CORAL SEM álcool

Das Plätschern des Regens, die Rinnsale, die vom Dach fliessen, einen Vorhang aus transparentem Garn spinnend, das Aufschlagen der Wellen, das Hin- und Herrücken von Plastikstühlen, das Schaben und Spachteln von Messer und Gabel, die leisen Schritte der Turnschuhe auf Stein, die munteren beiläufigen Tischgespräche und das Gegacker der Alten.

Und dann all die Blicke: Die besorgten der Mütter, welche die Pizza der Kinder schneidet, Fütterung der kleinen Vögelchen, der Mozzarella-Faden, Nabelschnur zur Welt, die Konzentration der Bedienung, die einen Teller an einen Tisch bringt, ein paar Pommes fallen zu Boden, der abwesende Blick des alten Mannes, welcher das Meer in der Dunkelheit nach einem Horizont absucht, als ob dort draussen die Erinnerungen lägen, tief unten auf dem Meeresboden, die gleichgültigen Züge des jungen Mannes, der mit seinem Herzen bei seiner Geliebten ist. Fernandes Bart spriesst, schaut mal einer an! Was für ein Jungspund, mehr Flausen im Kopf als Hirnzellen!

Dann der Geruch nach gegrillter Hähnchenbrust, gemischt mit feuchter Regenluft und Zigarettenrauch.

All diese Dinge bedürfen einer Betrachtung. Das Protokoll hält fest, dass die Menschen glücklich sind, ihr stolzes Auge auf die satten Kinder fällt, sie Angst haben, vor der Krise, vor Stürmen, der Armut, dass ihr Partner trinkt oder das Glück in Lose investiert. Es braucht jemanden, der all diesen Gefühlen eine Bedeutung gibt, eine Melodie und einen Klang. Ein Refrain aus Regengeplätscher, Lachen und Tchim-tchim! Ein Refrain aus Öffnen von Getränke-Dosen, und dem Schütteln von Salzstreuern. Der klatschende Chor der Kinder, die am Wochenende bis in die Nacht tanzen und hüpfen, frei von Zukunftsgedanken und Erinnerungsbrei.

Ich bin als Protokollantin gekommen, und verkneif mir nicht die Fussnoten, die Klammern und die Rückblenden, da bin ich zu Hause, im Nebensatz, im Atemholen, im Zurechtrücken von Wörtern gemäss den Regeln von Logik und Ästhetik. Ich bin die Esmeralda der Textstruktur. In meinem Text dürft Ihr baden, die Handtücher liegen gewaschen und gefaltet im Schrank. Das Bett ist frisch bezogen und der Kühlschrank gefüllt. Macht es Euch gemütlich, ganz wie Ihr wollt: Ich presse Orangen und Zitronen für den Poncha, und was Ihr sonst noch begehrt, ich schreibe es auf.

Nur Karaoke-Singen, das kann ich nicht.

Nein. Bitte nicht!

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Das Denken beim Reisen / Reisen um zu denken

Vor ein paar Jahren las ich den Essayband „Die Kunst des Reisens“ von Alain de Botton. Darin spricht der Philosoph von der Schwierigkeit, offen für neue Eindrücke zu sein, die uns entgegen unserer Erwartung vom Reisen, nicht zwangsläufig glücklich machen. Wir meinen, im Urlaub schlagartig zufrieden, wenn nicht gar euphorisch sein zu müssen, da schöne Landschaften, ein warmes Klima und gutes Essen Glück evozieren würden. Dem ist aber nicht so. Das Glück finden wir am Ende immer nur in uns selbst.

(Eventuell bin ich dank diesem Essayband zu einer Reisenden geworden. Ansonsten hätte ich wohl meine damalige Tendenz zur Melancholie mit Reiseunfähigkeit verwechselt, wobei mir das Reisen doch entscheidende Impulse gegeben hat, nicht am Traurigsein festzuhalten.)

Es gehört zu Alain de Bottons Spezialität, anhand anderer Denker  über einen gewissen Gegenstand wie eben das Reisen, nachzudenken. (Anscheinend kann auch ich dieser Vorgehensweise viel abgewinnen.)

Wir bewundern Künstler für ihre Tollkühnheit Neues zu wagen, so de Botton, und folgen ihnen nur zu gerne an Orte, die sie besungen haben. Künstler und Literaten sind sozusagen unsere Trendscouts, Vorkoster und vermeintlichen Glückstester.

Nicht immer wird der Mut, der für den Sprung ins Ungewisse erforderlich ist, belohnt, auch wenn andere vor uns gesprungen sind. Das Wetter macht nicht mit. Wir haben vielleicht nur eine Schönwettergarderobe dabei. Die Schuhe sind bereits durchnässt. Das Essen ist schlecht. Das Hotelpersonal unfreundlich. Was dann?

An dieser Stelle sei die Lektüre von Matthias Zschokke empfohlen (Auf Reisen). Aufgrund seiner Beschreibung einer sadistischen Massage im berühmten Gellert Bad in Budapest, liess ich mich einst ebenfalls auf dieses Abenteuer ein, da ich davon ausging, dass der Autor bei seiner Schilderung wohl ziemlich übertrieben hatte. Auf diese Weise habe ich also auch etwas über Zschokkes Schreiben erfahren: Er hatte keineswegs übertrieben. Seine Beschreibung war untertrieben! Als Entschädigung für die erlittene Folter stiess ich schliesslich in einem Buchantiquariat auf den Siebenkäs von Jean Paul, auch eine Empfehlung Zschokkes. Wenn Ihnen jemand attestiert, ein bisschen verrückt zu sein, dann können Sie davon ausgehen, dass er niemals Jean Paul gelesen hat, und auch niemals Zugang zu dieser Schatzkammer der Komik finden wird. Stellen Sie sich einen Autor vor, der gleichzeitig auf Pilzen und Kokain ist, während er einen Prozess führt, und gedanklich so nebenbei an einem humorigen Buch schreibt, das einer inneren Logik folgt. (Er war nicht wirklich Richter, hiess aber mit bürgerlichem Namen Johann Paul Friedrich Richter.)

Daher ist schreiben eine solch köstliche Beschäftigung. Beim Schreiben gibt es keine ungünstigen Umstände. Im Gegenteil: Alles kann zum Gegenstand des poetischen Interesses werden. Die mürrische Bedienung beispielsweise. Hat sie Kinder zu Hause? Wenn ja, in welchem Alter? Ist vielleicht ein Kind krank oder behindert, die Tochter mit vierzehn ungewollt schwanger geworden? Was ist mit ihrem Mann. Betrügt er sie? Hat sie es erst grad vor einer Stunde erfahren? Mit wem? Ihrer besten Freundin? Hat sie Schmerzen? Von was hat sie als junges Mädchen geträumt? Träumt sie noch?

Und so fällt die Unterhaltung mit sich selber äusserst ergiebig aus. Warum kann der Koch kein Gemüse zubereiten? Hat er eine Vitaminallergie? Musste er als Kind einmal in der Woche Spinat essen, immer freitags, warum weiss er bis heute nicht, obwohl ihm davon schlecht wurde? Verbindet er mit Mais, Kürbis, Tomaten, Gurken und Blumenkohl eine Kindheit in Armut? Schämte er sich, wenn andere Kinder mittags zum Essen blieben und fragten: „Esst ihr denn kein Fleisch?“ Oder konnte seine Mutter einfach nicht kochen, und der arme Bub litt Hunger? Hat sie stets das Gemüse verkocht oder in Butter ertränkt? Womöglich noch gezuckert?

Mein Gott, sagen Sie sich jetzt. Wenn ich für eine Dienstleistung bezahle, sollen die Leute gefälligst ihren Job machen. Vielleicht ist es aber gerade Ihre Aufgabe, Mitgefühl zu entwickeln, um selber in ihrem Job voranzukommen? Alles hängt mit allem zusammen. Nichts kann isoliert für sich selber betrachtet werden. Oder kennen Sie ein solches Ding? Das Ding an sich? Haben Sie Kant gelesen? Kennen Sie Gott? (Kant kannte ihn auch nicht, hielt aber am Glauben an seine Existenz fest.) Vielleicht sollten Sie ihn kennenlernen, Gott und Kant.

Ewig gleiche Abläufe rufen gleiche Gedankenmuster hervor. Das Modell der Dienstleistungsgesellschaft beispielsweise ist so tief in uns verankert, dass wir nicht daran zweifeln, dass eine Dienstleistung erbracht wird, wenn wir dafür bezahlen. Warum eigentlich? Vielleicht hat der Dienstleister halt grad keine Lust. Was machen Sie dann? Vielleicht ist er ausnahmsweise nicht an Ihrem Geld interessiert. Vielleicht hätte er lieber einen Buchtipp von Ihnen. (Und durch diesen ungewohnten Gedankengang merken Sie plötzlich, dass die Dienstleistungsgesellschaft Beziehungen und wahre Begegnungen zerstört.)

Im Alltag würzen wir unsere Speisen immer auf die gleiche Art, ziehen dieselben Klamotten an, auch wenn unser Kleiderschrank noch ziemlich viele Alternativen bietet. Wir gehen einer geregelten Arbeit nach (oder sträuben uns regelmässig dagegen) und kommen gar nicht auf die Idee, dass alles ganz anders sein könnte. Viel einfacher. Freudvoller.

Wie geniesse ich es beispielsweise der Sprache, die um mich herum gesprochen wird, einmal nicht mächtig zu sein. Das ist Urlaub für mein Gehirn, das sehr empfänglich ist für sprachliche Äusserungen, das Gedankengänge beim Gegenüber oft schon erahnt, noch bevor der Gesprächspartner sie ausspricht.

Solange man sich aber gedanklich mit alten Strukturen beschäftigt, solange bleibt man auch in ihnen verhaftet. Wenn ich beispielsweise im System XY nach der Lösung des Problems Z suche, werde ich zu keinem befriedigenden Ergebnis kommen. Die Lösung eines Problems ist nämlich nie dort zu finden, wo das Problem auftaucht. Wenn ich beispielsweise nach einer Arbeit suche, die mir Spass macht, sollte ich nicht nach einer Arbeit suchen, sondern nach Dingen, die mir Spass machen. Für Schriftsteller stellt sich nicht die Frage, wie sie schreiben sollen, damit sie gelesen werden (warum sollten sie anders schreiben, als so, wie es ihr Innerstes von ihnen verlangt…), sondern wo sie sich mit ihren Texten am besten platzieren, damit die Leser sie finden.

In der Schule lernen wir leider das Gegenteil. Auf eine Frage gibt es genau eine richtige Antwort. Das Problem ist aber, dass das Leben selber, ganz andere Fragen stellt, nicht solche, die wir gelernt haben zu beantworten. Wenn uns das Leben eine Frage stellt, sagt es nicht: „Pass auf, du hast jetzt genau eine Stunde Zeit, eine Antwort herauszuarbeiten, und wenn du bis dann keine gute Lösung gefunden hast, musst du nachsitzen, denn ungenügende Leistungen müssen tunlichst vermieden werden. Wer nicht genügend leistet, wird isoliert, ausgeschlossen.“ Leider haben wir alle diese stille Drohung in der einen oder anderen Weise verinnerlicht. Das Leben selber produziert aber niemals ungenügende Leistungen und einsperren tun wir uns oft selber.

Reisen öffnet neue Denkräume.

Während ich Hügel rauf und runter spaziere, vorbei an lauschigen bunt gestrichenen Häuschen mit wilden Gärten, in denen Bananenpalmen, Reben, Kürbisse, Mais und Gurken wachsen, kommen meine Gedanken in Schwung.

„Was ich den Menschen denn unbedingt noch sagen möchte?“ (Spricht hier etwa Nietzsche zu mir? Das erste Kapitel in Ecce Homo trägt den Titel: „Warum ich so weise bin.“ In diesem Text reflektiert er seine Dichtungen und denkt über die Bedingungen seines Schreibens nach. Ein gewisser Hang zum Grössenwahn könnte im Text auszumachen sein, wobei ich nicht glaube, dass sich Nietzsche selber überschätzt hat. Als Nietzsche kann man sich gar nicht überschätzen, es sei denn, man hätte sich total verkannt, und würde sich zu gering schätzen. Womit man wiederum geisteskrank geworden wäre.)

Meine Frage impliziert, dass meine Erläuterungen Gewicht haben werden. (Warum glauben wir denn immer, dass nur wichtige Menschen, grosse Fragen beantworten dürfen?)

Mir fällt der Titel eines Filmes ein, der mir sehr gut gefällt. Den Film selber habe ich nie gesehen, da ich vermute, dass er sehr kitschig ist. Mit Julia Roberts. Eat. Pray. Love. (Vermutlich kam ich wegen Julia Roberts auch nie auf die Idee den gleichnamigen Roman von Elisabeth Gilbert, der die Vorlage zum Film bot, zu lesen. Dabei handelt das Buch ja vom Reisen und die Eltern der Autorin bewirtschaften eine Weihnachtsbaumschule, das ist doch ein Argument! Oder ich hab mir wohl gedacht, warum dieses Buch lesen, wenn es doch in drei Wörtern alles sagt.)

Wer mit dem Beten Mühe hat, kann sich einfach in Dankbarkeit und Bescheidenheit üben, denn erst wer erkennt, was er bereits hat, wird aus der Fülle heraus das erreichen, was er möchte – und nicht das, was ihm fehlt. (Von diesem Standpunkt aus war auch Nietzsche äusserst bescheiden. Er hat sich selber erkannt, auf wichtige Ämter verzichtet, sein Glück nicht im Aussen gesucht  – wobei das Glück auch im Oberengadin ist.)

Natürlich sage ich nichts Neues. Es ist ein grosser Irrtum, überhaupt Neues entdecken zu wollen. Wir können nur das entdecken, was irgendwo bereits vorhanden ist, sowie wir nur die Fragen stellen können, deren Lösungen bereits existieren. Diese Gedanken basieren wiederum nicht einzig auf esoterischem Gedankengut. Sie sind auch rein logisch durch unser Denkvermögen begründet wie Wittgenstein in seinem Tractatus logico-philosophicus aufzeigt.

Aber warum vergessen wir Menschen stets die einfachsten Wahrheiten?

Weil sich die Welt uns so darstellt, wie wir glauben, dass sie wäre, und weil wir darüber hinaus davon ausgehen, dass alle anderen Menschen unsere persönliche Sicht teilten. Und weil das jeder von sich denkt, kommen wir irrtümlich zum Schluss, die Welt wäre irgendwie komplex. Dabei liegt der Schlüssel einmal mehr nicht in der Welt, sondern in uns selbst, in der Liebe, die uns alle miteinander verbindet. Oder um mit Wittgenstein zu sprechen. „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“

Und das Vergessen wiederum ist die Bedingung für unsere Sprache, für die Kunst. Ohne Vergessen keine Schöpfung.

 

Bubble-Study

Kniend räume ich das unterste Waschmittelregal aus. Ich muss mich ganz weit nach vorne beugen. Das gleicht fast schon einer Yogaübung oder etwas anderem, wobei mir diese unmögliche Verrenkung die Gelegenheit gibt, jedes Waschmittel einzeln zu beschnuppern.

Meine Nase reicht knapp über den Kartonrand der Ariel-Box. Ich setze mich auf einen Pflanzenschemel und beobachte die flinken Bewegungen meiner Grossmutter, die hinter einer Dampfwolke verschwindet. Das alte Bügeleisen mit dem Grossmutter hantiert, ist sehr schwer, wie ich Jahre später feststellen werde, wenn sie sich auf die Reise gemacht hat, und ich für immer Abschied nehme von ihrer Boutique, die auf die Strasse hin offen ist. Immer wieder streckt jemand seinen Kopf in Grossmutters Reich, wo sie als gelernte Schneiderin immer noch Näharbeiten verrichtet. Dem Gast werden in der Küche gleich Kaffee und Bretzeli gereicht, und ich bekomme dann meist einen sogenannten Cappuccino, der zur Hälfte aus Kaffee und zur Hälfte aus Kakao besteht. Verstohlen betrachte ich unsere Gäste, in der Hoffnung, dass sie mir bloss keine Fragen stellen, schliesslich muss ich mir das alles zuerst anschauen, all diese Dinge.

Auf den Unilever-Produkten Persil und Coral gibt es zwanzig Prozent Rabatt. Vermutlich will Unilever vom Palmölskandal ablenken. Ich bin erleichtert, dass Ariel aus einem anderen Hause kommt, und eine stolze Kerzenzieher und Seifensieder Vergangenheit vorzuweisen hat. Der Hersteller heisst Procter und Gamble. Die erste Seifenoper, die Springfield Story, die über siebzig Jahre lang erfolgreich über den Bildschirm flimmerte, geht auf die Werbeprofis des Konzerns zurück. Da begegnen wir der Bubble in ihrer ursprünglichsten Form. Auch meine Mutter hat zum Bügeln Verbotene Liebe geschaut – zumindest von dem Moment an, als ihre pubertierenden Töchter Montag bis Freitag um Punkt 18.00 Uhr den Fernseher in Beschlag nahmen.

Aber wie wählen heute die Frauen ihre Marke? Kaufen sie das Waschmittel, das schon ihre Mütter benutzt haben? Die Männer, nehme ich an, die fragen ihre Mütter, und die werden eventuell eine Neuentdeckung gemacht haben, von der wiederum die Töchter nichts wissen wollen. Töchter sind stur. Wie verhält es sich aber mit der Waschmittelsucht? Es muss doch sicherlich Frauen geben, die jede einzelne Marke durchprobieren müssen. Die sich von den bunten Plastikflaschen mit Titeln wie Aprilfrische und Sommerbrise magisch angezogen fühlen, die einfach nicht wiederstehen können, bis ihre Männer auf die Barrikaden gehen und zärtlich aber bestimmt sagen: „Schatz, der neue Weichspüler riecht zwar gut, aber Männer sollten im Job nicht unbedingt weich riechen.“

Während ich das unterste Waschmittelregal von Staub befreie, reise ich nach Porto. Verkäuferinnen im Süden haben einfach eine gewisse Eleganz, die uns hier im Oberengadin abgeht. Liegt es an der akuraten, bequemen, aber wenig weiblichen Bluse? Natürlich! Im Süden tragen die Verkäuferinnen Schürzen, sodass sich jeder Mann, der den Laden betritt, sofort an seine Frau erinnert, sollte er an etwas anderes gedacht haben, was die Kauflust ankurbelt, schliesslich soll auch der moderne Mann Beute nach Hause bringen, nicht bloss Zigaretten und Bier. Frauen kaufen hingegen genetisch bedingt gerne ein, besonders wenn ihre Freundin hinter der Ladentheke steht. Wir strahlen alle etwas Familiäres aus, wobei ich mir ziemlich sicher bin, dass auch Schweizer Männer Schürzen sehr zu schätzen wüssten, nicht umsonst feiert das Dirndl eine Renaissance. Aber damit wären wir schon wieder in Bayern, und das wär wiederum eine andere Geschichte, schliesslich bin ich beim Javel-Wasser angelangt.

Ich, Esmeralda Monteiro, würde einmal in der Woche das Treppenhaus unseres Mehrfamilienhauses mit Javel-Wasser schrubben, sehr zur Freude der alten Dame und des Professors für vorderasiatische Archäologie. Ich würde der Dame und dem Professor ab und zu Suppe vorbeibringen oder Kuchen, um sicher zu stellen, dass sie meine Vogelnatur nicht stört oder sie sie überhaupt noch nicht zur Kenntnis genommen haben. Wenn die Vögel Federn verlieren, macht das Menschen traurig. Eine gute Esmeralda ist also wachsam, und wird, falls wirklich mal eine Feder zu Boden segelt, sie aufheben, pflegen, aufbewahren und wieder ankleben. Ich suche im Regal nach dem Leim fürs Federkleid. Kein Leim. Auf den Leim gegangen.

Anzubieten hätte ich desweiteren Abwaschmaschinentabs. Sie mögen jetzt einwenden, stopp, jetzt wird es aber etwas spröde. Nein, nein, protestiere ich. Sie müssen die Tabs bloss in eine Plastikbox abfüllen, sodass Sie mit Ihrer Hand genügend Platz haben, um in der Box zu wühlen. Wie fühlen sich die Tabs an? Solide oder? Sie streicheln in einer Sekunde hundert glänzende Gläser. Und wieviele Gäste werden Sie glücklich gemacht haben, wenn die Box leer ist? Lassen Sie Ihren Enkel mit der Box spielen, sofern er nicht mehr alles mit dem Mund erkundet. Nun, er wird sich später an genau diese Abwaschmaschinentabs erinnern. Sie werden dann natürlich bereits etwas antiquiert sein, die Tabs, womöglich wird es sie nicht mehr auf dem Markt geben, daher sind sie alle einzeln verpackt. Das heimliche Überlebensprogramm der Abwaschmaschinentabs. Sie überleben in Schubladen und unter Küchenbänken.

Sie entschuldigen mich, ich werde an die Kasse gerufen. Aber bitte, folgen Sie mir. Ich werde Ihnen gleich etwas über unsere Mega-Karte erzählen. Sie werden mein 972ster Kunde sein, und meinen bisherigen Umsatz von 18000 Franken nach oben wandern lassen.

Herzlichen Dank und einen schönen Tag!

Zen-Sur-Schere

Im Abseits

Da habe ich mich gefragt, wer ich bin. Was das Leben ist, was es von mir will. Ich habe mich gefragt, wie ich überlebe, ohne Schaden zu nehmen, und doch ein anständiger Mensch bleibe. Wie ich mein Schreiben rette. Meinen Körper heile. Wie ich meinen Körper wieder mit meinem Schreiben verbinde. Warum das so schwierig geworden ist in diesen Tagen, wo doch die Kommunikation wenig Schranken kennt. Ich habe recherchiert. Dann wiederum bin ich tagelang nur gewandert. Ich habe meinen Geist erforscht. Ich hatte Zeit. Ich war keine Sklavin von Arbeitsstrukturen, die mich abends komatös ins Bett fallen liessen. Aber ich kenne auch dieses Leben: So erschöpft zu sein, dass man sich Gedanken schlicht nicht mehr leisten kann. Geld hatte ich nie, denn wo das Geld ist, wird zum Schweigen geraten.

Ich weiss inzwischen, dass ich eingehe, wenn ich mich nur mit Fakten beschäftige. Kein Konflikt ist alleine mit dem Verstand zu lösen. Wahrheit hat immer auch mit Gefühlen zu tun. Wahrhaftigkeit ist eine Herzensangelegenheit, aber über diese Tugend wird heute nicht gerne gesprochen. Ich habe Entwicklungspsychologen nach dem Sitz der Wahrhaftigkeit gefragt. Doch diese Experten waren alle im Urlaub.

In der ständigen Auseinandersetzung mit dem Aussen, dem Politischen dem Korrekten und dem Widerstand gegen die Doktrin, die wir nicht erkennen sollen, leidet die Sprache, die Poesie, und letztendlich auch die Seele. Das ist das traurige an der Zensurschere. Sie beschneidet den Selbstausdruck, ein elementares menschliches Bedürfnis. Am Ausdruck gehindert zu werden, gleicht einer Organamputation. Die Energien können nicht mehr frei fliessen, ständig ist man auf der Hut, begleitet von dem Gefühl, nicht richtig zu sein, etwas falsch zu machen: Das Falsche zu denken, und den eigenen Irrtum nicht zu bemerken. Irr zu sein. Hinzu kommt das Gefühl, eine Heimat verloren zu haben. Die Welt, in der man sich als Kind noch frei bewegen konnte. Wo man lachte und weinte, zürnte, tobte und sich wieder versöhnte… Aber auch die Erinnerungen sind heute längst in der Hand des politisch korrekten Mainstreams. Sie werden so geschrieben und umgeschrieben, bis alle übereinstimmen, und keiner mehr sagt: Früher, da haben wir einander aufs Dach gegeben, um Monate später beste Freunde zu werden. Beste Freunde soll es heute nicht mehr geben, denn dann wäre das Kind benachteiligt, welches keinen hat. Oder welcher Verlag würde mir heute erlauben, mich mit den stärksten Jungs zu prügeln, um den Grundstein zu legen, für einen Austausch mit den intellektuell hartgesottensten Kerlen, die ihrerseits auch immer noch mit den Dämonen kämpfen, und das Weib an den Haaren herumreissen. Ich spreche von Nietzsche-Höhen, aber die meisten erkennen Grösse ja nicht mal, wenn sie sich zu ihnen herunter beugt. Jeder anständige Mensch muss sich doch heute vor den toten Genies schämen, einer so schwachsinnigen Zeit nichts entgegen zu setzen. Was wirst du Goethe sagen, wenn du ihm begegnest? „Sie müssen das halt verstehen Herr Goethe, damals war das nicht so offensichtlich, dass wir alles Idioten waren. Dass unser Leben total banal war. Dass wir uns haben verarschen lassen. Dass uns die Elite ins Gesicht gefurzt hat. Wir haben einfach gefressen und gesoffen, und uns gegenseitig Fake News um die Ohren gehauen, damit waren wir voll ausgelastet.“ Herr Goethe wird zu anständig sein, etwas zu sagen, aber er wird es denken: „Wurm.“

Dass man keine Jobs mehr bekommt, gewisse Freunde sich verabschiedet haben, damit kann man leben. Die Enttäuschung wird zum Normalzustand auf dem Weg des Erwachens, wenn die Zusammenhänge deutlich und die Abgründe grösser werden. Man erwartet nichts mehr und gewinnt unerwartet viel.

Aber wenn man die eigene Wahrheit nicht leben kann, wird das Leben zum Kampf, sprechen zur strategischen Überlegung. Schreiben zum Dynamit. Reisen zur Zerreissprobe. Einsamkeit zum sicheren Wert. Briefe liegen geöffnet im Briefkasten. Gewisse E-Mails erreichen einen nicht. Warum? An wen willst du deine Frage richten? Bei wem willst du dich über die anonymen Anrufe beschweren, die dich immer ereilen, wenn sich etwas Gravierendes in deinem Leben verändert, wenn du eine neue Wohnung hast oder das Gericht verlässt, vordem du als Opfer eines Raubüberfalles aussagen musstest. Wer hat noch ein Ohr für dich? Was ist dein Vergehen? Warst du bei Rechten? Bist du ein Tierrechtsextremist? Ein Libertärer? Oder ist es wegen 09.11., weil du diesen Schwachsinn nicht glaubst? Weil du schon bei der Liveübertragung gedacht hast, wie kann man eine Katastrophe in Echtzeit visuell perfekt rüberbringen, aber nicht verhindern. Du gewöhnst dich ans Alleinsein, auch willst du niemanden mehr beunruhigen, niemandem zur Last fallen, niemanden anstecken mit deiner Krankheit. Deiner politischen Unkorrektheit. Deinem Dachschaden.

Entweder beginnst du dich selbst zu verleugnen, deine eigene Wahrheit zu unterdrücken oder du blendest den Teil der Welt aus, der deine Wahrheit beschneidet. Du lebst nur noch halb.

Willst du das?

Wurm?

Du kannst nur heil bleiben, wenn du für die Wahrheit einstehst. Es geht um mehr als nur um Fakten. Es geht um dich als Mensch, und um uns alle, um unser Menschenbild.

Percevois des ondes sonores

Ich falle, und ich habe nirgends eine Karte für dieses Abenteuer gelöst. Ich falle ganz umsonst, auch weiss ich nicht wie tief und wohin.

Da mein Fallen zeitlich nicht klar umrissen ist, schwanke ich zwischen Euphorie und Entsetzen. Ich bete, ich meditiere, ich sage mir: „Lass los.“ Ich lass mich seit einer Woche fallen und allmählich wird mir mein Zustand zuwider und mitten im Fallen beginne ich mich wieder zu wehren. „Wenn du dich wehrst, dauert es noch länger.“, flüstert mir eine Stimme zu. „Gib dich hin.“ „Warum fehlt das Objekt?“ frage ich. „Es fehlt nicht. Meine Liebe. Gib dich dem Leben hin. Und das bist du.“

Ich atme die Sätze ein, während ich falle. Ich falle zwischen den Sätzen hindurch. Wie kann es sein, dass ich die Sätze begreife, indem ich sie loslasse. Endlich übernimmt mein Körper anstelle meines Kopfes das Denken. Die Zellen öffnen sich. Licht dringt in sie ein. „Warum beschleunigt der Fall die Entwicklung?“ frage ich. Wir kommen aus der Schwerelosigkeit des Fruchtwassers. Falle oder schwimm. Aber immer wenn Sätze auftauchen, übersetze sie in eine andere Sprache. Nimm Schallwellen wahr.

Percevois des ondes sonores.