Zen-Sur-Schere

Im Abseits

Da habe ich mich gefragt, wer ich bin. Was das Leben ist, was es von mir will. Ich habe mich gefragt, wie ich überlebe, ohne Schaden zu nehmen, und doch ein anständiger Mensch bleibe. Wie ich mein Schreiben rette. Meinen Körper heile. Wie ich meinen Körper wieder mit meinem Schreiben verbinde. Warum das so schwierig geworden ist in diesen Tagen, wo doch die Kommunikation wenig Schranken kennt. Ich habe recherchiert. Dann wiederum bin ich tagelang nur gewandert. Ich habe meinen Geist erforscht. Ich hatte Zeit. Ich war keine Sklavin von Arbeitsstrukturen, die mich abends komatös ins Bett fallen liessen. Aber ich kenne auch dieses Leben: So erschöpft zu sein, dass man sich Gedanken schlicht nicht mehr leisten kann. Geld hatte ich nie, denn wo das Geld ist, wird zum Schweigen geraten.

Ich weiss inzwischen, dass ich eingehe, wenn ich mich nur mit Fakten beschäftige. Kein Konflikt ist alleine mit dem Verstand zu lösen. Wahrheit hat immer auch mit Gefühlen zu tun. Wahrhaftigkeit ist eine Herzensangelegenheit, aber über diese Tugend wird heute nicht gerne gesprochen. Ich habe Entwicklungspsychologen nach dem Sitz der Wahrhaftigkeit gefragt. Doch diese Experten waren alle im Urlaub.

In der ständigen Auseinandersetzung mit dem Aussen, dem Politischen dem Korrekten und dem Widerstand gegen die Doktrin, die wir nicht erkennen sollen, leidet die Sprache, die Poesie, und letztendlich auch die Seele. Das ist das traurige an der Zensurschere. Sie beschneidet den Selbstausdruck, ein elementares menschliches Bedürfnis. Am Ausdruck gehindert zu werden, gleicht einer Organamputation. Die Energien können nicht mehr frei fliessen, ständig ist man auf der Hut, begleitet von dem Gefühl, nicht richtig zu sein, etwas falsch zu machen: Das Falsche zu denken, und den eigenen Irrtum nicht zu bemerken. Irr zu sein. Hinzu kommt das Gefühl, eine Heimat verloren zu haben. Die Welt, in der man sich als Kind noch frei bewegen konnte. Wo man lachte und weinte, zürnte, tobte und sich wieder versöhnte… Aber auch die Erinnerungen sind heute längst in der Hand des politisch korrekten Mainstreams. Sie werden so geschrieben und umgeschrieben, bis alle übereinstimmen, und keiner mehr sagt: Früher, da haben wir einander aufs Dach gegeben, um Monate später beste Freunde zu werden. Beste Freunde soll es heute nicht mehr geben, denn dann wäre das Kind benachteiligt, welches keinen hat. Oder welcher Verlag würde mir heute erlauben, mich mit den stärksten Jungs zu prügeln, um den Grundstein zu legen, für einen Austausch mit den intellektuell hartgesottensten Kerlen, die ihrerseits auch immer noch mit den Dämonen kämpfen, und das Weib an den Haaren herumreissen. Ich spreche von Nietzsche-Höhen, aber die meisten erkennen Grösse ja nicht mal, wenn sie sich zu ihnen herunter beugt. Jeder anständige Mensch muss sich doch heute vor den toten Genies schämen, einer so schwachsinnigen Zeit nichts entgegen zu setzen. Was wirst du Goethe sagen, wenn du ihm begegnest? „Sie müssen das halt verstehen Herr Goethe, damals war das nicht so offensichtlich, dass wir alles Idioten waren. Dass unser Leben total banal war. Dass wir uns haben verarschen lassen. Dass uns die Elite ins Gesicht gefurzt hat. Wir haben einfach gefressen und gesoffen, und uns gegenseitig Fake News um die Ohren gehauen, damit waren wir voll ausgelastet.“ Herr Goethe wird zu anständig sein, etwas zu sagen, aber er wird es denken: „Wurm.“

Dass man keine Jobs mehr bekommt, gewisse Freunde sich verabschiedet haben, damit kann man leben. Die Enttäuschung wird zum Normalzustand auf dem Weg des Erwachens, wenn die Zusammenhänge deutlich und die Abgründe grösser werden. Man erwartet nichts mehr und gewinnt unerwartet viel.

Aber wenn man die eigene Wahrheit nicht leben kann, wird das Leben zum Kampf, sprechen zur strategischen Überlegung. Schreiben zum Dynamit. Reisen zur Zerreissprobe. Einsamkeit zum sicheren Wert. Briefe liegen geöffnet im Briefkasten. Gewisse E-Mails erreichen einen nicht. Warum? An wen willst du deine Frage richten? Bei wem willst du dich über die anonymen Anrufe beschweren, die dich immer ereilen, wenn sich etwas Gravierendes in deinem Leben verändert, wenn du eine neue Wohnung hast oder das Gericht verlässt, vordem du als Opfer eines Raubüberfalles aussagen musstest. Wer hat noch ein Ohr für dich? Was ist dein Vergehen? Warst du bei Rechten? Bist du ein Tierrechtsextremist? Ein Libertärer? Oder ist es wegen 09.11., weil du diesen Schwachsinn nicht glaubst? Weil du schon bei der Liveübertragung gedacht hast, wie kann man eine Katastrophe in Echtzeit visuell perfekt rüberbringen, aber nicht verhindern. Du gewöhnst dich ans Alleinsein, auch willst du niemanden mehr beunruhigen, niemandem zur Last fallen, niemanden anstecken mit deiner Krankheit. Deiner politischen Unkorrektheit. Deinem Dachschaden.

Entweder beginnst du dich selbst zu verleugnen, deine eigene Wahrheit zu unterdrücken oder du blendest den Teil der Welt aus, der deine Wahrheit beschneidet. Du lebst nur noch halb.

Willst du das?

Wurm?

Du kannst nur heil bleiben, wenn du für die Wahrheit einstehst. Es geht um mehr als nur um Fakten. Es geht um dich als Mensch, und um uns alle, um unser Menschenbild.

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Percevois des ondes sonores

Ich falle, und ich habe nirgends eine Karte für dieses Abenteuer gelöst. Ich falle ganz umsonst, auch weiss ich nicht wie tief und wohin.

Da mein Fallen zeitlich nicht klar umrissen ist, schwanke ich zwischen Euphorie und Entsetzen. Ich bete, ich meditiere, ich sage mir: „Lass los.“ Ich lass mich seit einer Woche fallen und allmählich wird mir mein Zustand zuwider und mitten im Fallen beginne ich mich wieder zu wehren. „Wenn du dich wehrst, dauert es noch länger.“, flüstert mir eine Stimme zu. „Gib dich hin.“ „Warum fehlt das Objekt?“ frage ich. „Es fehlt nicht. Meine Liebe. Gib dich dem Leben hin. Und das bist du.“

Ich atme die Sätze ein, während ich falle. Ich falle zwischen den Sätzen hindurch. Wie kann es sein, dass ich die Sätze begreife, indem ich sie loslasse. Endlich übernimmt mein Körper anstelle meines Kopfes das Denken. Die Zellen öffnen sich. Licht dringt in sie ein. „Warum beschleunigt der Fall die Entwicklung?“ frage ich. Wir kommen aus der Schwerelosigkeit des Fruchtwassers. Falle oder schwimm. Aber immer wenn Sätze auftauchen, übersetze sie in eine andere Sprache. Nimm Schallwellen wahr.

Percevois des ondes sonores.

Nach dem Vereina

Nach dem Vereina bin ich nur noch Bettina. Nackt. Verschnupft. Ein Schnudergof. Ich wohne in der Schwärze zusammen mit anderen Frauen, die in einem früheren Leben Schwestern gewesen sein mochten, in diesem aber mindestens einmal an der falschen Stelle gelacht haben, regelmässig die Milch verschütten, irrtümlich den falschen Mann küssen, sich gerne irren oder einfach nur Sätze schreiben, die gut klingen, aber erstunken und erlogen sind. Und Kaffee saufen sie Literweise aus Blumentassen.

Wir bündeln das Licht, das uns in der Schlucht nun bereits morgens wieder erreicht. Wir stapeln es sorgsam, und wenn jemand Bedarf anmeldet, reichen wir mit gütigem Lächeln eine Portion. Wer von unserem Licht nascht, sagt, es schmeckt nach Muskat.

Nach dem Vereina nehme ich kein Blatt mehr vor den Mund, im Gegenteil, ich würze bereits morgens meine Haferflocken mit Pfeffer: „Wenn du dein Deutsch hier behalten willst, dann muss es deftig sein, capunsen muss es, den hintersten Pizokel erreichen und erweichen, schmeicheln sollst du ihm – aber halt dir selber stand.“ Nach dem Vereina gleite ich, falle ich, suche ich die Wörter unter dem Eis. Nach dem Vereina lecke ich die Sätze unter der Eisschicht frei, und was ich noch nicht gesagt habe, rinnt meine Nase runter, tränt aus meinen Augen. Im Schleim, den meine Bronchien aushusten, steht es geschrieben: „Hier spricht die alpine Frau. Sie wird die Wörter wieder an ihren rechten Ort rücken. Träume und Sehnsüchte aus dem Felsen hauen, sie auskleiden, einkleiden und wieder ausziehen und vernaschen. Realitätszensuren den Inn runterspülen. Sollen die Österreicher auch was davon haben.“

Endlich geht ein Vorhang auf, lüftet sich der Schleier, trennt sich das Diffuse und Mörtelige vom Kernigen und Braungebrannten und die Worthülsen fallen wie Staub zusammen und entblössen den Halsabschneider.

Und dass die Bettinga nach dem Vereina mit den Rehen und Hirschen spricht, habe ich das schon erwähnt?

Pünktlich zum Chalandamarz und dem Vollmond in der Jungfrau kündige ich mich an. Mein Wort. Meine Krankheit. Meine Genesung. Den Abgründigen, Abtrünnigen und Nackten zu diensten.

Nach dem Vereina trage ich mein Bett bis sich mein Name schlafen legt. Seid gespannt, kommt mit mir mit. Auf den Motta. Ins S-Charl. Unter die Schneedecke. Ins Reich der Wörter, wo der Vereina die grosse Vene ist, die das Blut zum Herzen führt. 7000 Liter täglich, 7000 Wörter stündlich, man muss nur sein Hirn ausklappen wie eine grosse Solarzelle.

Nach dem Vereina bin ich im Herzen.