Jesu Lieblingsessen

Lauretania war in diesem Jahr achtzig Jahre alt geworden. Die Zahl kam ihr seltsam vor, ein Witz! Sie fühlte sich immer noch wie ein junges Mädchen. Nur ihre Augen machten ihr Mühe, was sie ungern zugab. Sie verwendete einzig den Ausdruck, „Alterserscheinung“, um nicht das Wort „grüner Star“ aussprechen zu müssen. Das hätte sie daran erinnert, dass eine frühzeitige Kontrolle das Schlimmste hätte verhindern können. Durch den Druck im Auge wurden die Nerven und Fasern im Augenhintergrund geschädigt. Medikamente oder eine Laser-Behandlung hätten den Sehverlust minimieren können. „Was soll’s!“, murmelte sie jeweils vor sich hin, wenn die Dinge nicht so liefen, wie sie sich vorgestellt hatte. So trug sie ihre Blusen und Röcke nie länger als einen Tag, um ganz sicher zu gehen, dass ihre Kleidung sauber und ordentlich war. Die Nachbarin bügelte für sie, im Gegenzug passte sie einmal in der Woche auf die Kinder auf, manchmal auch öfters, wenn bei der alleinerziehenden Mutter etwas dazwischen kam oder die Kinder einfach so Lust hatten, bei Lauri zu sein, wie sie sie nannten.

Lauretania hatte selber keine Kinder, und so genoss sie den jungen Wind, der durch ihre Wohnung zog. „Lauri wir lüften dein Gehirn aus!“, schrien die Kinder jeweils vergnügt, bevor sie sie mit Hausaufgaben, Geschichten oder gerade erfundenen Spielen bestürmten.

Lauretania vermisste wenig in ihrem Leben, und obwohl all ihre Freunde langsam wegstarben, ihr Mann war schon seit zwanzig Jahren tot, empfand sie eine tiefe innere Ruhe, die weit über das Glücklichsein hinausging. Nur eines fehlte ihr: Das Klavierspielen. Sie war Musiklehrerin gewesen, erst in der Unter- und Oberstufe, später am Gymnasium. Sie leitete im Laufe ihres Lebens verschiedene Chöre, und gab auch selber Konzerte in Kirchen und Rathäusern im Rahmen von Jubiläumsfeierlichkeiten und anderen Festakten. Mittlerweile konnte sie aber die Noten nicht mehr lesen, und was sie früher auswendig gespielt hatte, hatte sich in ihrem Gedächtnis aufgelöst.

Abends drehte sie ihre Runde durch das kleine Städtchen. Und seit geraumer Zeit lauschte sie jeweils dem Klavierspiel eines Studenten des Konservatoriums, der bei offenem Fenster übte, wenn sie um sieben Uhr abends am Löwenplatz vorbeikam. Sie setzte sich dann auf die gegenüberliegende Bank, um dem kleinen Konzert zu lauschen. Manchmal wiederholte der Student zwanzig Mal dieselbe Stelle, was ein Lächeln auf ihr Gesicht zauberte. Die Sonate Nr. 18 in D-Dur von Mozart, wie oft hatte sie dieses Stück gespielt! Wie viel man in einem Menschenleben lernen musste, um es am Ende wieder zu vergessen! Aber auch sie lernte noch. Und in diesen Tagen war es die Demut.

Es war Heiligabend, und sie genoss die Stille, die in die Gässchen der Altstadt eingekehrt war. Die Fenster waren hell erleuchtet, dahinter funkelten bunte Weihnachtsbäume, und sie stellte sich die unterschiedlichen Speisen vor, die verzehrt wurden, zu einem einzigen Speiseberg aufgetürmt, Gänseleber, Eisbein, Kartoffelgratin und Plattenweise Fleischscheiben fürs Fondue Chinoise. Sie stellte sich die Familien vor, wie sie zusammen sangen und Geschenke austauschten. Es machte ihr nichts aus, an keinem dieser Feste dabei zu sein, schliesslich hatte sie 79 Mal Weihnachten gefeiert, an die ersten Male erinnerte sie sich natürlich nicht mehr, an unzählige Feste später auch nicht genau, was übrig blieb, war einzig die Freude über Jesu Geburt, und die brauchte sie nicht mit einem Truthahn zu bezeugen. Im Alter brauchte man ohnehin immer weniger, während das Herz beständig weiter wurde.

Plötzlich brach das Klavierspiel ab, und im zweiten Stock des Konservatoriums öffnete sich ein Fenster, mutmasste sie, denn sonst hätte sie die Stimme, die offenbar nach ihr rief, nicht wahrgenommen. „Madame! Sie holen sich noch eine Erkältung da draussen! Kommen Sie hoch! Ich hab hier Plätzchen und Glühwein!“ Na nu, dachte Lauretania verwundert. So eine Einladung an Heiligabend konnte man wohl schlecht ausschlagen. Es war tatsächlich der Klavierspieler, der nach ihr gerufen hatte. Er erwartete sie an der ersten Türe, die sich linkerhand vom Treppenhaus im zweiten Stock befand.

„Sie haben mir zugehört, stimmt’s?“ Lauretania nickte „Und, was meinen Sie? Wird aus mir ein Pianist oder doch eher ein Holzfäller?“ Lauretania lachte. Sie konnte den Mann nur schemenhaft wahrnehmen. Er war kräftig, und trug einen dunklen Bart. Seine Stimme war ganz warm. „Sie sind bereits ein Meister“, lachte Lauretania. Sie erinnerte Nika, so stellte sich der Pianist vor, an seine Grossmutter, das lange graue Haar zu einem dicken Zopf geflochten. Um ihre Augen bildeten sich lauter neckischer Lachfältchen. „Herr Nika, entschuldigen sie bitte, ich sehe nicht mehr gut, aber sie scheinen mir einen tadellosen Eindruck zu machen.“ Der junge Mann lachte: „Menschen der Musik sind selten Schelme. Ausser dass sie sich schlecht für harte Arbeit eignen, was die Menschen dazu veranlasst, zu glauben, wir würden nur musizieren, um uns Zeit zu erstehlen.“ „Wer ein Talent hat, muss es nutzen. Wir wollen Gott doch nicht langweilen! Einen grösseren Frevel kann man sich ja kaum ausdenken!“, lachte Lauretania.

Nika bot der Dame den einzigen freien Stuhl im kleinen Musikzimmer an. Links vom Fenster stand das Klavier. An der Wand gegenüber war ein Einbauschrank eingelassen. Vor dem Fenster stand ein kleines Tischchen mit Keksen und einer Thermoskanne drauf. Nika holte zwei Gläser aus dem Schrank. „Als Sohn eines georgischen Winzers find ich’s ja schon ein bisschen schändlich, den Wein so zu behandeln, aber ich mag diesen Glühwein trotzdem!“, lachte Nika. Die beiden prosteten sich zu, und endlich kam auch Lauretania dazu, sich vorzustellen.

„Was darf ich denn für Sie spielen, Frau Lauretania?“, fragte Nika. Und die Dame nestelte etwas verlegen in ihrer Tasche herum. Sie zog ein Notenheft heraus und sagte: „Seit ich sie zum ersten Mal spielen gehört habe, trage ich diese Noten in meiner Handtasche herum.“ Sie lächelte entschuldigend. „Im Alter entwickelt man so seine Spleens.“ Nika warf einen Blick auf die Noten. „Ich habe das Stück mit zwanzig geschrieben. Vor einiger Zeit ist mir das Heft beim Aufräumen wieder in die Hände geraten. Die Noten kann ich wegen meiner Sehschwäche nicht mehr lesen, und ich erinnere mich auch nicht mehr an die Details. Vielleicht können sie es für mich spielen?“, presste Lauretania hervor. Sie war nicht darin geübt, andere um einen Gefallen zu bitten. „Aber natürlich!“, lachte Nika. Er schlug andächtig die ersten Töne an.

Lauretania getraute sich kaum zu atmen. Die bezaubernde Einfachheit des Stückes rührte sie. Ein Stück wie aus dem Kirchengesangbuch, irgendwo der Ewigkeit entstiegen. „Frau Lauretania!“, strahlte Nika. „Sie haben mir da ein wunderbares Geschenk gemacht!“. Lauretania zuckte mit den Schultern und sagte: „Es ist nicht gerade virtuos…“. Nika protestierte. „Die besten Dinge sind einfach! Ich werde diese Melodie nicht mehr aus meinem Kopf bekommen!“ „Müssten Sie nicht schon lange bei ihrem Weihnachtsessen sein?“, fragte Lauretania schliesslich. Nika seufzte. „Das Festessen findet bei uns erst am 25. statt. Mir fehlt dieses Jahr aber leider das Geld, um nach Hause zu fliegen.“ „Darf ich sie in dem Fall zu einem Kartoffelsalat einladen?“, fragte Lauretania. „Sehr gerne!“, rief Nika begeistert. „Es geht nichts über Kartoffelsalat!“

Und so zog das ungleiche Paar durch die weihnachtlichen Gassen und rätselte darüber, was wohl Jesu Lieblingsessen gewesen war.

Kriminelle Energien und Konzepte der Achtsamkeit

Nun sitze ich unter den tief hängenden Wolken im mittelalterlichen Burgdorf. Die Lischana und der Piz Plavna fehlen mir, weiter schweift mein geistiges Auge nicht, da ich vorher zu weinen beginne; sie gaben mir jeden Morgen Orientierung: Hier bist du richtig. Die Bergluft umhüllte mich wie einst das Fruchtwasser, auch wenn diese Metapher total schief hängt. Hier herrscht in der konsumfreundlichen Anordnung der Dinge das Wohlstandschaos, mitten drin die grossen Verlierer, man sieht es ihnen an, auch wenn man diese Tatsache nicht aussprechen soll. So bleiben sie ohne Namen. Mir scheint, als ob sie sich in meiner zweijährigen Abwesenheit verdoppelt haben.

Geht man die Strasse oder wahlweise die Treppe zum Schloss hoch, landet man in der Altstadt, der sogenannten Oberstadt. Hier wohne ich in einem hundertfünfzigjährigen Gebäude mit dicken Mauern, die zeitweise für eine Unterbrechung des Mobilfunkkontaktes sorgen. Im ganzen Engadin gibt es kaum ein Funkloch, aber kaum im Kanton Bern, finde ich das perfekte Schneckenhaus. Hübsche kleine Geschäfte kämpfen ums Überleben, und ich ringe in meiner aparten Schreibstube mit den Worten. Zum Glück sind die Decken hoch, so können meine Sätze fliegen, während der Teddybär vom Spielwarenladen unter meinem Fenster Seifenblasen zu mir hochschickt. Im altehrwürdigen Tea Room Widmer gleite ich, ein Vermicelles löffelnd, in die Zeitlosigkeit. Um die Ecke befindet sich das Kino Krone, das noch den Charme der analogen Filmkultur versprüht. Hier schaue ich mir den Film über Bruno Manser an. Mir kommt es vor, als ob ich zwei Jahre lang kein Update des Weltleids bekommen hätte, und mich nun emotional auf den aktuellen Stand bringen müsste, um das Unglück in den Augen der Menschen zu verstehen. Rechts vom Kino führt das Strässchen entweder weiter zum Schloss hoch oder eine Treppe hinunter zum Schwimmbad und zur Emme. Das rechte Flussufer wird durch die schroffen Steilwände der Gysnauflühe eingefasst. Auf der Hochebene hinter der Gysnauflühe erstreckt sich der Binzberg. Von dort schweift der Blick über die sanft geschwungenen Emmentaler Hügelketten. Eine kleine Wanderung führt zur Lueg, der Passhöhe, welche das Emmental mit dem Berner Mittelland verbindet. Hier geniesst man die Aussicht aufs Napfgebiet, das Emmental und bei gutem Wetter auf die Berner Alpen.

Ich geniesse es, den ganzen November über bei angenehmen Temperaturen über die noch saftig grünen Hügel und durch die bunten Wälder zu wandern. Auf meinen Streifzügen fühle ich mich ein bisschen wie Ronja Räubertochter. Der Wald ist voller Geschichten, ich höre Gotthelfs Knechte fluchen, während ich vor einem Höhleneingang oder einer militärischen Anlage stehe, dann brummt in der Ferne wieder ein Traktor, und Dürrenmatts vergnügliches Lachen erklingt. Hier sind seine Halunken und Mörder zu Hause, die wachsamen und eigensinnigen Kommissare. Hier herrscht nicht die Moral, sondern der unbarmherzige Zufall.

Kein Wunder, die kriminelle Energie wohnt ja auch in der Nachbarschaft: Im Regionalgefängnis Burgdorf, in der Justizvollzugsanstalt Thorberg und im Frauengefängnis Hindelbank.

Aber wie schon Dürrenmatt wusste, laufen die grössten Menschheitsverbrechen frei herum –

und das Engadin wartet immer noch auf das Hotel, in dem die Reichen das Armsein lernen dürfen. In Dürrenmatts „Durcheinandertal“ wird aus dem Hotel für die Schickeria im Winter ein Domizil für die Verbrecher von CIA und FBI, welche unter anderem neue Gesichter verpasst bekommen. Was nicht sehr weit vom Schönheitsmedizintourismus entfernt ist, der sich laut den neusten Visionen im Unterengadin entfalten soll.

Damit will ich keinesfalls suggerieren, dass AnhängerInnen der Schönheitschirugie VerbrecherInnen sind…

Wenn’s so weit ist, komme ich zurück ins Engadin, um Referate über das Konzept der Achtsamkeit in der Schweizer Literatur zu halten – nachhaltig und regional.

 

 

 

„Tod in Genua“ von Romana Ganzoni und andere Abschiede

Meine Gedanken folgen keiner klaren Logik und erschlagen mich. Mein Kopf macht für die Petersburger Hängung à la Romana Ganzoni Platz; die Bilder hängen unsystematisch dicht aneinander an der Wand, vom Boden bis zur Decke und beeindrucken den Betrachter durch ihre schiere Menge. Das ist die Petersburger Hängung, die auf die Renaissance zurückgeht, als mehr der Kunstsammler, welcher über die nötigen finanziellen Mittel verfügte, denn das eigentliche Kunstwerk im Zentrum stand.

In meinem schlafwandlerischen Zustand des Abschiednehmens vom Engadin (voilà, so einfach ist es raus, keine Szenen, keine Tränen, einfach mit der Tür ins Haus fallen oder ohne anzuklopfen in die Stuva eintreten wie das die alten Engadiner noch zu tun pflegen) lese ich Romanas „Tod in Genua“. Die Protagonistin Nina wird von ihrem Ehemann zärtlich St. Petersburgerin genannt, ihrer assoziativen Erzählweise wegen.

Ich nasche von Romanas wunderbaren Sätzen, die sich im Hirn wie feinstes Konfekt entfalten, das im Roman auch eine Rolle spielt. Anderorts kommt mir das Opulenz versessene Zürcher Protagonistenpaar ungelegen.

Ich will ausmisten. Ich trage Bücher auf den Motta, um sie in den offenen Bücherschrank zu stellen. Manche trage ich wieder herunter. Rosa Luxemburg und Marquis de Sade. Angesichts der Neuen Weltordnung, die durch die Nationen einende Klimahysterie nun endlich in Griffnähe rückt, lohnte es sich etwas Marxismus zu studieren. Und de Sade kann man einfach nicht in einen offenen Bücherschrank stellen. In einem Familienski- und Wandergebiet. In „Tod in Genua“ heisst es: „De Sade interessierte Paul weiterhin, erst kürzlich hatte er einen Philosophen zitiert, de Sade sei nicht der erste Künstler der Moderne, sondern der letzte des Feudalismus, und er sei weiterhin aktuell, so könne die streng arbeitsteilig organisierte Sexualität als logische Fortsetzung rein ökonomistisch dominierten Tuns gelten.“ In diesem Sinne müssen wohl auch Jungpolitiker nicht zwingend mit den weiblichen Geschlechtsmerkmalen vertraut sein, wie kürzlich eine Umfrage aufzeigte.

Nun habe ich mich aber wirklich in der Eremitage verirrt, und ich will auch nicht den Anschein erwecken, dass „Tod in Genua“ ein Bett geflüstriges Buch sein könnte. Das ist eben grad das Problem. Das Protagonistenpaar verkehrt nicht mehr regelmässig miteinander. Im Zentrum der Erzählung steht Pauls Tante Matilde, eine nach Genau ausgewanderte Cousine seines verstorbenen Vaters, welche einst den Segen für Pauls Ehe mit Nina gab. Der Roman setzt mit dem Tag der Beerdigung Matildes ein. In der Erinnerung besticht Tante Matilde durch ihre kühle Eleganz, ihren Schmuck, ihre Parfums, und die Liebe zur Oper, die sie mit Nina, der Opernsängerin teilte. Und vor allem rauchte sie.

In Romana Ganzonis Requiem wird alles Schöne und Sündige nochmals besungen, und findet auf dem Monumentalfriedhof Staglieno wörtlich seinen letzten Höhepunkt.

„Tod in Genua“ ist aber auch eine Liebeserklärung an Genua, und eine herrliche Weigerung, sich dem ökonomistisch dominierten Tun unterzuordnen. So raucht Nina, endlich frei von der schmerzhaften Vergangenheit, an die sie durch ihre Ehe gebunden war, auf dem Friedhof ihre erste Zigarette.

Wegen ökonomistischen Sachzwängen muss ich hier enden. Ich denke aber weiter über diese schillernden Persönlichkeiten nach, die uns durch ihre Eleganz und ihre uneingeschränkte Liebe zur Ästhetik zu besseren Menschen machen, indem sie uns an die Kostbarkeit des Momentes erinnern. Jeder von uns kennt doch so eine Tante Matilde.

Was mein Ausmistungsunterfangen angeht, bin ich weiterhin konzeptlos.

Romana Ganzoni: „Tod in Venedig“. Zürich: Rotpunktverlag, 2019.

Die Wahrheit, nichts als die Wahrheit / Ein Versuch über die Wahrheitssuche

Im Dschungel Nordthailands ging mir eines Abends, mutterseelenalleine auf der Gemüseplantage, die ich für Kost und Logis wässerte, auf, wie die Wahrheit mit dem fünften Chakra zusammenhängt. Ich wusste zwar von dieser Beziehung, verstand aber erst in diesem Moment die volle Tragweite Ich hatte auf der offenen Feuerstelle auf der Terrasse der Bambushütte ein Feuer gemacht und sang Lieder, da ich mich im Umkreis von einem Kilometer alleine wähnte.

Das fünfte Chakra befindet sich etwas unterhalb des Kehlkopfes, und steht für unseren Selbstausdruck, die Kreativität und die Fähigkeit, unsere Wahrheit auszudrücken. Für unsere moralische Entwicklung ist es von zentraler Bedeutung, für unsere Wahrheit einstehen zu können. Erst dann erfahren wir uns als integeren und authentischen Menschen.

Befassen wir uns nicht mit der Wahrheitsfindung, steht nicht nur unsere intellektuelle und spirituelle Entwicklung auf dem Spiel; auch auf der physischen Ebene kann sich die Blockade bemerkbar machen. Vielleicht kennen Sie Menschen, die immer nur leise sprechen oder nuscheln. Ich selbst konnte mit zwanzig zwar vor zweihundert Leuten einen Text vortragen, aber mich im Seminarraum zu äussern, war für mich der Horror. Mit hochrotem Kopf habe ich kryptische Sätze von mir gegeben, mit dem Resultat, dass ich mich das nächste Mal vor dem Erröten fürchtete und in Panik geriet, wenn ich aufgefordert wurde, etwas zu sagen. Wenn ich mich heute im Alltag eher zurückhalten gebe, liegt das daran, dass ich dazu neige, übers Ziel hinauszuschiessen. Die Gefahr schwingt latent mit. Deswegen schreibe ich ja auch. Es gibt nicht viele Autoren, die gemäss Kleist „ihre Gedanken beim Reden verfertigen“. Mir fällt spontan Ruth Schweikert ein. Sie eröffnet beim Sprechen in Nebensätzen mindestens zehn Schauplätze, um sich abwechselnd auf sie zu beziehen. Mir gefällt diese Art zu sprechen, da ich beim Zuhören ADHS-Symptome zeige, und bei Langeweile innerlich emigriere.

Die öffentlichen Diskurse bieten ziemlich viele Anlässe, sich zu langweilen. Die Meinungen sind verteilt. Sie befinden sich links oder rechts. Ja, wo ist auf der Welt denn links? Darauf wird mit eben einer links angesiedelten Meinung geantwortet, da! Da wo das Herz ist! Die rechte Ecke wiederum ist ein Schandfleck. Was aus dieser Ecke hervorgebracht wird, ist indiskutabel. Mit diesen Zirkelschlüssen kann man sich ewig im Kreis drehen, Familien, Freundeskreise und ganze Nationen spalten ohne jemals über Inhalte zu sprechen.

Die Diskurse schliessen eigentliche Diskussionen aus. Die Wahrheitssuche ist viel mehr zu einem „1, 2 oder 3“ verkommen, der Quizshow für Kinder, wo es heisst: „Ob ihr richtig steht, seht ihr, wenn das Licht angeht.“

Linke unterstellen den Rechten, sie hätten den Wahrheitsbegriff gekapert. Ihr Einstehen für die Wahrheit sei das Unvermögen, mit der Komplexität der Welt umzugehen. Für die Rechten hingegen steht fest, dass die Linken die Wahrheit mit der 68er Generation und der besungenen Postmoderne in die Tonne getreten haben. Warum nicht auf den Komposthaufen, Himmel!

Wo ist sie aber denn nun zu finden, die Wahrheit?

Nach Hannah Arendt besteht Hoffnung. Im Wirrwarr der politischen Propaganda entlarvt sich die Lüge dadurch, dass auch sie letztendlich auf eine Tatsache referiert; etwas muss zuerst vorhanden sein, um geleugnet zu werden.

Oder aber Probleme müssen erfunden werden, um sie erfolgreich zu bekämpfen. Attentate und Angriffe werden unter „falscher Flagge“ verübt, um sie dem Gegner in die Schuhe zu schieben.

Im Umkehrschluss lässt sich also nur über die Dinge streiten, die sind.

Was also ist? Journalisten stolpern beim „Sagen, was ist.“ Sie erfinden Geschichten mitsamt Protagonisten, weil die Realität zu wenig hergibt wie der jüngste Spiegel-Skandal aufzeigte. Sind die Dinge aber zu unangenehm, konzentriert man sich auf den Überbringer der schlechten Botschaft, und versucht diesen zu diffamieren. Im schlimmsten Fall drohen Haft und die Verurteilung wegen Landesverrates.

Der Weg also führt unweigerlich über die eigene Subjektivität.

Was ist meine Lebenswelt? In welcher Gemeinschaft lebe ich? Welche Werte pflegen wir? Die Wahrheit braucht ein Fundament, um nicht im Boden eines destruktiven Nihilismus‘ zu versickern. Als aufmerksame Beobachter sorgen wir dafür, dass nicht nur der Boden fruchtbar bleibt, sondern auch die Luft strahlenfrei.

Brauchen wir 5G? Wozu? Warum erzählt man uns nichts über die Gefahren? Gemäss einer objektiven Berichterstattung müsste bei der Einführung einer neuen Technologie das Dafür und das Dawider beleuchtet werden. Gerade wenn die Gesundheitskosten explodieren, sollte doch jeder potentielle Kostenverursacher geortet werden.

Die Lüge entlarvt sich nicht selten durch Argumentationslücken, logische Fehlschlüsse, Behauptungen, Wiederholen der Behauptungen, Diffamieren von Kritikern.

Mit der politischen Lüge geht oft ein Schüren von Emotionen einher. Angst bereitet den Boden zum Erlass neuer Gesetzte zum Schutze der Bevölkerung, Vorbereiten von Präventivkriegen zur Verteidigung einer scheinbar so freien Welt. Als ob Kriege jemals Frieden geschaffen hätten.

Überwachung im öffentlichen Raum, erweiterte Nachrichtendienstkompetenzen und die Datensammelwut der Social-Media-Giganten sollen bei gleichzeitig offenen Grenzen für Sicherheit sorgen, während die Rüstungsindustrie munter Gewinne einstreicht und westliche Regierungen Diktaturen unterstützen.

In China gibt es bereits Pilotprojekte, die ein digitales Punktesystem testen, welches das soziale Verhalten der Menschen beurteilt. Entsprechend der Punktezahl wird der Zugang zu Dienstleistungen gewährt oder untersagt.

Bis 2020 soll das Sozialkredit-System in China implementiert sein. In diesem Sinne könnte die Headline der Südostschweiz vom 30. April 2019 zum Seidenstrassen-Gipfel nicht treffender sein: „China verspricht mehr Transparenz“.

Die weltpolitischen Entscheide können wir keinem Faktencheck unterziehen, wenn wir nicht selbst in die Welt ziehen und mit den Menschen vor Ort sprechen. In Rongcheng beispielsweise.

Wir können aber entscheiden, wie viel Welt für uns von Belang ist, ob wir das Fliegen und damit das Entdecken und Erfahren anderer Wirklichkeiten aufgeben wollen, um 3% des weltweiten vom Menschen verursachten CO2-Ausstosses zu eliminieren, und wie wir unseren Verstand einsetzten, um die Informationsfetzen zu verarbeiten.

In der Provinz Shandong werden wir wohl kaum die Wahrheit erfahren, da sich die Menschen aus Furcht vor Strafpunkten wohl hüten werden, Kritik am neuen Punktesystem zu äussern.

Aber wir können Bundespräsident Ueli Maurer fragen, welche 30 Bereiche Gegenstand der bilateralen Dialoge zwischen China und der Schweiz waren; unter ihnen Finanz- und Steuerthemen, Wissenschaft und Menschenrechte wie wir den Medien entnehmen.

Bei der Seidenproduktion wird die Raupe lebendig gekocht; die Produktionsstrasse bauen wir gerade mit auf; 5G, Elektroauto und Zugang zum chinesischen Meer. Was wollen wir mehr!

Erst wenn wir zu unserer individuellen Wahrheit stehen, und das Beste aus unseren Talenten machen, beginnt die Welt aus uns heraus zu entstehen. Wir verlassen unseren Kokon, der uns zwar lange geschützt hat, uns aber nun von geistigen Höhenflügen abhält. Es dürfte kein Zufall sein, dass es heute so viele Castingshows gibt, aber keine wirklich eigenständigen Stimmen. So viele Ausbildungen, aber keine Fachkräfte. Etc. …

Solange wir an der Wahrheitsfindung gehindert werden, sei dies durch einseitige Berichterstattung, eingeschränkten Informationsfluss durch neue Datenschutzbestimmungen, Zensurmassnahmen auf sozialen Netzwerken zwecks Eindämmung sogenannter Hassreden, als ob Hass wie ein Virus auch das reinste Herz infizieren könnte, ein veraltetes Schulsystem, das die Neugierde abtötet, anstatt sie zu füttern, schlechter Nahrung, Pestiziden, etc., können wir uns nicht zu jener integeren Person entwickeln, die in der Lage ist, die Welt bewusst wahrzunehmen und zu gestalten.

Wir leben unter unseren Möglichkeiten, und das ist die wirkliche Tragödie; angepasst, leidenschaftslos, passiv, wie der Mensch in Platons Höhlengleichnis, der die Schatten an den Wänden nicht als Projektionen erkennt, geschweige denn seine Höhle als Gefängnis.

 

PS:

Für Kant darf die Wahrheit niemals geopfert werden, auch dann nicht, wenn wir dadurch jemanden vor dem Tod retten könnten, da, so Kants Argumentation, niemand den Lauf des Schicksals kennt und sich sicher sein kann, dass besagter Todeskandidat nicht am nächsten Tag an einem Unfall stirbt.

Nach Kant bildet die Wahrheit die Basis der Demokratie. Wer sie einmal Preis gibt, schafft den Raum für die Willkür.

(Eine Verurteilung wegen Landesverrates durch die Veröffentlichung geheimer Dokumente ist daher zutiefst undemokratisch.)

Wenn ich lese

Im gestrigen Buch pflückte ich folgenden Satz: Der Himmel ist wie das zerrissene Zelt eines lumpigen Zirkus‘. In meiner Erinnerung machte ich daraus: Der Himmel ist ein lumpiges Zirkuszelt.

Die Boulevardzeitung berichtet wieder einmal vom grössten Zirkus der Schweiz. Ist von der Zirkusfamilie die Rede, fällt der Begriff „Dynastie“, was das Zirkusgewerbe in die Nähe der Royals bringt, mit denen die Zirkusfamilie regen Austausch pflegt.

Mein Himmel ist eine löchrige Jugend, die mich von der Zukunft her immer noch mit tanzenden Schneeflocken lockt, mit einem Sommerregen, der auf den heissen Asphalt klatscht. Dieser Himmel ruft mir zu: Don’t think twice, it’s alright.

Mein Himmel ist die Verzweiflung der schweren Tage, wenn mich nur sanfte Gedanken auf die Sonnenterrasse tragen, meine poetische Drahtseilbahn der tausend Wörter, die mir einen neuen Horizont verschaffen. Wenn ich genug vom Berg habe, dann sage ich „Meer“, und in Meran beginne ich meine Reise in den Süden.

Ein Kind fragt: Wirst du für immer hier bleiben? Und ich sage: Das weiss ich noch nicht.

Eine gutaussehende Frau schmatzt und spricht mit vollem Mund im Café der verstaubten Mobiliare. Sie referiert über Käsewähe. Eine gutaussehende Frau sollte nicht „Käsewähe“ sagen. Auch nicht „Käsekuchen“. Aber sie passt in meinen schiefen Tag mit meinen schweren Gliedern. Schmatz doch, schmatz!

Das Buch, das ich gestern zu Ende las, heisst: Im Café der verlorenen Jugend von Patrick Modiano. Beim Lesen flogen mir Städte durch mein Gedächtnis, Orte meiner Ich-Werdung, an denen ich seltsame Menschen getroffen hatte: Atlanta-Autoren, viele Museumswärter, Kellner, Taxifahrer, Soldaten, junge Mädchen, die mir zulächelten, Schwestern im Geiste. Ich dachte an die toten Tiere in Bukarest und Porto, die Möwen, die Katzen. Orte wie Mamaia flackerten in meinem Erinnerungsspeicher auf; Rumänien und sein Geruch nach Grossvater. Der Zoo von Saigon fiel mir ein, und dass ich lange den Gorillas zugeschaut hatte, bis mich Kinder umringten, und nach einem Foto baten. Dann die Friedhöfe, in London mit meiner damaligen Gefährtin, die ein Faible für die Gothic-Szene hatte. Einmal war ich mit auf einer Party in Camden Town, aber ich erinnere mich an nicht viel mehr, als dass ich mich langweilte und ihr Schwarm nach U-Bahn-Schacht roch. Später hatte sie Liebeskummer, und spielte mir ein Chanson von Jean-Louis Aubert mit folgendem Refrain vor: T’as eu c‘ que t’as voulu même si t’as pas voulu c‘ que t’as eu. Ihr Gastvater, sie war Au-pair wie ich, strich ihr jeweils Erdnussbutter auf den grossen Zeh, und liess den Kater die Butter ablecken. Hiess er David oder sah er nur aus wie David Bowie?

Eine ältere Dame bestellt eine „trinkwarme“ Schokolade, schon wieder so ein Wort, welches das Potential birgt, eine Migräne auszulösen.

In meinem Café der verlorenen Jugend tranken wir heisse Schokolade oder Bier.

Gestern Nacht war ich im Traum in meinem Heimatdorf. Die geographischen Begebenheiten und Menschen waren mir vertraut. Aber es herrschten andere Naturgesetze. Mein Heimatdorf war das Heimatdorf in einem Paralleluniversum. Ich flog, und musste erst Boden unter den Füssen bekommen, dann stellte ich fest, dass in diesem Dorf mit einer mir fremden Währung bezahlt wurde.

Mir wird schwindelig beim Gedanken, dass der Ort meiner Kindheit in unzähligen Variationen weiterexistiert; mit Menschen, die in meiner Realität weggezogen, aber in einer anderen Version dageblieben sind, mit Menschen, die nicht gestorben sind wie in meiner Welt. Was, wenn ich in der Parallelwelt auf mich selbst treffe? Mich, mit vier Kindern und einem Mann, einem glücklichen, aufmerksamen oder einem kranken, einem untreuen vielleicht oder mit gar keinem, alleine mit den Kindern und den Sorgen oder alleine mit Kinderglück? Oder ich treffe auf eine, von einer Gehirnerschütterung, Langzeitgeschädigte. Damals fiel ich drei Meter tief einen Heuschober hinunter. Oft trennen uns nur Sekunden und Millimeter von einer anderen Zukunft auf einer alternativen Zeitlinie.

Als Kind war ich ein bisschen in den Zirkussprössling verliebt. Ich kannte ihn aus der Schweizer Illustrierte.

Zuletzt war er wegen seines Fleischrestaurants in den Medien, da er sich lange für eine vegetarische Lebensweise ausgesprochen hatte.

Ist die Jugend wirklich der Ort, an dem noch alle Wege offen sind? Oder sind wir nicht immer schon die, die wir sein werden? Bestimmt Fleisch zu Essen oder Prinzipien zu verraten? Uns in changierende Menschen zu verlieben, weil wir selbst diese feste Einheit nicht sind?

Meine Cafés hiessen „Zentral“, „Ente“ und „Alperösli“. Besuchen wir irgendwann andere Cafés? Oder sprechen wir irgendwann mit anderen Menschen? Hören wir irgendwann auf, ihnen Übernamen zu geben, wenn wir noch nicht persönlich mit ihnen bekannt sind?

Der Himmel der Jugend ist wie eine Häkeldecke, die man unbedingt durchstossen will. Natürlich verheddert man sich dabei. Und später hüllt man sich ein in diese Decke, und wundert sich, dass man friert. Als ob man für die Löcher verantwortlich wäre.

Vom Schreiben und Straucheln

Im folgenden Text bevorzuge ich die männliche Form, Schriftsteller und Autor im Sinne eines Mediums, das sich der Sprache zur Verfügung stellt, wobei die weiblichen Schriftsteller und Autoren selbstverständlich mitgemeint sind.

Kürzlich wurde ich gefragt, wie oft ich denn schreiben würde, wie man sich eine Schreibpraxis denn so vorstellen könne. Das ist eine heikle Frage, denn ums Schreiben ranken sich viele Mythen.

Das Idealbild zeigt den Dichter in seiner Klause, manisch schreibend, Tag und Nacht. Er ist ganz in seiner Parallelwelt versunken. Nur einmal am Tag bringt ihm ein herzensgutes altes  Weiblein eine dampfende Schüssel vorbei, und nach ein paar Monaten ist ein Meisterwerk vollendet.

Es sind wenige, die es sich leisten können, sich für Wochen komplett zurückzuziehen, die den Mut und die Entschlossenheit aufbringen für Wochen auf die Aussenwelt zu pfeifen und auf das eigene Leben zu verzichten. Wer schreibt, der lebt nur halb. Der Schriftsteller lässt das Leben durch sich hindurch aufs Papier fliessen, ohne selber daran Teil zu nehmen.

Es gibt Schriftsteller, die fühlen sich erst durchs Schreiben lebendig. Mir ist nur alleine ganz wohl, und Schreiben rechtfertigt das Alleinsein, wobei ich mein Wohlsein nicht immer mit Schreiben ausfüllen muss. Schreiben ist eine Erweiterung des Bewusstseins. Manchmal ist mir auch einfach nach Implodieren zu Mute.

Oft fürchte ich mich auch, die Welt des Schreibens zu betreten, nicht weil mir da unangenehme Dinge begegnen könnten. Es liegt ja ganz in meiner Macht, mit wem ich mich in jener Welt einlasse oder auch nicht. Nein, ich fürchte mich vor dem Schreiben wie ein Chefkoch vor dem Abendservice; davor, dass etwas schief laufen könnte  – und wenn in der Gastronomie etwas schief geht, dann ist der Abend meist gelaufen. Ein Steak zu lange auf dem Grill, eine Reservation wurde falsch notiert, der Thunfisch auf dem Menu geht aus, die Kellnerin bringt den falschen Wein an den Tisch, und der Souschef schneidet sich so arg in den Finger, dass er in die Notaufnahme muss. (Wenn Sie das Adrenalin in ihrem Leben vermissen, gehen Sie einfach mal probeweise ein paar Tage kellnern oder lesen Sie Anthony Bourdain. Danach werden Sie den Missbrauch von Betablockern verstehen.)

Schreiben ist natürlich weitaus weniger dramatisch. Wenn ich mitten im Satz strauchle, beginne ich einen neuen Satz. Kein verärgerter Gast, keine ruinierte Bluse. Mein Erröten bleibt unbemerkt. Wenn ich aus einem Abschnitt rausfalle, helfen meist ein paar Atemzüge oder ich setzte ein paar Strassen weiter mit einer anderen Figur wieder ein, und widme mich später der Baustelle. Manchmal hilft aber weder Ersteres noch Letzteres und ich kann meinen eigenen Text nicht mehr betreten. Türe zu. Feierabend. Komm morgen wieder. Oder noch schlimmer: Komm gar nicht mehr.

Auch wenn diesem Versagen keine Zeugen beiwohnen, sind diese Momente traurig. Ich fühle mich dann wie eine Betrunkene, die schlagartig nüchtern wird, verraten, im Stich gelassen: Der eigene Text will mich nicht mehr. Bist wohl doch nicht so gut wie du gemeint hast, hä?

Diese furchtbaren Momente der Desillusionierung müssen also der Grund für die Schreibmanie sein. Der Schriftsteller will möglichst lange vom Flow profitieren, daher darf er seine Tätigkeit auf keinen Fall unterbrechen. Jede Störung von aussen birgt die grösste Gefahr dieses Eimers Wasser, der sich plötzlich ohne Vorwarnung über ihn und seinen Text ergiesst.

Eine Möglichkeit, diese Situationen zu umgehen, ist, den Anfang hinauszuzögern, sich gedanklich auf den Text vorzubereiten, vielleicht noch ein bisschen zu recherchieren, dieses und jenes Buch zu lesen, sich mit Ideen anzufüllen.

Dann wird die Wohnung geputzt. Ein Freund braucht unbedingt Unterstützung bei der Vorbereitung eines Festes. Die Sonne scheint, endlich eine Runde joggen gehen und sofort. Und sofort kennt unzählige Interpretationen. Am schönsten ist das süsse Nichtstun, wenn man etwas tun sollte.

Ein Schriftsteller, könnte man sagen, ist ja niemandem Rechenschaft schuldig. Wenn er nicht schreibt, nun denn! Schreibt ihm irgendjemand vor, wie viele Bücher er publizieren muss? Es mag Autoren geben, die sich vertraglich gleich für mehrere Bücher verpflichten, aber letztendlich hängt jedes Buch nicht zuletzt von der Inspiration des Autors ab. Es ist sinnlos, mit einem ideenlosen Autor zu schimpfen. Diesbezüglich braucht der Autor keine Sanktionen zu fürchten.

Sind aber Autoren die viel schreiben auch produktiver? Oder produzieren sie einfach mehr für die Schublade, als jene Autoren, die wochenlang nicht schreiben, um in einem manischen Monat ein fixfertiges Manuskript hinzulegen?

Ein russisches Sprichwort sagt, dass Quantität irgendwann zu Qualität führt.

Wir Menschen sind Meister darin, uns vorzumachen, uns einer Sache zu widmen, während wir in Wirklichkeit gar nicht so viel Zeit investieren, wie wir meinen. Wir wollen beispielsweise mehr Sport machen, und halten nach Sportangeboten Ausschau, was uns bereits das Gefühl gibt, etwas für unseren Körper getan zu haben.

Schreiben entlarvt diese Trägheit. Ich kann mir zwar Gedanken über einen Text machen, aber solange ich ihn nicht schreibe, existiert er nicht. Das Schreiben erschafft erst neue Gedankengänge und Paralleluniversen; mit jedem Satz entrollt sich eine neue Wirklichkeit, mit mir als Zeuge und als Schöpferin – dieser Prozess lässt sich gedanklich nicht vorwegnehmen, genauso wenig wie ein Rendezvous; die pointierten Bemerkungen, die man sich wie ein Pingpongbällchen zuspielt, sachte die potentielle Schwächen des Gegenübers abtastend, die spitzen kurzen Lacher und die zugewandten Schulter- und Halspartien…

Ach ja. Nur hingehen muss ich zu meiner Verabredung, rausgeputzt mit klopfendem Herzen und moderaten Absätzen.

PS: Ich schreibe übrigens öfters, als dass ich Verabredungen habe…