Wenn ich lese

Im gestrigen Buch pflückte ich folgenden Satz: Der Himmel ist wie das zerrissene Zelt eines lumpigen Zirkus‘. In meiner Erinnerung machte ich daraus: Der Himmel ist ein lumpiges Zirkuszelt.

Die Boulevardzeitung berichtet wieder einmal vom grössten Zirkus der Schweiz. Ist von der Zirkusfamilie die Rede, fällt der Begriff „Dynastie“, was das Zirkusgewerbe in die Nähe der Royals bringt, mit denen die Zirkusfamilie regen Austausch pflegt.

Mein Himmel ist eine löchrige Jugend, die mich von der Zukunft her immer noch mit tanzenden Schneeflocken lockt, mit einem Sommerregen, der auf den heissen Asphalt klatscht. Dieser Himmel ruft mir zu: Don’t think twice, it’s alright.

Mein Himmel ist die Verzweiflung der schweren Tage, wenn mich nur sanfte Gedanken auf die Sonnenterrasse tragen, meine poetische Drahtseilbahn der tausend Wörter, die mir einen neuen Horizont verschaffen. Wenn ich genug vom Berg habe, dann sage ich „Meer“, und in Meran beginne ich meine Reise in den Süden.

Ein Kind fragt: Wirst du für immer hier bleiben? Und ich sage: Das weiss ich noch nicht.

Eine gutaussehende Frau schmatzt und spricht mit vollem Mund im Café der verstaubten Mobiliare. Sie referiert über Käsewähe. Eine gutaussehende Frau sollte nicht „Käsewähe“ sagen. Auch nicht „Käsekuchen“. Aber sie passt in meinen schiefen Tag mit meinen schweren Gliedern. Schmatz doch, schmatz!

Das Buch, das ich gestern zu Ende las, heisst: Im Café der verlorenen Jugend von Patrick Modiano. Beim Lesen flogen mir Städte durch mein Gedächtnis, Orte meiner Ich-Werdung, an denen ich seltsame Menschen getroffen hatte: Atlanta-Autoren, viele Museumswärter, Kellner, Taxifahrer, Soldaten, junge Mädchen, die mir zulächelten, Schwestern im Geiste. Ich dachte an die toten Tiere in Bukarest und Porto, die Möwen, die Katzen. Orte wie Mamaia flackerten in meinem Erinnerungsspeicher auf; Rumänien und sein Geruch nach Grossvater. Der Zoo von Saigon fiel mir ein, und dass ich lange den Gorillas zugeschaut hatte, bis mich Kinder umringten, und nach einem Foto baten. Dann die Friedhöfe, in London mit meiner damaligen Gefährtin, die ein Faible für die Gothic-Szene hatte. Einmal war ich mit auf einer Party in Camden Town, aber ich erinnere mich an nicht viel mehr, als dass ich mich langweilte und ihr Schwarm nach U-Bahn-Schacht roch. Später hatte sie Liebeskummer, und spielte mir ein Chanson von Jean-Louis Aubert mit folgendem Refrain vor: T’as eu c‘ que t’as voulu même si t’as pas voulu c‘ que t’as eu. Ihr Gastvater, sie war Au-pair wie ich, strich ihr jeweils Erdnussbutter auf den grossen Zeh, und liess den Kater die Butter ablecken. Hiess er David oder sah er nur aus wie David Bowie?

Eine ältere Dame bestellt eine „trinkwarme“ Schokolade, schon wieder so ein Wort, welches das Potential birgt, eine Migräne auszulösen.

In meinem Café der verlorenen Jugend tranken wir heisse Schokolade oder Bier.

Gestern Nacht war ich im Traum in meinem Heimatdorf. Die geographischen Begebenheiten und Menschen waren mir vertraut. Aber es herrschten andere Naturgesetze. Mein Heimatdorf war das Heimatdorf in einem Paralleluniversum. Ich flog, und musste erst Boden unter den Füssen bekommen, dann stellte ich fest, dass in diesem Dorf mit einer mir fremden Währung bezahlt wurde.

Mir wird schwindelig beim Gedanken, dass der Ort meiner Kindheit in unzähligen Variationen weiterexistiert; mit Menschen, die in meiner Realität weggezogen, aber in einer anderen Version dageblieben sind, mit Menschen, die nicht gestorben sind wie in meiner Welt. Was, wenn ich in der Parallelwelt auf mich selbst treffe? Mich, mit vier Kindern und einem Mann, einem glücklichen, aufmerksamen oder einem kranken, einem untreuen vielleicht oder mit gar keinem, alleine mit den Kindern und den Sorgen oder alleine mit Kinderglück? Oder ich treffe auf eine, von einer Gehirnerschütterung, Langzeitgeschädigte. Damals fiel ich drei Meter tief einen Heuschober hinunter. Oft trennen uns nur Sekunden und Millimeter von einer anderen Zukunft auf einer alternativen Zeitlinie.

Als Kind war ich ein bisschen in den Zirkussprössling verliebt. Ich kannte ihn aus der Schweizer Illustrierte.

Zuletzt war er wegen seines Fleischrestaurants in den Medien, da er sich lange für eine vegetarische Lebensweise ausgesprochen hatte.

Ist die Jugend wirklich der Ort, an dem noch alle Wege offen sind? Oder sind wir nicht immer schon die, die wir sein werden? Bestimmt Fleisch zu Essen oder Prinzipien zu verraten? Uns in changierende Menschen zu verlieben, weil wir selbst diese feste Einheit nicht sind?

Meine Cafés hiessen „Zentral“, „Ente“ und „Alperösli“. Besuchen wir irgendwann andere Cafés? Oder sprechen wir irgendwann mit anderen Menschen? Hören wir irgendwann auf, ihnen Übernamen zu geben, wenn wir noch nicht persönlich mit ihnen bekannt sind?

Der Himmel der Jugend ist wie eine Häkeldecke, die man unbedingt durchstossen will. Natürlich verheddert man sich dabei. Und später hüllt man sich ein in diese Decke, und wundert sich, dass man friert. Als ob man für die Löcher verantwortlich wäre.

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Vom Schreiben und Straucheln

Im folgenden Text bevorzuge ich die männliche Form, Schriftsteller und Autor im Sinne eines Mediums, das sich der Sprache zur Verfügung stellt, wobei die weiblichen Schriftsteller und Autoren selbstverständlich mitgemeint sind.

Kürzlich wurde ich gefragt, wie oft ich denn schreiben würde, wie man sich eine Schreibpraxis denn so vorstellen könne. Das ist eine heikle Frage, denn ums Schreiben ranken sich viele Mythen.

Das Idealbild zeigt den Dichter in seiner Klause, manisch schreibend, Tag und Nacht. Er ist ganz in seiner Parallelwelt versunken. Nur einmal am Tag bringt ihm ein herzensgutes altes  Weiblein eine dampfende Schüssel vorbei, und nach ein paar Monaten ist ein Meisterwerk vollendet.

Es sind wenige, die es sich leisten können, sich für Wochen komplett zurückzuziehen, die den Mut und die Entschlossenheit aufbringen für Wochen auf die Aussenwelt zu pfeifen und auf das eigene Leben zu verzichten. Wer schreibt, der lebt nur halb. Der Schriftsteller lässt das Leben durch sich hindurch aufs Papier fliessen, ohne selber daran Teil zu nehmen.

Es gibt Schriftsteller, die fühlen sich erst durchs Schreiben lebendig. Mir ist nur alleine ganz wohl, und Schreiben rechtfertigt das Alleinsein, wobei ich mein Wohlsein nicht immer mit Schreiben ausfüllen muss. Schreiben ist eine Erweiterung des Bewusstseins. Manchmal ist mir auch einfach nach Implodieren zu Mute.

Oft fürchte ich mich auch, die Welt des Schreibens zu betreten, nicht weil mir da unangenehme Dinge begegnen könnten. Es liegt ja ganz in meiner Macht, mit wem ich mich in jener Welt einlasse oder auch nicht. Nein, ich fürchte mich vor dem Schreiben wie ein Chefkoch vor dem Abendservice; davor, dass etwas schief laufen könnte  – und wenn in der Gastronomie etwas schief geht, dann ist der Abend meist gelaufen. Ein Steak zu lange auf dem Grill, eine Reservation wurde falsch notiert, der Thunfisch auf dem Menu geht aus, die Kellnerin bringt den falschen Wein an den Tisch, und der Souschef schneidet sich so arg in den Finger, dass er in die Notaufnahme muss. (Wenn Sie das Adrenalin in ihrem Leben vermissen, gehen Sie einfach mal probeweise ein paar Tage kellnern oder lesen Sie Anthony Bourdain. Danach werden Sie den Missbrauch von Betablockern verstehen.)

Schreiben ist natürlich weitaus weniger dramatisch. Wenn ich mitten im Satz strauchle, beginne ich einen neuen Satz. Kein verärgerter Gast, keine ruinierte Bluse. Mein Erröten bleibt unbemerkt. Wenn ich aus einem Abschnitt rausfalle, helfen meist ein paar Atemzüge oder ich setzte ein paar Strassen weiter mit einer anderen Figur wieder ein, und widme mich später der Baustelle. Manchmal hilft aber weder Ersteres noch Letzteres und ich kann meinen eigenen Text nicht mehr betreten. Türe zu. Feierabend. Komm morgen wieder. Oder noch schlimmer: Komm gar nicht mehr.

Auch wenn diesem Versagen keine Zeugen beiwohnen, sind diese Momente traurig. Ich fühle mich dann wie eine Betrunkene, die schlagartig nüchtern wird, verraten, im Stich gelassen: Der eigene Text will mich nicht mehr. Bist wohl doch nicht so gut wie du gemeint hast, hä?

Diese furchtbaren Momente der Desillusionierung müssen also der Grund für die Schreibmanie sein. Der Schriftsteller will möglichst lange vom Flow profitieren, daher darf er seine Tätigkeit auf keinen Fall unterbrechen. Jede Störung von aussen birgt die grösste Gefahr dieses Eimers Wasser, der sich plötzlich ohne Vorwarnung über ihn und seinen Text ergiesst.

Eine Möglichkeit, diese Situationen zu umgehen, ist, den Anfang hinauszuzögern, sich gedanklich auf den Text vorzubereiten, vielleicht noch ein bisschen zu recherchieren, dieses und jenes Buch zu lesen, sich mit Ideen anzufüllen.

Dann wird die Wohnung geputzt. Ein Freund braucht unbedingt Unterstützung bei der Vorbereitung eines Festes. Die Sonne scheint, endlich eine Runde joggen gehen und sofort. Und sofort kennt unzählige Interpretationen. Am schönsten ist das süsse Nichtstun, wenn man etwas tun sollte.

Ein Schriftsteller, könnte man sagen, ist ja niemandem Rechenschaft schuldig. Wenn er nicht schreibt, nun denn! Schreibt ihm irgendjemand vor, wie viele Bücher er publizieren muss? Es mag Autoren geben, die sich vertraglich gleich für mehrere Bücher verpflichten, aber letztendlich hängt jedes Buch nicht zuletzt von der Inspiration des Autors ab. Es ist sinnlos, mit einem ideenlosen Autor zu schimpfen. Diesbezüglich braucht der Autor keine Sanktionen zu fürchten.

Sind aber Autoren die viel schreiben auch produktiver? Oder produzieren sie einfach mehr für die Schublade, als jene Autoren, die wochenlang nicht schreiben, um in einem manischen Monat ein fixfertiges Manuskript hinzulegen?

Ein russisches Sprichwort sagt, dass Quantität irgendwann zu Qualität führt.

Wir Menschen sind Meister darin, uns vorzumachen, uns einer Sache zu widmen, während wir in Wirklichkeit gar nicht so viel Zeit investieren, wie wir meinen. Wir wollen beispielsweise mehr Sport machen, und halten nach Sportangeboten Ausschau, was uns bereits das Gefühl gibt, etwas für unseren Körper getan zu haben.

Schreiben entlarvt diese Trägheit. Ich kann mir zwar Gedanken über einen Text machen, aber solange ich ihn nicht schreibe, existiert er nicht. Das Schreiben erschafft erst neue Gedankengänge und Paralleluniversen; mit jedem Satz entrollt sich eine neue Wirklichkeit, mit mir als Zeuge und als Schöpferin – dieser Prozess lässt sich gedanklich nicht vorwegnehmen, genauso wenig wie ein Rendezvous; die pointierten Bemerkungen, die man sich wie ein Pingpongbällchen zuspielt, sachte die potentielle Schwächen des Gegenübers abtastend, die spitzen kurzen Lacher und die zugewandten Schulter- und Halspartien…

Ach ja. Nur hingehen muss ich zu meiner Verabredung, rausgeputzt mit klopfendem Herzen und moderaten Absätzen.

PS: Ich schreibe übrigens öfters, als dass ich Verabredungen habe…

Engadins Topten

Der Neuankömmling setzt sich zuerst in diese Bar, von wo aus er die beste Sicht auf die Lischana geniesst; im Hintergrund leises Live-Pianospiel, dazu gibt’s montags ein Gläschen Prosecco gereicht, ein Willkommensdrink für die neuen Gäste. Am Nebentischchen sitzen Fernsehmoderatoren, Zeitungen liegen aus, für den Fall, dass sich noch jemand für das scheinbare Weltgeschehen interessieren sollte.

Das ist absolut toll. Am Strand setzt man sich ja auch in die Strandbar und nicht in die Spelunke im verruchtesten Viertel der Stadt.

Aber irgendwann, nachdem man die Gespräche der Schweizer Prominenz belauscht, das Repertoire des Pianisten kennt, die Krawatte des Kellners einen kleinen, kaum wahrnehmbaren Flecken aufweist und sich im Blick des Portiers die namenlosen Stunden des einsamen Dienens spiegeln, ist die Zeit gekommen, den Willkommensflirt zu beenden. Die eigene Argwohn, die sich früher oder später unweigerlich einstellt, wenn man zu lange an schönen Orten ist, soll das Feriengefühl der Gäste nicht stören. Ihnen gehören die dunkelrot ausgekleideten unterirdischen Direktzugänge zum Thermalbad, die familiäre Gemütlichkeit des Unterengadins. Noch wissen sie nicht, dass ein Pizokel auch ein Halbschuh ist.

Ich will jetzt nicht davon reden, welche Abgründe sich einem als Unterländerin im Unterengadin auftun können. Wer sich auf unwegsames Gelände begibt, tut dies schliesslich auf eigenes Risiko. Nun, eines ist gewiss: Man muss die Talsohle durchschritten haben, um wieder an Höhe zu gewinnen. Oder anders gesagt: Die besten Dinge sieht man erst, wenn sich der Schleier der Illusionen lüftet. So ist also meine Topten der besten Dinge im Engadin entstanden. Durch Versuch und Irrtum, Wanderschuhe und Sonnencrème.

 

  1. Die Bäckerei Café Erni ist mein heimliches Odeon. Hier denke ich über die schützenswerten verstaubten Mobiliare und deren gesellschaftspsychologisch höchst wertvolle Funktion nach. Ich blättere in der Gala, um beruhigt diese Nichtwelt wieder auf den Zeitschriftenstapel zurückzulegen, und mich mit einem Bissen Dinkelbrötchen ganz meiner Gegenwart zu vergewissern.

 

  1. Morgens um sieben in Sent auf dem Plaz auf den Bus zu warten, während sich bereits ein Tag wie aus dem Bilderbuch ankündigt. Seit ich hier lebe, bin ich mit dem Morgen versöhnt; die glasklare kalte Luft suggeriert ein Meer von Möglichkeiten, das in meinem ausgeruhten Bergler-Ich sanft rauscht. Während sich die Lungenbläschen öffnen, sammeln sich langsam die Frühaufsteher. Bun di!

 

  1. Überhaupt wird wohl das Licht im Engadin der eigentliche Grund für das Wohlbefinden seiner Bevölkerung sein. Wer im Engadin nicht zumindest die Möglichkeit der Lichtnahrung in Betracht zieht, muss tagein tagaus eine Sonnenbrille tragen und hat wohl niemals Segantini gesehen. „Der Himmel ist extrem klar – ein warmes sattes Blau – das macht alles so leicht, als ob die Kälte nicht existierte, die Mühsal. Nur Stille. Und die Berge sind so scharf umrissen“, schreibe ich einem Freund auf Facebook. Auf dem Foto, auf Facebook und Instagram wird man dieses Licht nie sehen.

 

  1. Eines meiner ersten Wörter in Rumantsch war Pendicularas. Wenn morgens die Arbeiter der Bergbahnen in einer Linie zur Bahn marschieren, muss ich unweigerlich an Armageddon denken. Nicht, dass ich glaube, dass die Welt auf dem Motta Naluns untergeht, um Himmels Willen! Die Männer erinnern mich mit ihrem stolzen schweren Gang einfach an Astronauten, die Verantwortung tausender Skigäste auf ihrem Rücken tragend. Und wie sie abends den Hang herunterflitzen – mit Lichtgeschwindigkeit!

 

  1. Eine besondere Berufsgattung sind natürlich unsere Buschauffeure, wie die Grosis in meiner Heimat die Chauffeure possessiv bezeichnen, ganz so, als ob es ihre Söhne wären. Die Engadiner Chauffeure bestechen durch ihren Charme und ihre nie enden wollende Freundlichkeit, wobei sie Wert darauf legen, dass die Dörfer richtig ausgesprochen werden. Nichts ärgert einen Chauffeur mehr als ein S-Chanf mit rauhem ch ausgesprochen.

Aber wo sonst öffnet ein Chauffeur während der Fahrt die Türen, um auszurufen: „Ein Hirsch! Schaut, ein Hirsch!“ Ich werde dem Tourismusbüro vorschlagen, ein Panini-Album mit Scuols Buschauffeuren rauszubringen, inklusive der Mannschaft der Rhätischen Bahn, die ebenfalls Nerven wie Drahtseile und eine Hilfsbereitschaft an den Tag legt, als ob das Engadin in Nordthailand läge.

 

  1. Wo gute Männer sind, fehlt es natürlich nicht an guten Frauen. Ein Typ Frau ist mir hier besonders aufgefallen: Die Physiotherapeutinnen und Kosmetikerinnen. Sie sind sportlich, gutaussehend, humorvoll, unkompliziert, in sich ruhend, kurz: Hier im Engadin wohnt die perfekte Frau. Das sollte man vielleicht den Miss-Schweiz-Veranstaltern mitteilen. Sucht nicht mehr. Hier sind sie, die Missen. Ihre Amtszeit ist niemals begrenzt.

Sowohl unsere Herren vom Panini-Album wie die Lieblingsfrauen im Pflege- und Wellnessbereich sind natürlich verheiratet. Das Engadin liefert den Beweis, dass die Ehe glücklich macht.

Was die Engadiner in ihrem Eheleben allerdings anders und besser machen, das gilt es noch zu ergründen. Es scheint aber irgendwas mit den Hirschen zu tun zu haben.

 

  1. Beim Wandern werde ich still, und in die Stille fallen die Erkenntnisse. Im Val Plavna gelingt es mir besonders gut abzuschalten. Bin ich in Alaska oder der Schweiz?

 

  1. Natürlich liebe ich die hohe Energie im S-charl. Hier fühlt man förmlich, wie sich jede einzelne Körperzelle öffnet und mit Licht und Sauerstoff versorgt wird.

 

  1. Die Wälder. Ich warte sehnsüchtig auf das Parfum Forest Engiadina.

 

1.Die Quellen.

Die Quellen, die Gipfel und die Wälder sind gefährlich. Hat man einmal vom reinen Wasser getrunken, die Kontemplation in der Höhe genossen, den Duft der Arvenwälder in der Nase, führt kein Weg mehr zurück. Man ist für immer verzaubert.

 

Grazia fich Engiadina!

Berufung oder „Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können“ (F. Nietzsche)

Die Coaching-Welt spricht derzeit mit Vorliebe über die Berufung. Was ist eine Berufung? Wie höre ich diesen Ruf, der mir endlich das lang ersehnte Glück verheisst?

Indem du die Dinge tust, die dich glücklich machen, sagt Sadhguru, ein indischer Mystiker. Dann werden die Mitmenschen deinen Einsatz früher oder später honorieren. Aber Erfolg ist nie das Ziel.

(Also warum nicht gleich über das bedingungslose Grundeinkommen sprechen?)

In uns existiert ein Meer von Möglichkeiten, ein Rauschen tausender potentieller Realitäten, die nur darauf warten, aktiviert zu werden. Das geschieht über unseren Geist, der einer Idee Sinn und Bedeutung beimisst. Dadurch entstehen Quanten, Kräfte werden übertragen, Realitäten entstehen, erklärt der Quantenphilosoph Dr. Ulrich Warnke.

Das Rauschen in uns geht über in den Raum und der Raum geht über in das Universum. Jede geistige Bewegung wird von der einen Speicherplatte registriert.

Was ich auch immer einspeichere, geht sofort über ins Universum. Rudolf Steiner nannte dieses Feld Akasha-Chronik. Wenn ich also negative Glaubenssätze aussende, wird mir das Umfeld genau diese Negativität spiegeln. Gedanken sind zwar frei, aber sie haben immer eine Auswirkung.

Unsere Berufung hat also damit zu tun, ob wir fähig sind, in die Stille zu gehen, und unserem eigenen Klang zu lauschen, Muster und Melodien zu erkennen, Choreografien, Gemälde, Traktate, und mit welchen Emotionen wir diese potentiellen Realitäten aufladen. Mit Leidenschaft, Freude und Gelächter oder mit Skepsis, Gleichmut oder gar Überdruss.

Eigentlich ziemlich einfach oder?

Richtig atmen, wenn die Nase läuft / Eine Anleitung

Es ist wieder mal so weit; ich habe die Talsohle erreicht. Meine Nase läuft.

In der Talsohle findet man neben Tränenbächen- und Seen meist auch eine Anleitung ihrer Handhabung. (Kann man ein Gewässer handhaben? Eigentlich nicht, Gewässer sind ja keine Küchenutensilien, auf der Seelenebene aber schon. Es sind Symbole und Symbole bilden sozusagen den Gegenstand in unserem Geist ab, also kann man Symbole handhaben, schliesslich will uns unsere Seele mit dem Instrument des Symbols etwas mitteilen. Also weiter.) Stürzt man sich ins Gewässer (a), lauscht man dem Geplätscher (b) oder lässt man sich wegspülen (c).

Das ist also der Vorzug der Talsohle; man erinnert sich wieder an die unglaublich guten Tipps und Tricks, die man auf vormaligen Ausflügeln bereits gesammelt hat und grosszügig weiter geben kann. Und was ist schöner als zu geben! Wer gibt, kommt in die Fülle!

Fans des Loslassens wissen es: Loslassen heisst zulassen. Also ist man am besten mit Option c beraten. Wegspülen lassen. Kapitulieren. Hinnehmen. Elektronische Geräte ausschalten. Atmen. Nur Atmen. Und dann kommt der Rest von alleine hoch, wird die Seelensuppe umgewühlt. Um das Floating zu perfektionieren, sollte man keinem Gedanken nachhängen, und die Aufmerksamkeit immer wieder auf den eigenen Körper lenken. Den Chef vorbeiziehen lassen, dieses Projekt, jenes Projekt, die Familie, den Liebsten, alles vorbei ziehen lassen. Ins Herz atmen. Häufig sind wir so sehr im Kopf, ohne davon überhaupt Kenntnis zu nehmen. Bis wir eben krank werden.

Dem Herz aber kommt eine viel grössere Bedeutung zu als wir gemeinhin annehmen. Wir können den Herzmuskel und damit unsere Herzintelligenz stärken. Damit gewinnen wir Vitalität, geistige Klarheit, Kreativität, höhere Leistungsfähigkeit, Gelassenheit und klare Kommunikation.

Klingt ziemlich einfach, ist es aber nicht.

Denn die Probleme lösen sich nicht in Luft auf, nur weil man ins Herz atmet. Jedenfalls nicht urplötzlich, sondern allmählich, durch die andere Sichtweise auf eine Herausforderung. Hierbei kommt wiederum der Verstand in die Quere. Man fischt im trüben Gewässer, denkt bei jeder Blechdose die man rauszieht, so, jetzt hab ich dich, du Gefühl du! Aber Gefühle sind keine Blechdosen. Wenn wir sie dingfest machen wollen, entgleiten sie uns. Es gilt einzig und alleine, sie wahrzunehmen. Zu Atmen. Bis zwischen den Atemzügen die Kruste aufreisst, sprich, die verstopfte Nase läuft.

 

 

Eisblumen

Ich häng mir Freddy Nock über den Schreibtisch; in der Berninagruppe auf einem Seil auf 3’500 Metern Höhe.Wenn ich künftig eine Blockade habe, will ich Freddy betrachten, der nicht nur der Höhe, sondern auch Wind und Kälte trotzt.

Ich lege mir weitere Gedanken zurecht, die ich in meine Notfallapotheke packe, denn wir stürzen täglich mehrmals ab.

Wenn du nicht hundert Prozent an dich glaubst und in deiner Mitte ruhst, beginnt das Seil zu schlackern.

Ich lege Fäderliecht von Stiller Has neben Pflaster und Desinfektionsmittel.

Mein Blick schweift über die gepuderten Gipfel, während sich die Nacht tiefblau ankündigt. Die Bergspitzen glühen, als ob jemand hinter ihnen eine Lampe angezündet hätte. Wenn ich das Fenster öffne, dringt klare Gletscherluft herein. Krähen suchen auf den Dächern nach Futter.

Ich könnte auch in Tiflis sein, und manchmal stehe ich wochenlang am Meer, und wenn mich jemand fragt, was ich hier mache, lege ich eine bedeutende Miene auf, als ob sich der andere doch erinnern müsste. Dabei weiss einzig der junge Gemüse- und Obsthändler, dass ich ganz viele Mangos esse, und mich auf eine unschuldige Art verliebe, sodass es mich täglich wie eine Samtfrau verweht. Das mache ich. Mich verwehen lassen.

Jetzt bin ich wieder sperrig, und steh mir selbst im Weg, als ob all die ungeliebten Versionen meiner selbst auf einmal auf mich einstürmten. Und anstatt mich anzuschauen und mich hinter dem Schreibtisch zu platzieren, schaue ich mir grosse Wohnungen an. Für jeden Quälgeist ein Zimmer und die Arvenstube mit dem Kachelofen und die Küche mit dem Holzherd für mich. Fehlt nur noch das Brezeleisen. Natürlich würde ich vegane Brezeli machen. Den Jägern würd‘ ich nichts davon sagen, den Köchen auch nicht. Den Kindern wär‘s egal. Einzig die Grossmütter würden‘s merken, und sagen: „Kind!“

Ihre Augen füllten sich mit Tränen. „Die Butter!“, und sie schüttelten langsam den Kopf, während sie einen Schluck Kaffee trinken würden.

Auch Esmeralda will mir kein Glück bringen. Sie ist immer so ordentlich und pflichtbewusst, die personifizierte Tugend. Meine innere Klosterfrau. Denkt gleich wieder ans Putzen und an die Vorhänge, die wir noch nähen müssen, denkt an unsere Gäste, ob sie sich denn wohl fühlten in dieser Wohnung, denkt an das zu kaufende Bett und die Matratze, an die Bettwäsche, und dass die Wohnung gelüftet werden muss. Die Wohnung riecht nach Zweihundertjährigen. Nur eine Frau schleicht so seltsam in den Räumen rum, die Frau bin ich.

„Im Garten gibt’s genügend Platz für Hühner“, sagt sie. Aber die Raubvögel denke ich. Der Fuchs und der Wolf. Und das Butterproblem wär immer noch nicht gelöst.

Auf dem Rückweg am Inn bellt mich ein Pyrenäen-Berghund an. Er verfolgt mich im Schnee, eine Terrasse über mir. Der Abstand zwischen uns verringert sich, und erst als ich stehen bleibe und ihn anschreie, er solle nach Hause gehen, trottet er davon. Es ist ein Hirtenhund mit Hang zu Unabhängigkeit und Selbstinitiative, der vom Herrchen Autorität erfordert.

Du musst sagen, was du willst, kleine Esmeralda, sonst wirst du traurig und dein Gemüt dunkel wie das Val d‘Uina.

Es stimmt nicht, dass du nicht wütend sein darfst, manchmal musst du auch lauthals beschützen, was dir lieb ist. Und es ist auch nicht wahr, dass jeder Raum einen Sinn ergeben muss. In Manchen Räumen genügt es zu tanzen und Kopfstände zu machen.

Uns wird täglich gesagt, was wir tun und lassen sollten. Die Anweisungen erhalten wir über Mobiltelefone. Dabei ist unklar, wem wir eigentlich dienen. Es gibt Menschen, die darauf spezialisiert sind, zu überprüfen, ob sich die Masse korrekt verhält;

Noch bevor wir in einen Dialog treten, sollen wir unsere Gedanken fixfertig vorbereitet haben, wie Fertigpizzen und andere Tiefkühlprodukte. Und wenn wir nur mit den Gedanken spielen, sie über zwei Bergspitzen zu spannen, werden wir darauf festgenagelt; und dass wir nicht die Kraft und die Ruhe hätten, den Gedanken zu halten. Und wenn wir einen neuen Gedanken spinnen, versucht man uns in die alten zu verwickeln, bis wir uns verstricken und ja kein neuer Horizont erscheint.

Dabei haben wir alles, was wir brauchen. Die Kraft, die Ruhe, die Wut, die Liebe, es ist alles vorhanden in unserem Resonanzraum. Alles in einem Moment: Fäderliecht.

Am Aufsteigen kann man uns nur hindern, solange unsere Sicht verschwommen ist – und Freddy Nock geht auch blind übers Seil.

Ich warte auf die Eisblumen an meinem Fenster.

Unterweisung durch Ameisen

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Wenn du näher ranzoomst, erkennst du, dass immer Menschen daran arbeiten, dass etwas schöner aussieht, dass wir satt und klüger werden (oder auch dümmer).

Wenn du näher ranzoomst, erkennst du, dass wir alle einander dienen (und kein einziger ohne Aufgabe ist), und wenn du im Grossen ein Muster entdeckst, ein Weg, ein Ziel, Dankbarkeit, Gelassenheit und Humor (die Wörter mit Grossbuchstaben), dann steht der Liebe nichts mehr im Weg und das Kleine wird umso grösser.