Das vollgestopfte Leben

 

Ich versuche mich täglich zu entleeren. Ich halte den Ball flach. Ich denke schon lange nicht mehr nach, da ich irgendwo gelesen habe, man solle die Gedanken auftauchen und wieder ziehen lassen, sie aber ja nicht verfolgen. Daher bin ich auch beinahe vom Schreiben kuriert. Schreiben verstopft. Schreiben führt dem Weltgedächtnis so viel Unnützes hinzu, und das Nützliche, das will sich schlicht nicht artikulieren. Das Glück flieht vor der festen Form. So warte ich auf Geschichten, um sie mir anzuhören, und sie im nächsten Augenblick auch wieder zu vergessen. Und manchmal, wenn ich so dasitze und warte, vergesse ich, dass ich auf eine Geschichte warte, und wenn jemand bereit ist, zu erzählen, höre ich nicht hin, weil ich doch mit warten beschäftigt bin.

Immer wieder sagen mir die Leute, ich solle es doch sein lassen mit dem Warten, ich müsse doch etwas aus mir machen. „Aus meinem Äusseren?“, frage ich dann etwas gekränkt, wohlwissend, dass meine Hose nicht die neuste ist, mein Shirt verwaschen, und meine Haut etwas knitterig vom langen Schlaf, den ich so sehr brauche, weil mich doch das Warten erschöpft. „Mach doch einen Kurs“, sagen sie mir. Und wenn ich frage, wer dann auf sie warten würde, zucken sie mit der Schulter, und sagen: „Wer rastet, der rostet.“ „Aber ich steh doch nicht im Regen.“ Daraufhin schauen sie mich seltsam an. „Was trocken ist, kann nicht Rost ansetzen“, sage ich, und sie lachen verlegen.

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Vom Spektakel

Herr Jesensky will an mein Glück ran wie mein Zahnarzt an meine Weisheitszähne, von denen er behauptet, dass sie Löcher hätten. (So weit in meinen Mund hinein kann ich nicht schauen, also kann er alles behaupten. In Wirklichkeit spielen die Zahnärzte nämlich Quartett mit den Weisheitszähnen ihrer Patienten.) Herr Jesensky meint, das Glück berge immer ein gewisses Risiko, löchrig zu werden, es ginge einzig um die Prophylaxe, auch die Erosionen müsse man im Auge behalten. Wenn Herr Jesensky so spricht, überkommt mich der Drang, sein geordnetes Gesicht wie ein Berner Sennenhund abzuschlecken.

Wir strahlen uns gegenseitig an. „Was macht Sie so glücklich?“, fragt er mich. „Warum fragen Sie nicht, wo es mich glücklich macht? Man kann auf so viele Arten glücklich sein; beim Essen, beim Schlafen, im Kopf, im Mund, im Herzen, zwischen den Beinen, sogar in den Füssen kann das Glück wohnen. Waren Sie schon mal glücklich im Fuss?“ Herr Jesensky schaut mich zweifelnd an. „Wenn ich es mir so recht überlege, beginnt das Glück immer in den Füssen. Stehen Sie beispielsweise neben sich, sind Sie nicht vorbereitet aufs Glück. Befinden Sie sich am falschen Ort, werden Sie ihre Füsse woanders hinbringen, als auf der Stelle Glück zu empfinden.“ Herr Jesensky schaut auf meine Fussschiene. Ich zucke mit den Schultern. „Der Fuss sagt: Lauf nicht weg vom Glück! Bewege dich nicht. Bleib liegen. Ruhe dich aus. Die Zeit dehnt sich erst, wenn man still steht.“ Herr Jesensky hebt leicht die Augenbraue. „Wenn dann allerdings in diese Überzeit ein Spektakel tritt, droht das Spektakel die Überzeit zu okkupieren, bis nichts mehr bleibt von der Überzeit, als das Subjekt, das sich diesen Raum erdacht hat. Und dann hängt sich das Spektakel direkt an das Subjekt als Wirt dran. So sehe ich die Gefahren des Glücks.“ Herr Jesensky schlägt die Beine übereinander und beugt sich leicht nach vorn. „So wird man müde vom Glück. Oder sagen wir vom Spektakel, das sich als Glück verkleidet, angeschlichen hat.“ „Wann merken Sie, dass Sie müde sind vom Glück?“, fragt Herr Jesensky. „Gar nicht“, sage ich, „da ich prinzipiell immer müde bin.“ Ich stutze. „Es wäre durchaus denkbar, dass ich lange Zeit glücklich gewesen war, ohne davon Kenntnis genommen zu haben!“