Sammlerin

Advertisements

Fortschreitende Fortschritte / Interwallungen mit Butter / Gedanken in weiss / Wirrsinn

Ich habe mich als Ausstellungsaufsicht zur Verfügung gestellt, da ich gerne Zeit absitze. Während solcher Sitzblöcke schiebe ich Gedanken auf meinem Gedankenspeicher herum, um verstaubte Gedanken abzustauben und aufzufrischen, wobei sich die guten Stücke im Auktionshaus der verbalen Würde wiederfinden.

Die Wände sind weiss, die ausgestellten Werke sind mehrheitlich auch weiss, weswegen ich mich schwarz gekleidet habe. In Tiflis habe ich Bibliothekarinnen am Empfangstresen der Wissenschaftsbibliothek als Ausstellungsobjekte wahr genommen, da sie sie sich mit ihrem ockerfarbenen Deux-Pièce und dem ordentlich gefalteten Foulard sehr geschickt ins kommunistische Mobiliar eingefügt haben. Angesichts der Weltlage wäre die Chamäleonstrategie zu überdenken, wobei ich heute den gehaltvollen Satz „Die Wahrheit muss verschleiert werden, weil sie zu offensichtlich und daher mächtig ist.“, notiert habe, und für mich die Wahrhaftigkeit täglicher Gradmesser meiner Stimmung ist. (In der Lüge werde ich krank und im Schleierhaften versumpfe ich, wenn ich nicht selber am Tuch webe, das wärmt.) Aber ich glaube, mir steht weiss einfach nicht.

Ich mag es, den Raum einmal ganz anders wahrzunehmen, sitzend, mit einer Aufgabe ausgestattet, meine Gedanken auf die weissen Wände und die weissen Kunstwerke gerichtet, während meine Genossen und Genossinnen den Ausstellungsraum passieren, um in ihre chaotischen Schlafräume und Ateliers zu gelangen.

Da ist beispielsweise ein weiss-gelblicher Würfel auf weissem Hintergrund, der sich mit der Videoarbeit „How to cut butter into a perfect cube“ assoziativ verbindet. Auf den Fenstersimsen liegen in Gips gegossene Zitronen und Äpfel. Die Arbeiten stammen von LAI Cheuk Wah Sarah, einer Künstlerin aus Hong-Kong. Die Ausstellung schlägt eine Brücke zwischen der Schweiz und Hong Kong. Daneben reiht sich eine Arbeit von Zilla Leutenegger: Ein weisses Modell eines Hauses, aus einem Leporello gefertigt, auf weissem Sockel. Auf das innere der weissen Wohnzimmerwände ist eine lesende Person im Schaukelstuhl projiziert, die immer für eine gewisse Zeit im Dunkel verschwindet, um dann wieder aufzutauchen, als ob sie mit dem Stuhl verwachsen wäre.

Titel der Ausstellung: „Interval in space“. Das Zeitintervall meint heute einen Teil der Zeit als Dauer, während das lateinische „Intervallum“ Zwischenraum oder Pause bezeichnet, abgeleitet von „inter vallos“, zwischen den Pfählen eines Schutzzaunes. Beim Schreiben schlüpfe ich durch diese Lücke hindurch. Ich fokussiere mich auf die Schlüsselmomente, die plötzlich eine Entwicklung sichtbarmachen, die sich langsam und stetig im Verborgenen vollzogen hat. Dabei wartet das weisse Blatt, stellvertretend für meinen Körper, auf die extrahierte Erfahrung, die sich fortan in die Zukunft transportieren lässt.

Gerade in diesen Tagen schiebt sich die Natur unerwartet und gewaltig ins Bild. Sie lässt den Felsen einstürzen und Geröllmassen ins Tal donnern. Murgänge schieben Schlamm und grobes Gesteinsmaterial hinter her. Zehn Meter hoch türmt sich der Schutt. Das Intervall des Bergsturzes verschüttet, vergräbt, verbirgt.

Was passiert mit dem Ausstellungsraum, wenn er durch ein äusseres Ereignis des Raumes, den ihn umgibt, selbst gestört wird? Und wo befindet sich der Betrachter in diesem Prozess? Verändert sich der Betrachter nicht durch jede neue Wahrnehmung?

Ob der Betrachter glücklich oder traurig ist, darauf nimmt das Werk keine Rücksicht. Ob es von jemandem Schlauem angeschaut wird, mit Komplimenten überhäuft oder beleidigt wird – es ist dem Werk egal. Man stelle sich eine Theateraufführung vor, die sich so zum Publikum verhielte! Dies war nicht zu allen Zeiten so: Malen sie sich den Lebenslauf einer misslungenen Büste von Kaiser Caligula aus, der 37 bis 41 das römische Reich mit strenger Hand geführt hatte. Die Büste wäre wohl kurz nach ihrer Vollendung, wenn auch hier dieser Begriff der Fertigstellung missverständlich ist, zerstört worden. Die Büste mochte kein Bewusstsein gehabt haben, für den Betrachter aber war sie Caligula und damit war Caligula in der Representation seiner Macht diese Büste. Er hätte ein unvollkommenes Abbild seiner selbst zerstören lassen. Ausserdem wurde Caligulas Andenken später vernichtet, eine gängige Praxis für unliebsame Personen im römischen Reich. Die Erinnerungen wurden aus allen Annalen getilgt, was bezeichnenderweise die Erinnerung an den verachteten erst recht herauf beschwor.

Angesichts der rasend fortschreitenden Fortschritte in der Reproduktionsmedizin müsste der Künstler beginnen, Kunstwerk für die Generation seiner Enkel zu gestalten, um sich künftige Popularität zu sichern. Das Publikum wird in absehbarer Zeit mit völlig neuen Wahrnehmungsgewohnheiten ausgestattet sein. Man wird das Ästhetik-Gen finden, und damit die Laufbahn künftiger Künstler und Kritiker noch vor der Einpflanzung des Embryos in die Gebärmutter des homosexuellen Mannes bestimmen.

Bereits heute können sich junge Leute kaum mehr eine Minute auf einen Gegenstand ausserhalb ihres Touchscreens konzentrieren. (Ich stelle mir die Antiquiertheit dieses Satzes vor, wie er in zwanzig Jahren von einem belustigten jungen Menschen vorgelesen wird, sowie ich heute über den naiven Gegenwartsanspruch zwanzigjähriger „Du“-Hefte lache.) Vielleicht werden die jungen Menschen via Chip in der Stirn direkt mit dem Internet verbunden sein. Das Werk wird die Informationen seiner Beschaffenheit als Impulse an die Hände, Augen und Nase weiterleiten, vielleicht auch an den Gaumen. Damit würde Kunst zum ersten Mal essbar, ohne sie verdauen zu müssen! Welch Aufwertung des Museumsbesuches!

Die Kunst hat uns das wissenschaftliche Weltbild nicht gerade näher gebracht – im Gegenteil: Kunst und Wissenschaft sind zu Sphären geworden, die nur Menschen mit entsprechender Bildung Einlass gewähren, wobei die Bildung sich an eben diesen Sphären orientiert. Das Wissen des Bauers, des Käsers oder des Produktionsmitarbeiters, vormals Fabrikangestellten, findet hier keinen Widerhall, obwohl gerade sie die Butter ins Bild rücken. Was aber ist die Butter der zeitgenössischen Kunst?

Die zeitgenössische Kunst schmiert sich gerne den Begriff der globalen Prozesse aufs Brot, in der Hoffnung, er würde eines Tages als Onomatopoetikum selbsterklärend seine Bedeutung offenbaren. „Globalerprozessglobalerprozessglobalerprozessglobalerprozess…“ Nichts als ein verbales Stolpern. Die Auswirkungen der Globalisierung lassen sich eben erst am Lokalen aus- und festmachen, bevor die grosse Planierraupe endgültig alles platt, glatt und gleich macht und das Wort Butter nur noch für Erzeugnisse aus Tiermilch gestattet.

In Nairs arbeiten Künstler aus aller Welt in ihren Ateliers, um ihre Begriffe von globalen Prozessen mit lokalen Sedimenten, eigenen Hoffnungen und Ängsten zu vermengen.

Damit ist Nairs ein Vorreiter der Glokalisierung, der Glukose eines neuen Diskurses, der sich in Scuol unter anderem auf Giacometti, Segantini, Kirchner und Nietzsche beruft. „Unsere Vergangenheit und die damit verbundene kulturelle Identität sind der Schlüssel für alles Kommende“, schreibt Christoph Rösch, Direktor und künstlerischer Leiter von Nairs im Leitmotiv.

Im Untergeschoss wartet derweil ein kantonesisches Volkslied, vom Künstler AU Hoi Lam in den rätoromanischen Dialekt Vallader übersetzt, auf seine Erweiterung, die vom Publikum mit Hilfe von aufliegenden Wörterbüchern in die bereit liegenden Notizhefte geschrieben werden können. Diese Fortsetzung wird schliesslich Gegenstand einer Ausstellung in Hong Kong sein. Die Arbeit trägt den Titel: Vom Verwickeln und Verlieren in einem isolierten System der Beständigkeit und Besessenheit. (Die Möglichkeit eine Geschichte neu zu schreiben.)

Die Ausstellung dauert noch bis am 29. Oktober und ist jeweils Donnerstag bis Sonntag, 15.00 bis 18.00 Uhr geöffnet. Fundaziun NAIRS, 7550 Scuol

Nächste öffentliche Führungen durch die Ausstellung:

  1. September, 20.00 Uhr  / 15. September, 18.00 Uhr / 19. Oktober, 18.00 Uhr

Anmeldung bis Vortag um 17.00 Uhr: info@nairs.ch oder Tel: 081 864 98 02

Das Geheimnis der erfolgreichen Handlung

  1. Erwartungen sind mögliche Zukünfte. Wenn wir nicht mit ihnen arbeiten, bleiben es Wünsche.

 

  1. Unsere Welt krankt nicht an zu hohen Erwartungen, sondern an einer falschen Vorstellung von Wünschen.

 

  1. Frei, seinen Erwartungen Gestalt zu verleihen, ist der Mensch dann, wenn sein Wünschen und sein Wollen zusammen kommen.

 

  1. Das Wollen manifestiert sich erst, wenn der Mensch in der Gegenwart ankommt. Vorher produziert er nur Gedankenbrei – das, was heutige Diskurse dominiert.

Über Stock und Stein

Ich bin glücklich, viel zu glücklich zum Schreiben. Was soll man denn der Welt auch mitteilen, wenn alle um einen herum laut ausrufen: „Wunderbar!“, „Wunderschön!“ und man ausnahmsweise gleicher Meinung ist. Das ist an Wundern nicht mehr zu überbieten und Wunder in Worte zu fassen, ist schier unmöglich. Man darf sie nur kurz anstupsen, wobei man dabei bereits ihr Verschwinden riskiert. Zerredete Wunder lösen sich auf, als ob sie niemals existiert hätten und der ernüchterte Betrachter beginnt sich zu fragen, ob sein schizophrener Geist, von dem er bisher nichts gewusst hatte, hinter seinem Rücken halluzinogene Substanzen einwarf.

Zurück zu meiner Sprachvorsicht. Ich bin sozusagen direkt ins Nirwana gefallen, um diesen Zustand mit einer nichtssagenden abschwächenden Floskel wie „sozusagen“ sanft einzuleiten. Das Nirwana wohnt in einem Höhenkurort im alten Badehaus gegenüber der Trinkhalle in einer Schlucht, durch die sich der Inn schlängelt. Zu Badezwecken wurde früher das Wasser in ein Reservoir beim Kurhaus hinüber geleitet. Später führte eine Leitung in die Trinkhalle, um fortan im Rahmen von Trinkkuren seine Heilkraft zu entfalten, eingesetzt bei Asthma, Erkältungskrankheiten, Syphilis und bestimmt auch Nervenleiden. Entdeckt wurde die Quelle zufällig bei der Sprengung der Brücke nach Vulpera. Zu Ehren der Königin von Sachsen trug sie fortan deren Vornamen. Welche von Carolinas Qualitäten dafür gesorgt hatte, dass die Königin mit Mineralwasser assoziiert wurde, muss ich erst noch recherchieren. Wahrscheinlich war sie reinen Herzens gewesen.

Vulpera ist heute ein Geisterort. Der Schweizer Hof tront verheissungsvoll auf der Anhöhe, der Haupteingang von mächtigen Tannen abgeschirmt. Ein Gärtner dreht einsam seine Runden mit dem Rasenmäher. Das Hotel hat für drei Jahre geschlossen.

Das Carola-Wasser sollte man nur im Gehen trinken, schluckweise und nicht mehr als ein Glas aufs Mal. Es ist ein Mischwasser, bestehend aus salzhaltigem und salzarmem Sauerwasser. Ich trinke es aus meiner Pet-Flasche, während ich am Golfplatz von Vulpera vorbei schlendere  – wie kann man nur – aber beim Wandern eine Glasflasche mit sich herum zu tragen, ist nicht sehr praktisch und zuweilen gefährlich. Ausserdem könnte ich mir dann nicht Nietzsches skeptischen Blick vorstellen, wenn er das Plastik unter die Lupe nimmt, und über die seltsame Mode sinniert, dass Frauen neuerdings Wasser saufen wie Kälber Muttermilch, sofern diese nach der Geburt nicht gleich von der Mutter getrennt werden, was üblicherweise in der Massentierhaltung geschieht. Der Golfplatzwart pinkelt auf die Strasse, ich blicke zur Seite. Er entschuldigt sich, und ich sage: „Das ist doch kein Problem.“

Um aus dem Nirwana herauszutreten, und in eine profanere Tätigkeit wie das Schreiben zu finden, muss ich immerzu gehen. Ich gehe fünf, sechs Stunden am Tag über Stock und Stein, doch das Gehen, man nennt es Wandern, erfüllt seinen Zweck nicht: Ich werde nur noch glücklicher. Am Abend falle ich wie ein Stein ins Bett und schlafe tief und fest, um morgens um sieben aus den Federn zu springen, und nach dem Frühstück gleich wieder los zu marschieren.

Wenn ich so weiter mache, wird mich der Kunstchef bald in sein Büro zitieren, und mit strenger Stimme ermahnen, mein Gewander zu unterbrechen. Als schlechtes Beispiel eines Frauengewanders wird er Simone de Beauvoir anführen, auf deren Kilometertacho letztendlich unser heutiger Gendermainstreamingquark zurück geht. „Trink nicht so viel Carola-Wasser, sei selbst eine Quelle“, höre ich ihn sagen.

Das ist der Luxus der Schreibstipendiaten, sie haben ihr Atelier im Kopf, geräumig eingerichtet und gut getarnt in ihrem Gehirnstüblein. Sie können jederzeit sagen, sie würden schreiben, sollte dies nicht der Wahrheit entsprechen, wäre es nicht nachzuweisen. Ich weiss, dass ich mit diesem unbedarften Geständnis die Schreiberzunft in Verruf bringe, aber man hat es doch schon längst geahnt! Überdies ist ein Zuwenig an bewegten Autoren ebenfalls festzustellen, also was soll’s! Kriegt Euren Arsch hoch, dann fliegt auch die Feder! Oder: Nur wer etwas isst, kann auch verdauen und wer nicht verdaut, schwebt in Zarathustras Gefilden, und auch der hielt es nicht lange in seiner Sezession aus: Zarathustra musste wieder sprechen, und somit auch zu den Menschen gehen, essen und verdauen.

Auf meinem Wochenendtrip ins Unterland stelle ich fest, dass etwas in mir zu sprudeln beginnt, und ich freue mich, aufs Rauschen des Wassers in meiner Schlucht.