„Identitäter“ von Sarah Hugentobler und Michael Glatthard

Der heimliche Fluchtpunkt

Drei Figuren in goldenem hautengem Overall und gelben Playmobilfrisuren sitzen auf einem aufblasbaren Plastiksofa und wippen leicht vor und zurück. Die drei bilden eine Identität: F.

Im Stück „Identitäter“ von Sarah Hugentobler und Michael Glatthard dürfen wir der Figur F, gespielt von Glatthard, direkt ins Gehirn blicken. F erhält Regieanweisungen einer Instanz, verkörpert vom Musiker Pascal Nater, die, auf einem Hochsitz thronend, sich immer wieder in Fs Erzählung einmischt. So soll F mit Hilfe einer Strange demonstrieren, wie er im Klassenlager bei einem Gesellschaftsspiel mit dem Besen getanzt hatte. Darauf wird F gnadenlos verlacht. Unterstützt wird dieser düstere Regisseur von einer weiblichen Figur, die immer wieder damit beschäftigt ist, eine Grossleinwand vor dem Protagonisten zu positionieren. Auf der Leinwand zu sehen: Sarah Hugentobler als ebendiese Figur, die das Gesagte erneut mit ihrer Mimik spiegelt. Während F spricht, lässt dieses Über-Ich nichts unkommentiert, obwohl es nur Fs Worte wiederholt, doppelt oder dieselbe Geschichte mit einer etwas anderen Färbung wiedergibt.

Unter der ständigen Observation scheitern Fs Versuche, sich zu behaupten, was er sich damit erklärt, dass hellhäutige Menschen einfach sensibler sind: „Sensible Menschen sind kreativer – etwas, das ich nicht zeigen kann“, sagt er. Schuld daran sind die anderen, die ihn nicht gefördert haben. Er ist „eine Perle, die in der Muschelschale geblieben ist“. So verschwindet F kurzum im Lüftungsrohr, nachdem er heroisch seine Beerdigung visualisiert hat. F kann einem leidtun, und er tut einem auch leid. Er möchte etwas tun, anstatt bloss darüber zu reden, aber die Stimmen in seinem Kopf hindern ihn daran. Diese zermürbende Selbstbespiegelung findet ihre Erlösung im Spiel, etwa wenn Hugentoblers Figur im Doppel auf der Leinwand grimassiert, synchron mit Glatthards Stimme. Mit halbgeöffnetem Mund ertönt ein Stöhnen aus der Kehle. Für ein richtiges Stöhnen tief aus dem Bauch fehlt die Kraft. Das Produzieren der sonderbaren Laute erzeugt schliesslich eine heimliche Freude am sinnfreien Spiel.

So findet auch die Inszenierung ihren Höhe- und Schlusspunkt in einem wunderbar surrealen Traumbild, welches das Publikum zum Lachen verführt: Drei Figuren in goldenen Overalls tanzen in Schuhen, die sich kringeln.

Der lebensgrosse Lehmhaufen, der in der Mitte der Bühne steht, bleibt indessen ungenutzt. Eingebrannt hat sich aber das Bild, wie sich F am Haufen abmüht, sich an ihn klammert, ihn schliesslich „erklimmt“, was als sportliche Leistung natürlich lächerlich anmutet.

Zum Glück gibt es aber also diesen Raum der Fiktion, der erst aus den nicht realisierten Möglichkeiten erwächst, und jedem Menschen offen steht.

 

Zu sehen im Schlachthaus:

Samstag 14. Januar 20.30 Uhr

Sonntag 15. Januar 19.00 Uhr

Dienstag 17. Januar 19.00 Uhr

 

 

 

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Der Eigentlicher

Kennen Sie das? Da ist jemand, mit dem sie sich blendend verstehen müssten. Eigentlich. Wäre er nicht ihr Bäcker. Ihr Gynäkologe. Ihre Dentalhygienikerin. Der Einfachheit halber konzentriere ich mich in diesem Beispiel auf ein männliches Exemplar, wobei das Geschlecht keine Rolle spielt.

Er hat den gleichen Humor wie Sie, was Sie seltsamerweise nicht gleich bemerken, da Sie beide gebannt auf den Witz warten und keiner gewillt ist, dem anderen ein Lachangebot zu unterbreiten. Zu aufdringlich. Zu forsch. Zu privat. Möglicherweise halten Sie ihn erst für hochnäsig. Oder für zu wenig mutig. Mittelmässig. Doch plötzlich entdecken Sie Kongruenzen: Die gleiche Joggingstrecke, die Vorliebe fürs Schwimmbad, wobei er seine körperlichen Ertüchtigungen eher im Stillen ausübt, fast im Geheimen. Ihr, ich will ihn „Eigentlicher“ nennen, verfolgt seinen humoristischen Ansatz nämlich auf sehr ernsthafte Weise, das heisst, er muss sich selber aus der Schusslinie bringen, damit nicht die Tatsache seiner Körperlichkeit mit seiner Humorigkeit konkurrieren könnte. Nicht dass an seiner Körperlichkeit irgendetwas Seltsames wäre, ausser eben die Geheimhaltung seiner Muskeln, sein sportiver Abgrund. Das verbindet Sie, die enge Jogginghose und der Blick auf den Hintern darin. Er überholt Sie immer.

Dieser Nichtfreund ist besser als ein Haustier, er ist unberechenbar und gleichzeitig so dynamisch wie ein virtueller Freund, der sich zusammen mit den eigenen Gedanken weiterentwickelt. Plötzlich sehen Sie ihn auch im Bioladen. Mit der Katze beim Tierarzt. Man kann ihn nach Belieben mit guten und schlechten Eigenschaften ausstaffieren, daher ist er praktischer als ein realer Freund. Er ist unsere Rosinenschnecke, der Gradmesser unserer gedanklichen Unbeschwertheit, der Helligkeitsgrad unsers gurgelnden Humors. Unser Barometer der Verschlagenheit. Der bewachte Aussenposten unserer Wahrnehmung.

Würde ich Ihnen verraten, wer dieser Nichtfreund ist, würden Sie in die Hände klatschen und ausrufen: „Ja, natürlich! Der Eigentlicher! Warum bin ich nicht darauf gekommen! Den hätte ich auch gerne in meinem Resonanzfeld, so hochschwingend wie er ist!“ Oder aber Sie zucken mit der Schultern und sagen: „Na ja, aber zum Essen würd ich den nie einladen, der frisst wie ein Schwein, und hat er einen geladen, bringst du ihn nicht mehr so schnell aus der Stube raus.“ Ein richtiger Eigentlicher verleitet einem zu närrischen Gedanken. Man möchte sich mit ihm zum Büchsenschiessen treffen, um anschliessend das Pleng-Pleng-Plätsch zu diskutieren. Was denn nun reizvoller sei; das Klirren der Büchsen oder der satte runde Aufprall des Tennisballes, Plong! Ein Eigentlicher weckt Erinnerungen und steht man ihm gegenüber, kommt einfach nix raus. Kein Ton. Kein Lacher. Nichts.

So beginnen Geschichten.