedanken wie eine Logikerin zu verknappen. Die Verknappungen erzeugen aber komplizierte Formeln, sodass mein Kopf leicht überhitzt. Und Formeln entfernen sich in ihrem Abstraktheitsgrad von der Quelle. Das Synthetische schadet der Welt. Ob das nun Drogen sind oder Polyester. Daher komme ich auch mit den meisten Menschen nicht klar. An ihnen ist einfach zu viel Plastik.“

Herr Jesensky schaut mich prüfend an. „Sie kommen aus dem Holz, das heisst, sie sind der prädestinierte Therapeut. Ich komme aus dem Ton, was meine Manie erklärt. Wer aus dem Ton kommt, sollte sich in Einsamkeit üben, da die Menschen dazu neigen, ihre Finger in den Ton zu drücken. Daher finden sie unter den Tonartigen viele Migränepatienten oder umgekehrt, die meisten Migränepatienten kommen aus dem Ton.“

„Aber Ton muss man doch brennen“, sagt Herr Jesensky. „Richtig. Aber das passiert erst ganz am Ende. Mit Hilfe des Holzes. Verstehen sie?“

Herr Jesensky denkt nach. „Das heisst, dass sie noch eine Weile an ihrer Manie festhalten, um nicht zu schnell ihre vollkommene Form zu erhalten?“

„In gewisser Weise ja. Sehen sie, es bringt mir nichts, meine vollkommene Form zu erreichen, wenn dann kein Ofen da ist. Und die vollkommene Form kann man nicht lange halten. Und es gibt nichts Schlimmeres als seine Form zu verlieren.“

„Aber sie können ja dann eine andere vollkommene Form annehmen.“ „Sie meinen, wenn ich einmal ein Aschenbecher war, eine Tasse werden? Das ist möglich, aber mit grossem Kraftaufwand verbunden. Die meisten Menschen überschätzen ihre Kräfte. Die entscheidenden Erfahrungen macht ein Mensch zwischen zwanzig und dreissig. Danach denkt er über diese Erfahrungen nach und gestaltet sein Leben gemäss seinen Erkenntnissen. Tut er das nicht und hält ständig Ausschau nach ganz neuen Erfahrungen, bleibt ihm irgendwann keine Zeit mehr, die Erkenntnisse umzusetzen. Sprich, der Mensch hat viel erlebt, aber nichts gelernt. Daher kann ich nicht einfach so eine Tasse werden. Eine entscheidende Frage ist auch, ob man zum Mund geführt werden will. So starke Nerven habe ich nicht.“

„Gut“, sagt Herr Jesensky. Die Stunde ist um. Ich bedanke mich und Herr Jesensky ruft mir hinterher: „Vergessen sie nicht, ihre Brille zu reinigen!“

Advertisements

Dösen in Dosen mit den Nachkommen Frischs

Im Halbschlaf denke ich: Das Gewehr geht ein Kind suchen, und das Kind trifft mein Herz.

Gestern Nacht schrieb ich:

Wenn die Alter vorbei sind, dann hauchen wir uns vielleicht an. Mit dem Rest Widerstand, der uns bleibt. Gehen Arm in Arm an Plakaten vorbei. Gemeinsam eine Geschichte zu schreiben, schliesst immer die ganz eigene aus. Ob die nun Scheitern wär oder Grössenwahn. Arm in Arm ist Mittelmass, so sagt man.

Wer sagt denn sowas? Aber es stimmt wohl schon, zum Kämpfen braucht man beide Arme, aber Widerstand denkt man sich besser als Schutzwall, und alleine wallen ist schwer. Man wird schneller mitgerissen, als man denken kann, Arme hin oder her.

Mein Haar hängt mir wie schlapper Schnittlauch vom Kopf. Ich sollte nach Krakau gehen, der Grund ist mir nicht weiter bekannt.

Ich gehe an einem Haus vorbei, an dem ein Schild hängt: Dario Jesensky, Psychiatre. Wie gerne würde ich Monsieur Jesenskys Zeit mit meinem schlechten Französisch stehlen. Ich stelle ihn mir wie einen Brotkasten vor. In seinem Inneren herrscht totale Ordnung und Sauberkeit, und er fragt mich, warum ich meine Schuhe nicht besser pflegen würde. „Es ist mir bekannt, dass Schuhe im Traum Ausdruck der Sexualität sind“, sage ich, „unterstellen sie mir, was sie wollen, mich würde eher interessieren, warum meine Brillengläser stets so schmutzig sind.“ Herr Jesensky sagt, ich solle mir angewöhnen, meine Brille stets vor dem Zubettgehen mit einem Brillentuch zu reinigen. Dann solle ich auch vor dem Mittagessen die Gläser putzen, und einmal in der Woche im Brillengeschäft vorbei gehen, dort gäbe es eine besondere Vorrichtung zum Reinigen der Nasenfahrräder, das sogenannte Brillenbad.

Herr Jesensky bietet mir eine Tasse Tee an, faltet seine Hände und wir starren uns fünf Minuten lang an, da ich nichts sage. Schliesslich sagt er, ob ich wisse, dass ich einen leichten Silberblick hätte. Ich verneine. Ich rezitiere mein kurzes Gedicht vom Kind und dem Gewehr, und er sagt, es wäre wohl nicht gut gewesen, wenn ich Gottfried Benn gekannt hätte. „Wieso?“, frage ich. „Die Frage stellt sich doch überhaupt nicht.“

Der Bärfuss wird ausfällig. Er möchte am TTIP-Verhandlungstisch sitzen, während die europäische Masse doch gerade im Begriff scheint, den Tisch zu verbrennen. Der Heimathass ist ein linkes Phänomen. Und wovon sollte er sich denn ernähren, wenn nicht vom Blocher, der den Anker sammelt. Und warum sollte ein Rechter den Anker nicht mögen dürfen? Den Hodler mag er übrigens auch. (Der Amiet ist ideologisch noch neutral!) Zum Glück gibt es nicht nur rechts und links, sondern auch noch oben und unten. Und der Lenz beklatscht den mutigen barfüssigen Auftritt, obwohl die transatlantische Kost doch täglich im deutschen Mainstream zu lesen ist. Dieses globale Geschwätz auch immer. Als Zwerge können wir doch auch ganz bescheiden leben, mit einem bedingungslosen Grundeinkommen beispielsweise.

Die Männer also reden kolossales Zeugs und gedenken im Geist Dürrenmatts und Frischs. Das Kolossale ist gleichzusetzen mit „Subjektives männliches Empfinden in Zeiten der kollektiven Verwirrtheit“. Früher nickte die Frau, und holte das Zigarrenkistchen. Heute sitzt sie dem Mann in der Redaktionssitzung gegenüber und denkt: https://www.youtube.com/watch?v=Q_0yaRVLeJ8

Daher muss jede Politik scheitern.

Arm in Arm ist Mittelmass, würde aber vermutlich Frieden bedeuten.