Mit Tolstoi durch den Tag / Ein Pamphlet für die Literatur

Der Raps blüht.

Ich habe die Tage mit Tolstoi verbracht. Wenn ich zwischendurch aus der Lektüre wieder aufgetaucht bin, um etwas zu essen und dabei kurz das Fenster zur Welt zu öffnen, empfand ich neben Ratlosigkeit einen grossen Widerwillen und Ekel, auf so dumme und plumpe Weise belogen zu werden. Die „Lass-deinen-Traum-Wirklichkeit werden-Angebote“ schockierten mich erst recht. „Wie die Menschen sprechen“, dachte ich, „als ob sie 80 Prozent ihres Wortschatzes eingebüsst hätten“. Analphabeten ihrer eigenen Seelensprache.

Vor diesem Hintergrund erschienen mir alle meine Zukunftsvorstellungen obsolet. Hätte mich jemand in diesem Moment gefragt, was denn mein grösster Wunsch sei, hätte ich keine Antwort gewusst. Nichts wäre mir eingefallen, rein gar nichts. Ich befand mich in jenem Zustand tief unten am Meeresgrund, wo es einem unmöglich ist zu sprechen, auch mit engsten Vertrauten nicht, ohne das Gefühl zu erwecken, verrückt zu sein. Wenn jene dann aber auf ihrer Frage: „Woran denkst du?“, beharren, ist das Unglück perfekt. Dabei leitet der persönliche Shutdown ein Heilungsprozess ein, und sollte entsprechend auch als heiliger Akt betrachtet werden. Wer nie die Fassung verliert, und andere beständig vor dem Ersaufen retten will, gräbt einfach selber nicht tief genug! Wie herrlich, sich ganz in den Meeresgrund einzubuddeln!

So ist mir der Gutsbesitzer Konstantin Lewin der Liebste unter „Anna Kareninas“ Helden. Lewin ist der Jugendfreund von Anna Kareninas Bruder und unglücklich in dessen junge Schwägerin, Kitty, verliebt, die seinen Heiratsantrag aufgrund ihrer Schwärmerei für den Grafen Wronskij ablehnt. Während der gut betuchte, weltgewandte Offizier Graf Wronskij ein ruhmreiches standesgemässes Leben zu versprechen scheint, worauf besonders Kittys Mutter Wert legt, kann Konstantin Lewin mit seinem linkischen Verhalten nicht gerade glänzen. Er verachtet die Exzentrik der aristokratischen Klasse, zu der er zwar auch zählt, mit der er aber wenig teilt. Lewin zweifelt an allem, und hat, seinem Bruder Sergej Iwanowitsch zufolge „einen beweglichen, aber von Augenblickseindrücken zu sehr abhängigen Verstand“, wodurch er voller innerer Widersprüche ist. Lewin geht mit den Bauern aufs Feld, da er in der körperlichen Arbeit aufgeht, empfindet aber keine besondere Liebe oder Achtung den Bauern gegenüber – sie scheinen ihm nicht anders als andere Menschen zu sein, während der Bruder bei seinen Besuchen auf dem Lande die guten Eigenschaften der Bauern betont. Konstantin Lewin sieht im Einstehen fürs Gemeinwohl, für das sich sein Bruder so sehr ausspricht, „weniger ein Vorzug als ein Mangel, nicht ein Mangel an guten, ehrlichen, edlen Bestrebungen und Neigungen, sondern ein Mangel an Lebenskraft, dessen, was man Herz nennt, des Triebes, der den Menschen aus all den unzähligen, sich ihm bietenden Lebenswegen einen bestimmten wählen lässt und ihn auf diesem Wege festhält.“ Lewin aber entwirft auch in der grössten Enttäuschung, als abgewiesener Heiratskandidat wieder zurück von Moskau auf seinem Gut, neue Pläne, um im nächsten Moment an seinem frisch gefassten Lebensmut zu zweifeln:

«Das Zimmer erhellte sich langsam im Schein der Kerze, die er mitgenommen hatte. Wohlbekannte Einzeldinge traten aus dem Dunkel hervor: Hirschgeweihe, Bücherregale, der Spiegel, der Ofen mit der Ventilationsklappe, die längst hätte in Ordnung gebracht werden müssen, das Sofa, das noch seinem Vater gehört hatte, der grosse Schreibtisch, auf dem Tisch ein aufgeschlagenes Buch, eine zerbrochene Aschenschale, ein Heft mit Notizen von seiner Hand. Als er das alles sah, überkamen ihn für einen Augenblick Zweifel an der Möglichkeit, das neue Leben zu schaffen, von dem er unterwegs geträumt hatte. Alle diese Spuren seines bisherigen Lebens hielten ihn fest und sprachen zu ihm: „Nein, du kommst von uns nicht los und wirst kein anderer Mensch, sondern bleibst wie du warst, mit all deinen Zweifeln, deiner ewigen Unzufriedenheit mit dir selbst, deinen ewigen Versuchen, dich zu bessern, und den unaufhörlichen Zusammenbrüchen, deiner ewigen Sehnsucht nach einem Glück, das dir nicht zusteht und für dich unmöglich ist.“»

Lewin besinnt sich, einer inneren Stimme lauschend, die sagt, „man dürfe sich nicht von der Vergangenheit beherrschen lassen, und man könne aus sich alles machen.“ So nimmt er seine Hanteln zur Hand und trainiert.

Wer kennt nicht diese Momente, wenn sich unseren glorreichen Plänen alte Dinge in den Weg stellen, als ob diese Dinge selbst einen Willen hätten, den sie uns aufdrängen wollen. (Und Freunde haben oft die Angewohnheit, unsere Visionen zu wegzuwischen, alleine durch ihre neugierigen Fragen, aus denen wir vermeintliche Zweifel heraushören. Daher sollte man niemals über seine Pläne sprechen, bevor man sie nicht dingfest gemacht hat!)

Mir fehlen die Langhantel und der Latzug. Meine Muskeln schwinden, und ich setze täglich mehr Fett an, da ich wegen „leichten Symptomen“ auch das Joggen aussetzen musste. Man könnte einwenden, das sei nun weiss Gott nicht so schlimm angesichts der aktuellen Lage; wer jetzt keinen Speck ansetzt ist entweder ein Übermensch oder geniesst genetische Vorteile. Die Prädisposition zur Gefrässigkeit bei niedrigem Kräfteverbrauch geht aber leider oft mit der ungünstigen Veranlagung zur Seelenmarter einher. Nun gut, wenigstens sind meine Blutwerte wieder top und mein Herz schlägt ruhig und rhythmisch trotz Gedankeninfarkten.

Nun, da ich erkannt habe, dass die eigenen Geschichten, die man sich so tagtäglich erzählt, selten auf den eigentlichen Gegenstand der Seelenmarter verweisen, im Gegenteil, sie einen dazu verführen, um das heisse Eisen herumzutanzen, im Glauben, endlich eine Erklärung für die eigenen Unzulänglichkeiten gefunden zu haben, höre ich nur noch auf die Weisen der Weltliteratur, die meinem inneren Quälgeist Einhalt gebieten und mir das Eisen in die Hand drücken. Voilà!

Und wie eitel dieser Quälgeist trotz geringem Selbstwertgefühl doch gleichzeitig ist! Nehmen wir beispielsweise die Scham, welche beispielsweise Kitty in eine schwere Krise stürzt, da Graf Wronskij sie verschmäht, der verheirateten Grande Dame Anna Karenina verfallend. Zuverlässig weist uns unsere Erinnerung immer wieder auf Situationen hin, in denen unsere Eitelkeit gekränkt wurde. Wie oft aber schämen wir uns für unser moralisches Versagen der Familie oder Freunden gegenüber – für all die Dinge, die wir zugunsten des Gemeinwohls hätten tun sollen, aber aus Bequemlichkeit unterlassen haben? Diese Fehlbarkeiten verdrängen wir gekonnt. Gibt uns aber jemand einen Korb, erröten wir noch Jahre später beim Gedanken daran. Für diese Lächerlichkeit muss man den Menschen schon wieder lieb haben. Die grössten Männer leiden darunter, ohne jemals ein einziges Wort darüber zu verlieren, während die Frauen unzählige Ratgeber lesen, Kurse und Seminare besuchen, um dieses sogenannte Ego zu bändigen, um nach jahrelanger Arbeit an sich selber schliesslich an einer umso heftigeren Eifersucht auf eine junge Konkurrentin zu zerbrechen.

Über hundert Jahre haben wir an unserer Psyche herumdoktern lassen, waren bemüht, bessere Menschen zu werden oder haben uns fatalistisch in Leidenschaften gestürzt, da wir gemäss Freud ja ohnehin nie „Herr im eigenen Haus sind“, Dame schon gar nicht, und haben dabei vergessen, dass wir ein Gemeinschaftswesen sind. Wir wurden immer mehr in die Vereinzelung getrieben und finden uns heute in einer ähnlichen Situation wieder wie Houellebecqs Neo-Menschen aus dem 2005 erschienen Roman „La possiblilité d’une île“, die in autarken überwachten Hochsicherheits-Hightech-Stationen nur noch über Internet miteinander kommunizieren.

Die westlichen Werte, die Tolstoi bereits vor 150 Jahre kritisiert hatte, die Abkehr vom Glauben, die Dekadenz, die Entfremdung von der Natur, die Zerstörung der Familie, die verkommene Sexualmoral, die der Erotik den Kampf angesagt hat, der Verzehr von Fleisch, welcher den Menschen von seiner moralischen Weiterentwicklung abhält, (den Horror der Massentierhaltung im heutigen Sinne gab’s ja damals noch gar nicht), bilden heute die offene Wunde unserer Gesellschaft.

Zuweilen kommt es mir vor, als ob der Patient bereits im Koma läge. Jedenfalls müssen Menschen künstlich beatmet werden, und Impfungen, welche die Identifizierung jedes einzelnen erlauben, werden vorbereitet. „Bill Gates in unseren Blutbahnen“ kommentieren die Menschen im Netz.

Die Neo-Menschen haben den Auftrag, den Lebensbericht des Menschen, von dem sie abstammen, zu lesen und zu kommentieren. Mit neugierigem Unverständnis erfahren die Klone in diesen Lebensberichten von den menschlichen Leidenschaften wie Liebe und Gier.

Immerhin etwas, das in dieser Dystopie positiv stimmt: Der Neo-Mensch hat nicht aufgehört, Geschichten zu lesen und weiterzuerzählen.

Und ich meine mich daran zu erinnern, dass Dürrenmatt sagte, dass die Fiktion vielleicht irgendwann die Geschichtsschreibung an Wahrheitsgehalt übertreffe. Daher haben auch die Geschichten der anderen die grössere kathartische Wirkung, als die eigenen Erzählungen, da sie einen zuweilen auf dem linken Fuss erwischen, und die blinden Flecken beleuchten, von deren Existenz wir sonst niemals erfahren würden. Und wie blind ist die Geschichtsschreibung, gefangen in ihrem jeweiligen Zeitverständnis, anfällig für Manipulation, wenn sie nicht geradezu ihr Werkzeug ist.

Ich warte auf die Antwort vom Centre Dürrenmatt, das natürlich bis auf Weiteres geschlossen hat. Vielleicht lautet das Zitat auch ganz anders, und mein flexibler Verstand biegt sich die Dinge gemäss meiner Stimmung zurecht.

Aber der Raps blüht wirklich und bescheiden vor sich hin.

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