Provokation

Ich blicke in ein Personalvermittlungsbüro. Auf der Empfangstheke brennen vier Kerzen eines Adventskranzes. Soll ich reingehen, und die Verantwortlichen darauf aufmerksam machen, dass erst in einem Monat Weihnacht ist, und sie es doch unterlassen sollen, die Symbolik des Adventskranzes mit Füssen zu treten? Oder möchte das Personalvermittlungsbüro damit signalisieren, dass bei ihnen immer Weihnacht ist, sprich, es jederzeit geeignetes Personal vermitteln kann?

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Kino

-Abends um halb zehn nochmals eine Kasserolle Pop Corn machen

-Den Prop-Oscar aus dem Jahr 1981 begutachten

-feststellen, den ganzen Tag über kein Pop Corn genascht, nur einen Kaffee getrunken, und kein Subjekt verwendet zu haben

(Fast hätte ich geglaubt, ich wäre heute glücklich gewesen.)

 

Die Sinnschraube

Können Sie sich vorstellen, dass es Spass macht, über ein Wort nachzudenken, beispielsweise „Tisch“? Dann nehmen Sie dieses Wort und sprechen es rückwärts aus, und Sie erhalten „Schit“. Und plötzlich wissen Sie, warum man zuweilen zu sagen pflegt, dass die Kacke am Dampfen wär. Und Sie erkennen weiter, dass nicht so heiss gegessen wie gekocht wird, und weiter, dass das, was verdaut, nicht wärmer sein kann, als das, was in den Mund geschoben wurde, die Kacke also gar nicht dampfen kann, wenn man nicht Scheisse kocht. Und auch hier können Sie zwischen Gross- und Kleinschreibung wählen, und damit am Sinn schrauben. Das ist das Schöne am Schreiben, die Sinnschrauberei. Verstehen Sie, Herr Jesensky! Der Sinn ist nicht festgeschraubt. Sie können ihn nehmen, egal ob sie kleine feine oder eher feiste Finger haben, und ihn dort festmachen, wo Sie möchten. Auf dem Stuhl (AHA!), wenn Sie es bequem haben wollen. Sie können auch mit den Leuten arbeiten, die sagen, die Verdauung beginnt im Mund, aber ehrlich gesagt, bekomme ich bei solchen Redeweisen gleich eine Verstopfung.

Ach nein! Jetzt kommen Sie mir wieder mit Ihrer Wissenschaft, aber gut, nehmen wir als Beispiel die Wissenschaft, an der, wie Sie sagen, nicht beliebig herumgeschraubt werden kann. Sie irren sich. Machen Sie aus einem „A“ einfach ein „U“ und Sie erhalten ein Wissenschuft. Gerade in Ihrer Disziplin geht man doch von der Plastizität des Gehirns aus. Das heisst, der Mensch kann sich den äusseren Umständen anpassen. Manchmal sagt man auch einfach Charakterschwäche dazu. Aber das halten die Leute nicht für eine Krankheit. Schliesslich gäbe es ohne Charakterlumpen auch keine Haute Couture. Und so hängt alles zusammen! Sofern man natürlich an einer Hängung der Dinge interessiert ist, sprich, ästhetische Ambitionen hegt!

Regeln

Ich soll drei schöne Sätze schreiben, das habe ich mir aufgetragen.

(Satz 1)

Es ist schön, trage ich mir schöne Dinge auf; ich wäre gerne meine Schülerin (das Semikolon steht dort, wo der Punkt zu stark, und das Koma zu schwach wäre).

Jetzt war ich ziemlich verschwenderisch, und es bleibt mir kein Platz mehr für die Quintessenz, ohne gegen die Regel zu verstossen:

Ich liebe Regelverstösse.

 

Verquarkt

„Herr Jesensky! Ich fühle mich wie eine zerdrückte Blechdose, nur klingen tue ich hohl, als ob in meinem Gemüt ein Leck wär. Die Schwankungen betragen heute 20 Grad. Ich bewege mich auf dem Thermometer zwischen vier und 24, obwohl ich ordentlich atme, sodass sich meine Brillengläser beschlagen.“

„Sie tragen heute doch Kontaktlinsen“, wendet Herr Jesensky ein.

„Richtig, das war ja auch nur eine Metapher. Ich unternehme jede erdenkliche Anstrengung, damit mein Herz ein bisschen warm wird, aber alles nur heisse Luft. Keine Resultate. Nichts.“

„Dann lassen Sie es doch“, sagt Herr Jesensky. „Wer sagt denn, dass Sie sich jeden Tag gut fühlen müssen.“

„Das stimmt, ich habe mich in keinster Weise zum Glücklichsein verpflichtet.“

„Erzählen Sie mir von Ihren Träumen“, sagt Herr Jesensky.

„Ich träumte, wie mir ein bekannter Schriftsteller mit einem Bilderbuch das Absinken des Meeresspiegels erklärte. Dabei habe ich überhaupt nichts mit dem Meeresspiegel am Hut, der kann sinken oder steigen wie er will. Den Schriftsteller kenne ich auch nicht persönlich, ich kannte ihn nicht mal im Traum. Meine Gedanken müssen im Moment ziemlich verquarkt sein.“

Dann beginne ich zu weinen, und Herr Jesensky überreicht mir einen Schuh.

„Hier bitte, weinen Sie in den Schuh hinein, das hilft.“ Es ist ein rahmengenähter Herrenschuh. Nachdem ich fünf Tränen hinein geweint habe, schnüre ich den Schuh und überreiche ihn Herrn Jesensky.

„Kennen Sie den Auslöser für ihre Weinerlichkeit?“, fragt Herr Jesensky.

„Natürlich der Meeresspiegel“, schluchzte ich. „Und der Schriftsteller hatte dickes Haar und schwere Knochen.“

„Was meinen Sie mit schweren Knochen?“

„Es zog ihn in den Ton oder eher noch in die Schicht darunter.“

Ich schaue ratlos auf meinen Resonanzboden. In der Praxis riecht es nach Pilzen.

„Es riecht nach Pilzen“, sage ich.

Herr Jesensky öffnet seine Schreibtischschublade und überreicht mir einen Steinpilz.

„Hier, bitte.“

„Danke schön!“

„Nicht der Rede wert!“

„Na dann, bis nächste Woche.“

„Schmieren Sie Ihren Resonanzboden mit Arganöl ein!“

Ich bedanke mich.

„Nicht der Rede wert.“

„Doch“, sage ich, „gute Ratschläge sind teuer.“

„Siebzig Franken das Fläschchen, aber es lohnt sich. Ist auch gut für die Haare!“