Unterweisung in der Höhe

Der Mensch muss in seiner Mitte weilen, da seine Fliehkräfte ihn hinauf und hinab und ziehen. Dies bedeutet Verzicht, solange ihm noch keine Flügel wachsen.

Wo aber keine Fliehkraft wirkt, da ist auch kein Genuss, denn Genuss ohne Laster riecht zu sehr nach Vernunft – aber die kann grausamer sein als die entfesselten Emotionen.

IMG_1979Also sprach Petula

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Die verstaubten Mobiliare

„Wir haben beide unsere Karrieren gemacht“, sagte er, während er sich eine Gabel Nusstorte in den Mund schob. Nichts im Café sprach für Glamour. Das braunornamentierte Mobiliar stammte noch aus den 90er Jahren, die Lampen, wie man sie heute aus billigen Türkenshops kennt, verstärkten den Eindruck der Muffigkeit. Der Kaffee schmeckte nicht sonderlich – die Maschine mochte günstig gewesen sein, die Bohnen billig – die Bedienung hatte fettige Haare und ein Vermicelles ohne Rahm war nicht zu haben, da das Café nur anbot, was in der dazugehörigen Confiserie verkauft wurde: Angetrocknete Tortenstücke und besagte Mini-Vermicelles mit einer kandierten Kirsche als Dekoration. In diesem Ambiente glaubte man keinem Zürcher, jemals Karriere gemacht zu haben, und so musste ich den Mann immer wieder unverhohlen anstarren, während ich in einer Frauenzeitschrift blätterte, und erstaunt feststelle, dass Kate Moss immer noch frisch schmollend türkis-moosfarbige glänzende Bikerjacken präsentierte. Ich merkte mir sogar die Marke: Nikkie. Ich trank vom schlechten Kaffee und hoffte darauf, anhand des karierten Hemdkragens und des roten Pullovers doch noch darauf schliessen zu können, dass der Herr Architekt war, ausstaffiert mit jenem ästhetischen Feinsinn, der ihn mit der Umgebung verschmelzen liess, ohne dass seine gepflegte Erscheinung darunter gelitten hätte. Er hätte Karriere gemacht – so konnte jedoch keiner sprechen, der zeitlebens damit rechnen musste, dass seine Gebäude einstürzten oder über Nacht an Wert verloren, dass sich sozusagen urplötzlich der Gemeingeschmack gegen ihn wendete. Eher musste er also auf eine Laufbahn blicken können, welche die Karriere bereits im Berufsbild vorsah.

Im Gemeinderat war er gewesen, später im Kantonsrat, und wie die Räte so funktionieren, wurde man von dem einen Rat in den anderen geschoben, da guter Rat gerade in den Räten teuer war, vom Kanton- ging es in den Verwaltungsrat, wo es zunehmend notwendiger wurde, ab und zu unerkannt einen Kaffee geniessen zu können, um sich von den unnötigen Adjektivsteigerungen zu erholen, ganz unter den Leuten und einer von ihnen zu sein.

Langsam verstand er den Sinn der verstaubten Interieurs, und er bedauerte, dass es für deren Pflege keinen eigenen Berufszweig gab, Leute, die schützenswerte Oasen für künftige Karrierlinge schufen, in welchen ihnen Kindheitserinnerungen serviert wurden, denn das wurde ihnen in den Teppichetagen genommen, den Sinn für das Urtümliche. Überhaupt wurden überall in den hohen Gebäuden die Teppiche rausgerissen, sofern es noch welche gab. So wuchsen allmählich Teppichlose Generationen heran, und was das für die Entwicklung der Seele bedeutete, das war schlicht nicht zu ermessen. Er dachte an Grossmutters Spannteppich, der dienlich aber nicht schön gewesen war, an ihre Haarnadeln und ihre Oil of Olaz-Flasche auf der Lavabo-Ablage, die auf ihn eine seltsame Faszination ausgeübt hatte, an Grossvaters Aftershave, das untrennbar mit dem spezifischen Grossvatergeruch verknüpft war, dem Holz-Stein-Wasser-Gemisch, das ihn zeitlebens von der Sphäre seiner Mit-Menschen getrennt hatte. Er denkt an die Keksdose und die Fliegenklatsche, die sich Oma und Opa in der Erinnerung teilen, während sie abwechselnd seufzen. Die Kuckucksuhr, die Stunden wie Meilensteine markiert, während er dazwischen all diese Dinge wahrnahm, nicht wissend, dass er im Begriff war, ein Archiv aus Gerüchen, Bildern und Geräuschen anzulegen, das er später einmal ganz sorgfältig öffnen würde. Wenn das alles vorbei ist. Dieses Karriereding.

Also spricht Petula von der verbalen Inspiration

Wenn Du inspiriert bist, schreibe alles nieder, ohne aufzublicken. Du musst demütig sein, und die Worte, die zu Papiere segeln, hoch achten, denn stürmisch ist der Wellengang. In der Erwartung eines Sinnes liefern sie Dir das Rohmaterial, das Du so zusammenstellst, bis die Oberfläche der See Dich friedlich trägt. Manchmal muss ein Wort weichen, damit ein anderes glänzen kann. Du bist der Wörterpacker und die Politur, in Deinem Geiste richten sich die Wörter ein, also pass auf, dass Dein Blick nicht vorschnell nach draussen schweift, denn dann fliegen die Wörter hinterher. So verhält es sich mit jeder Idee, jedem Blick und Lächeln, die nicht gebührend gewürdigt werden, sie passieren uns wie Unterführungen. Und wollen wir eine Unterführung sein? Eher noch ein Bahnhof, aber auch da sind zu viele Überwachungskameras.

 

Füllst Du Deine Gegenwart aus? oder: Wie man sich rund verwinkelt

 

  1. Wähle die richtige Kleidergrösse. Zu enge Kleidung beeinträchtigt Deinen Atem und führt nicht nur zu Verdauungsproblemen sondern auch zu Rückenschmerzen. Zu weite Kleidung hingegen macht Dich kleiner als Du bist. Nimm den Raum ein, den Du benötigst, und lasse Dich nicht von der Kleidung einräumen.
  2. Halte Zeitdiebe wie Social Media vom Leib. Sie reduzieren Deine Gegenwart auf einen Informationsverarbeitungsorganismus‘, der einzig zur monetären Wertschöpfung beiträgt und sich zum Komplizen der moralischen Wertevernichtung macht.
  3. Trinke genügend, damit Du nicht falschen Zielen hinterher hechelst. Was lange gärt, riecht nicht gut, daher übertreib es nicht mit den alkoholischen Getränken.
  4. Ernähre Dich vegan.
  5. Verbringe Deine Zeit mit Tieren – das fördert die Aktivität Deiner rechten Gehirnhälfte und stärkt Deine Intuition. Als Alternative kannst Du auch einen Kopfstand machen und von Hundert in unterschiedlichen Tonhöhen bis Null zählen. Auch das Singen von Kinderliedern wie „Alle meine Entlein“ ist hierzu förderlich.
  6. Entwickle Deine eigene Sprache. Verzichte auf Wörter wie „Gewinnmaximierung“ oder „Neoliberalismus“. Stattdessen forsche nach neuen Verbaltechniken zur optimalen Liebesausschüttung.
  7. Betrachte moderne Kunst und achte die Kapriolen des menschlichen Geistes. Nutze diese Meditation als Sprungbrett für eigene Saltos. Die Freude an der Bewegung ist Weg und Ziel. Nimm Dir die Tiere zum Vorbild. Stell Dir vor, Du bist ein Murmeltier. Du gräbst ausgeklügelte Tunnelsysteme, warnst Deine Freunde mit einem lauten Pfiff vor Gefahren und kuschelst gerne und ausgiebig mit ihnen. Der Mensch macht Kunst, um andere zu erheitern, das ist seine Art des Kuschelns. Jede menschliche Tätigkeit wiederum kann und muss ästhetisch verfeinert werden.
  8. Materialisiere Deine geistigen Luftsprünge. Lokalisiere die Schaltstelle zwischen „etwas tun wollen“ und „etwas tun“. Punkt 4 unterstützt die physische wie psychische Antriebskraft. Stelle das Gewollte in einen grösseren Zusammenhang. Ein Mantra wie „Was Du heute kannst besorgen, verschiebe nicht auf morgen“ leistet hier wunderbar fruchtbare Dienste.
  9. Lasse Raum frei.
  10. Dehne diesen Raum und stelle dort Dein Trampolin auf. Verbinde oben und unten.

Fertig!