Wenn ich lese

Im gestrigen Buch pflückte ich folgenden Satz: Der Himmel ist wie das zerrissene Zelt eines lumpigen Zirkus‘. In meiner Erinnerung machte ich daraus: Der Himmel ist ein lumpiges Zirkuszelt.

Die Boulevardzeitung berichtet wieder einmal vom grössten Zirkus der Schweiz. Ist von der Zirkusfamilie die Rede, fällt der Begriff „Dynastie“, was das Zirkusgewerbe in die Nähe der Royals bringt, mit denen die Zirkusfamilie regen Austausch pflegt.

Mein Himmel ist eine löchrige Jugend, die mich von der Zukunft her immer noch mit tanzenden Schneeflocken lockt, mit einem Sommerregen, der auf den heissen Asphalt klatscht. Dieser Himmel ruft mir zu: Don’t think twice, it’s alright.

Mein Himmel ist die Verzweiflung der schweren Tage, wenn mich nur sanfte Gedanken auf die Sonnenterrasse tragen, meine poetische Drahtseilbahn der tausend Wörter, die mir einen neuen Horizont verschaffen. Wenn ich genug vom Berg habe, dann sage ich „Meer“, und in Meran beginne ich meine Reise in den Süden.

Ein Kind fragt: Wirst du für immer hier bleiben? Und ich sage: Das weiss ich noch nicht.

Eine gutaussehende Frau schmatzt und spricht mit vollem Mund im Café der verstaubten Mobiliare. Sie referiert über Käsewähe. Eine gutaussehende Frau sollte nicht „Käsewähe“ sagen. Auch nicht „Käsekuchen“. Aber sie passt in meinen schiefen Tag mit meinen schweren Gliedern. Schmatz doch, schmatz!

Das Buch, das ich gestern zu Ende las, heisst: Im Café der verlorenen Jugend von Patrick Modiano. Beim Lesen flogen mir Städte durch mein Gedächtnis, Orte meiner Ich-Werdung, an denen ich seltsame Menschen getroffen hatte: Atlanta-Autoren, viele Museumswärter, Kellner, Taxifahrer, Soldaten, junge Mädchen, die mir zulächelten, Schwestern im Geiste. Ich dachte an die toten Tiere in Bukarest und Porto, die Möwen, die Katzen. Orte wie Mamaia flackerten in meinem Erinnerungsspeicher auf; Rumänien und sein Geruch nach Grossvater. Der Zoo von Saigon fiel mir ein, und dass ich lange den Gorillas zugeschaut hatte, bis mich Kinder umringten, und nach einem Foto baten. Dann die Friedhöfe, in London mit meiner damaligen Gefährtin, die ein Faible für die Gothic-Szene hatte. Einmal war ich mit auf einer Party in Camden Town, aber ich erinnere mich an nicht viel mehr, als dass ich mich langweilte und ihr Schwarm nach U-Bahn-Schacht roch. Später hatte sie Liebeskummer, und spielte mir ein Chanson von Jean-Louis Aubert mit folgendem Refrain vor: T’as eu c‘ que t’as voulu même si t’as pas voulu c‘ que t’as eu. Ihr Gastvater, sie war Au-pair wie ich, strich ihr jeweils Erdnussbutter auf den grossen Zeh, und liess den Kater die Butter ablecken. Hiess er David oder sah er nur aus wie David Bowie?

Eine ältere Dame bestellt eine „trinkwarme“ Schokolade, schon wieder so ein Wort, welches das Potential birgt, eine Migräne auszulösen.

In meinem Café der verlorenen Jugend tranken wir heisse Schokolade oder Bier.

Gestern Nacht war ich im Traum in meinem Heimatdorf. Die geographischen Begebenheiten und Menschen waren mir vertraut. Aber es herrschten andere Naturgesetze. Mein Heimatdorf war das Heimatdorf in einem Paralleluniversum. Ich flog, und musste erst Boden unter den Füssen bekommen, dann stellte ich fest, dass in diesem Dorf mit einer mir fremden Währung bezahlt wurde.

Mir wird schwindelig beim Gedanken, dass der Ort meiner Kindheit in unzähligen Variationen weiterexistiert; mit Menschen, die in meiner Realität weggezogen, aber in einer anderen Version dageblieben sind, mit Menschen, die nicht gestorben sind wie in meiner Welt. Was, wenn ich in der Parallelwelt auf mich selbst treffe? Mich, mit vier Kindern und einem Mann, einem glücklichen, aufmerksamen oder einem kranken, einem untreuen vielleicht oder mit gar keinem, alleine mit den Kindern und den Sorgen oder alleine mit Kinderglück? Oder ich treffe auf eine, von einer Gehirnerschütterung, Langzeitgeschädigte. Damals fiel ich drei Meter tief einen Heuschober hinunter. Oft trennen uns nur Sekunden und Millimeter von einer anderen Zukunft auf einer alternativen Zeitlinie.

Als Kind war ich ein bisschen in den Zirkussprössling verliebt. Ich kannte ihn aus der Schweizer Illustrierte.

Zuletzt war er wegen seines Fleischrestaurants in den Medien, da er sich lange für eine vegetarische Lebensweise ausgesprochen hatte.

Ist die Jugend wirklich der Ort, an dem noch alle Wege offen sind? Oder sind wir nicht immer schon die, die wir sein werden? Bestimmt Fleisch zu Essen oder Prinzipien zu verraten? Uns in changierende Menschen zu verlieben, weil wir selbst diese feste Einheit nicht sind?

Meine Cafés hiessen „Zentral“, „Ente“ und „Alperösli“. Besuchen wir irgendwann andere Cafés? Oder sprechen wir irgendwann mit anderen Menschen? Hören wir irgendwann auf, ihnen Übernamen zu geben, wenn wir noch nicht persönlich mit ihnen bekannt sind?

Der Himmel der Jugend ist wie eine Häkeldecke, die man unbedingt durchstossen will. Natürlich verheddert man sich dabei. Und später hüllt man sich ein in diese Decke, und wundert sich, dass man friert. Als ob man für die Löcher verantwortlich wäre.

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