Pinke Schuhe, Hunde als Tröster und die Lust an der Ambivalenz

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Vor Jahren besuchte ich meine Schwester in Florenz, als sie dort einen längeren Aufenthalt verbrachte. Wir zogen abends um die Häuser, ich in meinen neuen Turnschuhen, die ich mir am Nachmittag gekauft hatte, vermutlich war ich mit meinen Stiefeln angereist, die ich damals sommers wie winters trug. In jenem Sommer herrschte in Florenz eine mörderische Hitze. Die Turnschuhe glitzerten pink und hatten zwei Klebverschlüsse. Es waren eigenartige Turnschuhe. In einer Bar stellte sich eine Frau, sie war ungefähr um die dreissig, vor mich hin und musterte mich von oben bis unten. Immer wieder sagte sie: „Also, ich weiss nicht. Diese Schuhe.“ Sie war gleichermassen fasziniert wie abgestossen von meinem exzentrischen Modell.

So geht es mir mit dem Roman von Sigrid Nunez, „Der Freund“. Eine Schriftstellerin trauert um ihren besten Freund, einen Schriftstellerkollegen, der sich das Leben genommen hat, und findet dank der dänischen Dogge, die ihr der Freund hinterlässt, wieder ins Leben zurück. Soweit die Handlung. Der Plot ist originell, vermag der riesige Hund namens Apollo viel Aufmerksamkeit zu erzielen. Zärtlich schildert die Autorin die Freundschaft zwischen Tier und Mensch. Die erzählerischen Passagen werden unterbrochen durch Briefpassagen, in denen die Ich-Erzählerin, ihren verstorbenen Freund anspricht. Sie kramt in ihren Erinnerungen, erzählt von ihrem Alltag als Dozentin für kreatives Schreiben, holt zu essayistischen Exkursen aus, in denen Bücher und Filme verhandelt werden, die von der Freundschaft zwischen Mensch und Hund handeln wie „My Dog Tulip“ von J. R. Ackerley. Sie denkt übers Schreiben nach, wie und warum man schreiben soll und sucht Antworten bei ihren Berufskollegen. Dieses wilde Umherspringen entspricht zwar der intellektuellen Arbeit, dem Schreibprozess, der nie schnurgerade verläuft, schwächt aber die eigentliche Erzählung. Und genau das sorgt für jene Ambivalenz: Also, ich weiss nicht. „Der Hund“ ist weder ein Essay noch ein klassischer Roman, auch wenn auf dem Cover „Roman“ steht.

Nun wirft genau das Sperrige an diesem Text die Frage auf, was der Leser von einem Text erwartet, wie Literatur sein soll.

Erst seit ich meine Kriterien kenne, kann ich produktiv schreiben. (Schreiben lässt sich mit einer beliebigen Tätigkeit ersetzen, und der Satz behält seine Gültigkeit. Produktivität muss bestimmten Gesetzmässigkeiten folgen. Der Zufall oder die Inspiration mag die Initialzündung sein, aber der Schöpfungsprozess ist Arbeit.)

Beispielsweise stehe ich der Mystifizierung des Schreibens kritisch gegenüber, und genau das tut der Text. „Der Hund“ suggeriert, dass Schreiben ein magischer Prozess ist, dem der Schriftsteller alles unterordnen muss, und dass alles, was dem Schreiben dient, auch gut ist – beispielsweise die Vielweiberei des verstorbenen Protagonisten. Eine solche Haltung birgt, wie der Text zeigt, die Gefahr der Selbstaufgabe – irgendwann dominiert der Text den Autor, spätestens dann, wenn der Autor mit dem Unverständnis der Leser nicht umgehen kann.

Dass Schreiben ein magischer Prozess ist, will ich keines Falls bestreiten. Etwas Neues zu kreieren, erzeugt immer ein überwältigendes Glücksgefühl, und schreibend lassen sich ganze Welten erschaffen. Aber ich glaube, dass das Leben immer vor dem Schreiben kommt, dass Unzulänglichkeiten (die uns ja weit vor dem Glück am meisten beschäftigen, die Mehrzahl der Romanen handeln von ihnen, von der Unfähigkeit mit Schmerz umzugehen, vom Verlust und Verrat. ) vor dem Beschrieb immer zuerst betrachtet und verstanden werden müssen. (Und verstehen heisst durchfühlen. Das ist eine Schwäche des Romans: Die Protagonistin fühlt nicht. Sie denkt über die Beziehung zu ihrem Freund nach, hier und da gibt sie ein Gespräch wieder, aber die Autorin lässt ihre Protagonistin kaum Szenen dieser Freundschaft aufleben.)

Aber solange wir ambivalent sind, geht uns der Schreibstoff nicht aus, (in dem Moment wird mir klar, dass im Roman Gefühle durch Symbole vermittelt werden, niemals durch Erklärungen) der Lesestoff, der Diskussionsstoff, der Zündstoff um besser zu werden, in was auch immer, als Mensch.

Ambivalenz ist ja nichts anderes als Unentschiedenheit: Wollen wir dies oder wollen wir das?

Auf die pinken Turnschuhe, die riesigen Hunde, und die Frage, warum Menschen in Romanen nie aufs Klo gehen.

Anmerkung: Bei Murakami tun sie es. Seine Figuren urinieren sehr gerne und ausgiebig. An beschriebene Darmentleerungen erinnere ich mich hingegen kaum.

Ach ja, Nunez gibt Auskunft über die Haufen von Apollo, die gemäss seiner Grösse und seinem Gewicht entsprechend ausfallen, und von der Protagonistin mit einem Spielzeugeimer aufgesammelt werden.

Karma des Überangebotes

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Wir Veganer sind uns ja gewohnt, mit der Tupperdose auszurücken, wenn wir mittags nicht zu Hause sein können oder sonst gerade in der Gegend rumgondeln, wo die Nahrungsbeschaffung ungewiss ist – gerade in der Provinz fehlt oft ein Tibits oder ein Lebensmittelladen mit einem einladenden veganen Sortiment. So haben wir gelernt bescheiden zu werden; Haferflocken und Datteln stets als Notfallnahrung mit im Gepäck.

Der neue Karma-Shop am Bahnhof Bern ist also ein Traum für jeden Veganer, der sich rasch mit einer kostengünstige Mahlzeit für unterwegs eindecken will. Der Shop bietet vegetarische und vegane Produkte aus dem Coopsortiment, neben der Karma-Linie Produkte von Veganz und anderen bekannten Marken.

Egal ob Müslis, Sandwiches, diverse Humussorten (Humusse?) und Brötchen, die Pflanzenvertilgerin, um auch mal eine weibliche Form zu wählen, wird hier fündig. Sie erwartet ausserdem eine grosse Auswahl an Smoothies und anderen modernen Getränken, die man mal so aus Neugierde in den Einkaufskorb legt – und hier lauert auch schon die grosse Karma-Falle!

Man gerät hier leicht in Versuchung, Dinge zu kaufen, die man eigentlich nicht benötigt. Als Freundin unverarbeiteter Lebensmittel verzichte ich grösstenteils auf Fleischersatzprodukte, Pflanzenburger – die mache ich selber, ganz ohne Zusatz- und Konservierungsstoffe. Ich kaufe so gut wie keine veganen Aufstriche, da ich wenig Brot esse, und die meisten Aufstriche wiederum sehr viele Inhaltsstoffe enthalten, davon ein grosser Teil Fett.

Trotzdem ist so ein Lädeli schön. Die pflanzliche Ernährung erhält einen weiteren Platz an einem Knotenpunkt des Fussverkehrstroms und präsentiert sich hier von der besten Seite. 40 Lebensmittel wie Quinoa und Nüsse gibt es hier in Schüttbehältern für die Zero-Waste-Praktikerin. Und endlich gibt es eine Adresse, wo man die Familie hinschicken kann, wenn sie einem denn unbedingt etwas mitbringen will. (Jemanden in den Bioladen zu schicken, hat immer noch diesen dünkelhaften Beigeschmack.) 50 Produkte der Karma-Linie sind nach den Richtlinien von Bio Suisse hergestellt und tragen die Bio Knospe als Gütesiegel. 175 Proudukte sind vegan. Das heisst, dass weniger als die Hälfte der Karma-Produkte Bioprodukte sind, aber das nur am Rande.

Zurück zu den Mitbringsel. Für Apéronaschereien bin ich dann doch zu haben, auch wenn ich für mich selbst keine Chips und salziges Gebäck kaufe. Dasselbe gilt für Energieriegel. Die esse ich aus Kalorienphobie selten, wobei ich auch ungern drei Franken für einen Riegel ausgebe. Gewürze mag ich auch, der Einfachheit halber kaufe ich aber meist nur Curry und Kurkuma.

Die geneigte Leserschaft könnte aus meinen Erläuterungen nun leicht ableiten, dass die Autorin an einer schweren Form der Orthorexie, also dem Zwang, nur gesundes Essen zu sich zu nehmen, leide. Na ja, vielleicht trifft das sogar ein bisschen zu. Ich meide ungesundes Essen aber nicht aus Angst einen immensen Schaden davon zu tragen, sondern einfach aus der Erfahrung heraus, dass ich mich nach dem Verzehr von hoch verarbeiteten Nahrungsmitteln entsprechend träge und unwohl fühle. Auch vereinfacht es einem das Leben ungemein, wenn man bei den Basics bleibt:

Ich mag es nicht, mich zwischen vielen Dingen entscheiden zu müssen. Mir reicht alleine die Auswahl. Gemüse, Früchte, Hülsenfrüchte, Getreide, Samen und ein paar Gewürze. Et puis voilà, mein Einkauf ist erledigt. Damit spare ich nicht nur Zeit beim Einkauf, sondern auch eine Menge Geld. (Ähnlich halte ich es mit der Kleidung. Meine Basics kann ich idealerweise alle miteinander kombinieren.)

Letztendlich habe ich den Laden mit einem Schoko-Protein-Pulver, einem Proteinbrötchen – etwas Zusatzproteine können bei meinem Sportpensum nicht schaden, einer Dinkelmilch und einem Mandelschokodrink zum Soforttrinken verlassen.

Entgegen meinen Gewohnheiten.

Der Bio Protein Shake Cacao schmeckt übrigens ausgezeichnet. Er beinhaltet Kürbiskernproteinpulver, Dattelpulver, Bananenpulver, fettarmes Kakaopulver, Reismehl und Kochsalz. Alle landwirtschaftlichen Zutaten stammen aus biologischer Produktion.

Aber so richtig wohl ist mir nach diesem Genuss nicht.

 

Enge Grenzen, weite Gefühle / En attendant / Apéro Riche

Robert fragt, ob er sich an den Nebentisch setzen dürfe.

„Ja klar, der ist doch frei.“, sage ich.

„Ja, ich meine bloss. Ich würd mich ja gerne an deinen Tisch setzen, wenn ich dürfte.“

„Das darfst du eben nicht.“, sage ich.

„Nein, das darf er nicht.“, sagt die Kellnerin.

„Also setz dich, Robert. Ein Ballönchen?“

„Ja, 99 Luftballons bitte und ein paar Friedenskanister. Für die Dame eine Stange.“

„Aber es ist doch erst 16.00 Uhr“, protestiere ich.

„Ja eben, es gibt keine bessere Zeit als nachmittags einen hinter die Binde zu kippen.“

„Na gut, wir haben ja nichts vor. Sollen die anständigen Menschen das Anständigsein verteidigen, um abends vor ihren Flachbildschirmen erlöst zu werden, uns soll’s recht sein.“

Am Horizont nur Zeit und Abstände. Mir scheint, dass die Abstände die Zeit dehnen. Die Gespräche werden luftiger. Die Gesten grösser.

„Eine ganze Welt ist verschwunden. Adieu, wie soll ich dich nennen? Eine gute Welt warst du nicht. Vermissen tu ich dich auch nicht. Aber ich will dich hier jetzt auch nicht schlecht machen, wir haben beide unseren Teil dazu beigetragen, zum Untergang.“, skandiert Robert.

„Ganz recht. So wie früher wird’s nimmer mehr. Dieses Früher hat uns ja auch dahin geführt, wo wir jetzt sind, wo wir nie sein wollten, und uns weigern zu sein.“

Mein Blick fällt auf die roten Geranien auf der Balustrade gegenüber. Die Kellnerin bringt mit weit abgespreiztem Arm die Getränke an unsere Tische.

„Ach Fräulein Geraldine, nicht so humorlos bitte! Weigere ich mich etwa zu sein? Nein. Die Welt hält den Atem an. Die Regierenden machen sich grad zum Gespött der Götter – wir hätten uns keinen besseren Sitzplatz in der Geschichte aussuchen können.“

„Ja eben, da sitzen wir.“

Ich blase den ganzen Tag schon Trübsal, und versuche mir etwas zu wünschen, aber ich weiss nicht, was ich mir wünschen könnte.

„Ob wir stehen, sitzen oder liegen tut jetzt auch nichts zur Sache.“

„Aufstehen sollten wir“, sage ich.

„Wofür, wozu? Ich trink doch nicht im Stehen! Lass sie reden. Lass sie ihre Grenzen ziehen. Aber sollen wir uns deswegen unsere Laune verderben lassen? Wollen wir uns an ihre Grenze begeben, damit sie ihr Recht durchsetzen können? Nein, ich weigere mich. Ich bleibe schön hier sitzen und ignoriere ihr Gerede. An meine Grenzen kommt ihr Geschwätz nicht ran, da können sie mir bis in meine Wohnung folgen, bitteschön, aber hier“, Robert klopft mit der rechten Hand gegen sein Herz, „hier haben sie keinen Zutritt. Prost!“

„Ja, immer versuchen sie ihren Rahmen über uns drüber zu stülpen. Aber wir sind doch keine Leinwände, auf die sie ihre wahnhaften Zukunftsvisionen projizieren können!“

„Notrecht nennen sie ihren Rahmen. Die Frage ist bloss, wer hier in Not ist? Könnten sie ihre Statistiken richtig interpretieren, könnten wir genau von einer Not sprechen, und zwar von einer Erklärungsnot.“ Robert bricht in schallendes Gelächter aus.“

„Es wird gelockert.“

„An Pfingsten dürfen wir auch wieder zum Gottesdienst.“

„Amen.“ Robert lacht.

„Ach Robert, manchmal denkt es mir mitten in diesen prächtigen wolkenfreien Tag hinein, noch während ich den Duft des Heus einatme: «Was mache ich hier mit meinem Zollstock – jedem auf den Po klatschend, der mir zu nahe kommt.» Sosehr ich das Alleinsein auch liebe, plötzlich öffnet sich vor mir dieser Abgrund. Ich falle, und ich weiss nicht wohin. Ich bekomme Angst, weil ich nichts fühle. «Ich fühle meine Angst zurück», denke ich. Ich sage: «Ich will meine Gefühle vorwärts, nicht zurück, vorwärts will ich sie fühlen.» Verstehst du was ich meine?“

Robert kneift die Augen zusammen wie ein Kurzsichtiger, der sich bemüht, scharf zu sehen.

„Wir klammern uns ans Alte, willst du sagen?“

„Ja und nein. Meine Angst ist alt, wenn ich sie verdränge, dann falle ich. Und wenn ich sie durchfalle, erblicke ich plötzlich einen Schmetterling mit ungewöhnlich grossen Flügeln. Wir brechen beide in dieselbe Richtung auf und alles, was der Schmetterling sagt ist: «Ich weiss doch auch nicht, aber ist es nicht schön!»“

„Ja es ist schön!“, sagt Robert nachdenklich.

„Viva!“

Frau Plongs Geschichten

Die Maske birgt den Vorteil, dass man nicht sieht, ob ich lächle oder eine Schnute ziehe. Jeder der in der Gastronomie arbeitet, macht täglich die Erfahrung, dass er sich bei 80 Prozent seiner Gäste zu einem Lächeln motivieren muss. Die wenigsten Gäste entlocken einem ein spontanes Lächeln. Das ist traurig, ich weiss. Es ist auch total unsensibel, ja geradezu unverschämt, Ihnen das ins Gesicht zu sagen, da Sie laut Wahrscheinlichkeitsrechnung eher zu den 80 Prozent als zu den anderen 20 Prozent gehören. Und seien wir ehrlich: Wir entlocken uns selbst auch nicht gerade oft ein Lächeln, wenn wir eben nicht trainiert sind, uns und unseren Mitmenschen dieses buddhistische innere Lächeln entgegen zu bringen. Anders ausgedrückt, die Gastronomie hat mich erst demütig gemacht.

Einzig Ralf bemerkt, wenn mir unter meiner Atemschutzmaske die Gesichtszüge entgleisen. „Laugh, otherwise we are lost!“, sagt er dann. Das Zitat hat er vom Wim Wenders Film über Pina Bausch geklaut. Im Original heisst es: „Tanzt, tanzt, sonst sind wir verloren“. Manchmal holt mich Ralf am Feierabend ab. Dann lege ich Michael Jackson auf, und wir tanzen eine Weile wild durchs Cafe.

Immer muss man sich sputen beim Feierabendmachen. In jedem Betrieb. Jede Minute ist kostbar, ist Geld. Die Wertschätzung, welche die Chefs ihren Mitarbeitenden entgegen bringen, misst sich in Sekunden. Je mehr ich mich aber beeile, desto mehr Fehler unterlaufen mir. Und je mehr ich mich bemühe, alles richtig zu machen und an alles zu denken, desto mehr vergesse ich. Den Kaffeesatz nicht geleert. Den Filter der Geschirrspülmaschine nicht gereinigt. Beim Tanzen spüre ich unbewusst die Fehlerquellen auf, sodass ich es doch schaffe, das Cafe „comme il faut“ zu verlassen. Ansonsten drohen Zettelbotschaften der Kolleginnen. Daher der Tanz. Anfangs habe ich alleine getanzt, bis mich Ralf einmal heimlich beobachtet hat. Er bat mittanzen zu dürfen, was ich ihm nicht abschlagen konnte. Er ist Schreiner, und ich rieche das Holz auch auf zwei Meter Distanz, was mich stets beruhigt. Sein Geruch hat auf mich dieselbe Wirkung wie eine schnurrende Katze.

Ich fand es immer seltsam, die kleinsten Handgriffe stets auf die gleiche Weise auszuführen – in der Systemgastronomie leuchtet mir das ein, so kann ein Angestellter überall auf der Welt in jeder Filiale eingesetzt werden, wobei das aktuell auch nicht mehr en vogue ist, die Menschen sollen bleiben, wo sie sind, am besten zu Hause, aber zurück an den Arbeitsplatz: In unserem Familienbetrieb müssen beispielsweise die Henkel der Tassen auf der Kaffeemaschine immer nach rechts schauen und das Abwaschmittel steht immer rechts vom Spülbecken. Logisch, die nächste soll alles blindlings ertasten, und die meisten von uns sind Rechtshänder. Bei mir fruchten Arbeitsprozessoptimierungen leider nicht. Je strukturierter meine Umgebung ist, desto rebellischer reagiert mein Gehirn darauf, da ich mich in einem sehr ordentlichen Umfeld schlecht konzentrieren kann. Ordnung überfordert mich. Das gleiche mit den aktuellen Hygieneregeln: Je grösser der Abstand zu den Mitmenschen wird, desto mehr habe ich das Bedürfnis, sie zu berühren.

Acht Stunden lang eingespannt zu sein, feste Arbeitsabläufe einzuhalten, sich komplizierte Bestellungen zu merken, fünf aufs Mal, schwere Plateaus in der Gegend herumzubalancieren, modellhafte Gästegespräche zu führen, informellen Smalltalk mit den Kolleginnen zu pflegen, auch das charakterisiert den professionellen Auftritt in der Arbeitswelt, das alles führt dazu, dass ich mich abends völlig überspannt fühle, wie eine Gitarrensaite kurz vor dem Springen. Jetzt wissen Sie, warum Leute, die in der Gastronomie arbeiten, dazu neigen, viel Alkohol zu trinken. Nicht weil der Alkohol den ganzen Tag über verfügbar ist, sondern weil sie den ganzen Tag intensiven Kontakt mit Menschen haben, die hohe Erwartungen an ihre physische und psychische Belastbarkeit stellen, und dabei erwarten, dass sie dies in keinster Weise durchschimmern lassen.

Und jetzt haben wir also alle eine Atemschutzmaske verpasst bekommen, unter der wir hecheln wie Hunde im Hochsommer, wenn wir uns schnell bewegen oder viel sprechen. Beides müssen wir notwendigerweise tun. Ich schnappe nach Luft. „Aber wir dürfen noch dienen!“, rufe ich lachend aus. Meine Kolleginnen schauen mich irritiert an. Ich fahre ungerührt fort. „Wer dient, kennt die Sorgen seiner Mitmenschen, und wer die Sorgen seiner Mitmenschen kennt, der kennt auch Gott. Gott offenbart sich durch unsere Gesten, durch die wir uns mitteilen, nicht durch unseren Genuss und unsere Trägheit. Ich wette darauf, dass die Homeofficer viel unglücklicher sind als wir.“ „Jetzt auch noch Gott“, stöhnt Annalena. „Für Aisha darf es auch Mohammed sein. Ich bin da nicht so streng.“ „Warum bist du bloss so weise?“, fragt Annalena kopfschüttelnd. „Ich bin überhaupt nicht weise. Ich spreche einfach aus, was mir durch den Kopf wischt. Und da heute kaum mehr jemand von Gott spricht, macht mir seine Anwesenheit erst recht viel Freude. Ausserdem unterhalte ich dadurch nicht nur euch, nein, auch für mich sind die Gedanken neu. Ausgesprochen bekommen die Gedanken noch einmal eine völlig neue Bedeutung als bloss gedacht.“ Als ob man sie dadurch erst richtig auspackt, um sie von allen Seiten in Augenschein zu nehmen. Andere essen Pralinen oder schaufeln Berge von Patisserie in sich hinein. Ich betrachte Gedankengänge.

So vergehen die Nachmittage. Ich erzähle den Leuten, dass es schon bald Masken gebe, die man essen könne. „Warum?“, fragen sie. „Damit wir sie nicht entsorgen müssen“, antworte ich. „Ob wir die Bakterien und Pilze, die sich in dem Material sammeln nun einatmen oder essen, macht keinen grossen Unterschied. Daher wird die Atemschutzmaskenindustrie auf die Idee kommen, essbare Masken zu produzieren.“ Nicht wenige finden meine These interessant, schliesslich gibt es ja auch kompostierbares Take Away Geschirr und das Verbrennen der Atemschutzmasken erzeugt doch widerum nur CO2, das wir ja bekanntlich senken wollen.

Der Chef ermahnt mich, den Leuten keine komischen Geschichten zu erzählen. Aber ich kann schlecht einschätzen, was er unter komisch versteht. Da ich jeden Tag neue Geschichten erfinde, muss ich ständig neu abwägen, was ich nun eventuell unter keinen Umständen erzählen sollte, und was noch im Rahmen liegt. Na ja, ehrlich gesagt, ist meine Messlatte für komische Geschichten ziemlich hoch. Mit komischen Geschichten kann man mich bestechen, da sie sehr, sehr selten sehr gut erzählt werden. Jemand muss sich getrauen, die Nase in die kriminelle Atemluft zu halten. Da wird’s spannend. Wenn eine Geschichte jemandem dient. Und die meisten wahren Geschichten, welche die komischsten sind, haben einen Gewinner und einen Verlierer. So ist das immer im Leben.

Frau Marti sagt, sie leide an der Einsamkeit in diesen Tagen. Alle ihre Freundinnen seien paranoid geworden, sie aber wolle rausgehen, spazieren und lachen, draussen Yoga machen, sich ins Leben stürzen. Frau Marti ist achtzig und als Pianistin im Ruhestand stets sehr akkurat gekleidet. „Wissen Sie was Frau Marti“, sage ich, „ich bin noch einsamiger und alleiniger als sonst.“ Frau Marti lacht. Was für neue Wörter da aus mir rauspurzeln. Ja, traurige, quarantierte Wörter, die lange in der Dunkelheit ausgeharrt haben, aber sämig sind sie, und gehaltvoll. „Alleiniger“, sage ich, „so fühlen sich Könige. Könige treffen nur selten Könige aus anderen Ländern, vielleicht drei, vier Mal im Jahr. Und wenn sie sich dann treffen, machen die Könige so traurige Dinge, für die sie sich den Rest ihrer Tage mehr als schämen müssen. Tiger töten zum Beispiel. Und weil sich die Könige so dermassen für ihre Taten schämen, dieses Gefühl aber niemals zulassen können, da sie dann ihre Schlechtigkeit erkennen müssten, haben sie beschlossen, ihre Gefühle ihren Untertanen aufzuladen.“

Frau Marti lächelt mich traurig an. „Was soll nur aus uns werden?“, fragt Frau Marti mit kummervollem Blick. „Gar nichts“, sage ich. „Schauen sie, ich drücke einzig auf eine Taste, um eine Tasse mit Kaffee zu füllen, die ich Ihnen schliesslich an den Tisch bringe – das ist kein Kunstwerk. Seit Jahren überlege ich mir, was aus dieser Tätigkeit entstehen könnte, Bestellungen aufnehmen, Essen bringen, Essen abräumen, einkassieren. Die Wahrheit ist: Eine Tätigkeit bildet immer nur einen Rahmen. Dinge entstehen in diesem Rahmen, der Rahmen selbst ist aber niemals die Initialzündung für die Dinge, die tatsächlich passieren. Ich lerne Sie kennen, wir unterhalten uns, wir lachen und schmieden Pläne, wie wir der Einsamkeit ein Schnippchen schlagen. Aber fügen wir dadurch der Welt etwas hinzu?“ „Ja doch!“, lacht Frau Marti. „Sie verfeinern meinen Geist, wer hat denn jemals behauptet, dass es um den Kaffee geht! Sie stellen zum Beispiel die Tasse immer viel zu geräuschvoll hin. Wenn Sie ein Hörgerät tragen, knallt das ziemlich im Ohr. Eine Sprengung ist ein Scheiss dagegen.“ „Tu ich das?“, frage ich erstaunt und etwas gekränkt, da mich Kritik grundsätzlich trifft. „Ja, jeder weiss das, am Anfang haben wir Sie deswegen alle Frau Plong genannt, aber das ist nicht wichtig, verstehen Sie? Wir drehen dann einfach kurz an der Lautstärke unseres Hörgerätes. Sie sind manchmal sehr ungeschickt, aber genau das lieben wir an ihnen!“

Solche Komplimente können nur alte Damen machen. Ich bin geknickt „Ich bin sehr ungeschickt, aber meine Gedanken verfeinern Ihren Geist?“, fasse ich zusammen. „Ja genau, so ist es Frau Plong!“, lacht Frau Marti. Na prima, wie kann man denn gleichzeitig tollpatschig und raffiniert im Geiste sein? „Drehen Sie mal kurz die Lautstärke Ihres Hörgerätes zurück“, bitte ich Frau Marti.

Ich lasse eine Zuckerdose fallen, um das dumpfe Knirschen des Glases und das Ausrieseln des Zuckers beim Aufprall zu hören.

„Ein kleiner Felssturz?“, schlage ich vor? Frau Marti lacht.

„Ich habe sie gestern tanzen gesehen. Darf ich heute Abend auch dazustossen?“

„Selbstverständlich!“, sage ich.

 

Das Leben der schönen Menschen

Mein Blick fällt auf das Foto auf der Geburtstagstorte. Zwei bildhübsche herausgeputzte Menschen, die zusammen ein perfektes Paar abgeben, lächeln zuckersüss mit perfekten Zähnen in die Kamera. „Das Leben dieser schönen Menschen“, denke ich, „ist ein ganz anderes Leben.“ Ein Leben zum Anbeissen und Abschlecken. Nathalie und Alexander.

Sie haben zusammen auf dem Maturaball getanzt, sie in einem langen, pinken, tief ausgeschnittenen Samtkleid mit Strasssteinchen, er klassisch im Frack mit Zylinder. Beide waren angenehm beschwipst vom Malibu Orange. Da sie nicht die gleiche Klasse besuchten, kannten sie sich nur flüchtig, vom Ping-Pong-Spielen in den 10-Uhr-Pausen. Das sollte sich aber an diesem Abend ändern. Sie sprachen über ihre Zukunftspläne. Alexander wollte Jus studieren, Nathalie Psychologie. Eine solide Ausbildung zu haben, war ihnen beiden wichtig; sie wollten später einmal Stutz verdienen, um sich schöne Reisen und nette Restaurants leisten zu können. „Ich bin schon ein wenig ein Tussi“, lachte Nathalie, „ich liebe schöne Schuhe und Kleider im Stil von Carrie Bradshaw, ja, sie ist mein absolutes Vorbild. Welche Frau möchte nicht auch ein wenig so sein wie sie!“ Alexander zog die Augenbraue hoch, und Nathalie fügte lachend hinzu: „Sex and the City“. Alexander schwärmte ihr von „The Wolf of Wall Street“ vor, und dass er Wirtschaftsanwalt werden wolle. „So wird heute Politik gemacht“, sagte er mit bedeutender Stimme. Sie sprachen auch darüber, dass sie beide gerne einmal Kinder hätten, und beide waren sie entzückt, wie ähnliche Vorstellungen sie doch vom Leben hatten. Später am Abend bestätigte ihnen der erste Kuss, dass auch ihre Berührungen miteinander harmonierten, und Nathalie trennte sich nur deshalb frühzeitig von Alexander, weil sie fühlte, dass das jetzt eine überaus ernst zu nehmende Sache war, und die Dinge mit der grössten heiligen Feierlichkeit zu geschehen hatten.

Am darauffolgenden Tag holte sie Alexander zum Schwimmen ab. Bei dieser Gelegenheit lernte er schon mal Nathalies Eltern kennen. Sie tranken im Garten eine alkoholfreie Bowle im Schatten des Nussbaumes. Nathalies Mutter lächelte den jungen Mann entzückt an, während der Vater von Alexanders Wissen über das Wirtschaftssystem beeindruckt war. „Bei diesen Leuten würde ich gerne meine Sonntage verbringen“, dachte Alexander, und war gleichzeig erstaunt, wie natürlich die Gespräche dahin flossen, so als ob sie sich bereits lange kannten.

Nun, ich könnte meine Geschichte jetzt noch endlos in die Länge ziehen. Wie die beiden am abgelegenen Moosbachsee splitternackt badeten, ihre Berührungen aus Scheu und Ehrfurcht vor ihrer gemeinsamen Geschichte, die sekündlich zu etwas ganz Grossem heranwuchs, doch zügelten. Wie sie schliesslich in den Sommerferien eine Radtour durch Frankreich unternahmen, wo sie vor Fett triefende Croissants im Lavendelfeld verschlangen, wie ihre Gastgeber sie stets verwöhnten, da sie ein so schönes Paar abgaben. So anständige junge Leute mit grossen Visionen.

Ich könnte weiter ausführen, wie sie ihre Studienzeit genossen. Sie zogen bald zusammen, beiden war klar, dass sie heiraten wollten. Nathalie wartete nur auf den Antrag, und Alexander auf den perfekten Moment. Den perfekten Moment kann man sich entweder beim Sonnenuntergang im Rosenlauital oder beim Bungeejumping vorstellen. So luftig war ihre Liebe, und doch waren sie beide so geerdet, naturverbunden und mit den Schweizer Tradition verwachsen. Sie pilgerten nicht nur jährlich ans Gurtenfstival, nein, sie liebten ebenso Schwingerfeste und Bowlingabende. Alexander und Nathalie hatten einen grossen Freundeskreis. Sie hatten zwar ihre konservativen Ansichten, aber spiessig waren sie nicht. Im Gegenteil, mit den beiden konnte man Pferde stehlen, und sie hatten stets für alle ein offenes Ohr. Nathalie leistete Freiwilligenarbeit in der Gassenküche, während sich Alexander politisch engagierte.

„Jetzt reicht’s langsam“, sagen Sie? „Hat denn dieses Paar keine Abgründe?“ Nein, dieses Paar hat die schönste Altbauwohnung der Stadt Bern, mittlerweile haben beide nach erfolgreichem Studium und Praktika ihre festen Jobs, in denen sie beständig aufsteigen, aber da will ich jetzt nicht weiter ins Detail gehen. Vielmehr gewähre ich noch einen kurzen Einblick in besagte 5-Zimmerwohnung mit Dachterrasse im Marzili. Die Zimmer sind lichtdurchflutet, die Decken hoch, mit Stuck versehen. Die Möbel alles Einzelstücke, Anfertigungen vom Schreiner oder Juwelen an Brocantes ergattert. An den Wänden hängen stilvolle Schwarzwissfotographien eines Fotographen aus ihrem Freundeskreis, grossformatig aufgezogen, passend zum weissen Ledersofa. Die Schlafzimmerwände zieren Aktfotos von Nathalies schlankem Körper mit ihren kleinen kompakten Brüsten und ihrem Bauchnabelpercing, aber das ist eigentlich ein Geheimnis, verzeihen Sie meine Indiskretion. Was sich im Inhalt ihrer Nachtischschubladen befindet, können Sie sich selbst ausmalen.

„Die Torte“, reisst mich eine Kundin aus meinen Gedankengängen, sie hätte eine Geburtstagstorte bestellt. Ich schaue die Dame verwundert an. Ihr dunkler Haaransatz verrät, dass ihr blond nicht echt ist. Sie ist ungeschminkt, ihre Haut aber rein und glatt. Sie trägt eine ausgeleierte Jogginghose und sieht einfach umwerfend aus – wie die Tochter von Michelle Hunziker. Ich präsentiere ihr die Torte: „Wunderschön!“, ruft sie begeister aus. Sie dankt mir herzlich für unsere Dienstleistung, dass wir auch in diesen Zeiten für unsere Kunden da seien, und auch an Sonntagen. „Das machen wir doch gerne“, sage ich. Und die Göttin der Morgenröte protestiert, dass das keine Selbstverständlichkeit sei und hinterlässt ein grosszügiges Trinkgeld, womit sie ihre perfekte Erscheinung in dieser Geschichte bestätigt.

Vielleicht, denke ich, wäre mein Leben anders verlaufen, wenn ich nicht als Trinity aus Matrix an meinen Gymerball gegangen wäre.

Mit Tolstoi durch den Tag / Ein Pamphlet für die Literatur

Der Raps blüht.

Ich habe die Tage mit Tolstoi verbracht. Wenn ich zwischendurch aus der Lektüre wieder aufgetaucht bin, um etwas zu essen und dabei kurz das Fenster zur Welt zu öffnen, empfand ich neben Ratlosigkeit einen grossen Widerwillen und Ekel, auf so dumme und plumpe Weise belogen zu werden. Die „Lass-deinen-Traum-Wirklichkeit werden-Angebote“ schockierten mich erst recht. „Wie die Menschen sprechen“, dachte ich, „als ob sie 80 Prozent ihres Wortschatzes eingebüsst hätten“. Analphabeten ihrer eigenen Seelensprache.

Vor diesem Hintergrund erschienen mir alle meine Zukunftsvorstellungen obsolet. Hätte mich jemand in diesem Moment gefragt, was denn mein grösster Wunsch sei, hätte ich keine Antwort gewusst. Nichts wäre mir eingefallen, rein gar nichts. Ich befand mich in jenem Zustand tief unten am Meeresgrund, wo es einem unmöglich ist zu sprechen, auch mit engsten Vertrauten nicht, ohne das Gefühl zu erwecken, verrückt zu sein. Wenn jene dann aber auf ihrer Frage: „Woran denkst du?“, beharren, ist das Unglück perfekt. Dabei leitet der persönliche Shutdown ein Heilungsprozess ein, und sollte entsprechend auch als heiliger Akt betrachtet werden. Wer nie die Fassung verliert, und andere beständig vor dem Ersaufen retten will, gräbt einfach selber nicht tief genug! Wie herrlich, sich ganz in den Meeresgrund einzubuddeln!

So ist mir der Gutsbesitzer Konstantin Lewin der Liebste unter „Anna Kareninas“ Helden. Lewin ist der Jugendfreund von Anna Kareninas Bruder und unglücklich in dessen junge Schwägerin, Kitty, verliebt, die seinen Heiratsantrag aufgrund ihrer Schwärmerei für den Grafen Wronskij ablehnt. Während der gut betuchte, weltgewandte Offizier Graf Wronskij ein ruhmreiches standesgemässes Leben zu versprechen scheint, worauf besonders Kittys Mutter Wert legt, kann Konstantin Lewin mit seinem linkischen Verhalten nicht gerade glänzen. Er verachtet die Exzentrik der aristokratischen Klasse, zu der er zwar auch zählt, mit der er aber wenig teilt. Lewin zweifelt an allem, und hat, seinem Bruder Sergej Iwanowitsch zufolge „einen beweglichen, aber von Augenblickseindrücken zu sehr abhängigen Verstand“, wodurch er voller innerer Widersprüche ist. Lewin geht mit den Bauern aufs Feld, da er in der körperlichen Arbeit aufgeht, empfindet aber keine besondere Liebe oder Achtung den Bauern gegenüber – sie scheinen ihm nicht anders als andere Menschen zu sein, während der Bruder bei seinen Besuchen auf dem Lande die guten Eigenschaften der Bauern betont. Konstantin Lewin sieht im Einstehen fürs Gemeinwohl, für das sich sein Bruder so sehr ausspricht, „weniger ein Vorzug als ein Mangel, nicht ein Mangel an guten, ehrlichen, edlen Bestrebungen und Neigungen, sondern ein Mangel an Lebenskraft, dessen, was man Herz nennt, des Triebes, der den Menschen aus all den unzähligen, sich ihm bietenden Lebenswegen einen bestimmten wählen lässt und ihn auf diesem Wege festhält.“ Lewin aber entwirft auch in der grössten Enttäuschung, als abgewiesener Heiratskandidat wieder zurück von Moskau auf seinem Gut, neue Pläne, um im nächsten Moment an seinem frisch gefassten Lebensmut zu zweifeln:

«Das Zimmer erhellte sich langsam im Schein der Kerze, die er mitgenommen hatte. Wohlbekannte Einzeldinge traten aus dem Dunkel hervor: Hirschgeweihe, Bücherregale, der Spiegel, der Ofen mit der Ventilationsklappe, die längst hätte in Ordnung gebracht werden müssen, das Sofa, das noch seinem Vater gehört hatte, der grosse Schreibtisch, auf dem Tisch ein aufgeschlagenes Buch, eine zerbrochene Aschenschale, ein Heft mit Notizen von seiner Hand. Als er das alles sah, überkamen ihn für einen Augenblick Zweifel an der Möglichkeit, das neue Leben zu schaffen, von dem er unterwegs geträumt hatte. Alle diese Spuren seines bisherigen Lebens hielten ihn fest und sprachen zu ihm: „Nein, du kommst von uns nicht los und wirst kein anderer Mensch, sondern bleibst wie du warst, mit all deinen Zweifeln, deiner ewigen Unzufriedenheit mit dir selbst, deinen ewigen Versuchen, dich zu bessern, und den unaufhörlichen Zusammenbrüchen, deiner ewigen Sehnsucht nach einem Glück, das dir nicht zusteht und für dich unmöglich ist.“»

Lewin besinnt sich, einer inneren Stimme lauschend, die sagt, „man dürfe sich nicht von der Vergangenheit beherrschen lassen, und man könne aus sich alles machen.“ So nimmt er seine Hanteln zur Hand und trainiert.

Wer kennt nicht diese Momente, wenn sich unseren glorreichen Plänen alte Dinge in den Weg stellen, als ob diese Dinge selbst einen Willen hätten, den sie uns aufdrängen wollen. (Und Freunde haben oft die Angewohnheit, unsere Visionen zu wegzuwischen, alleine durch ihre neugierigen Fragen, aus denen wir vermeintliche Zweifel heraushören. Daher sollte man niemals über seine Pläne sprechen, bevor man sie nicht dingfest gemacht hat!)

Mir fehlen die Langhantel und der Latzug. Meine Muskeln schwinden, und ich setze täglich mehr Fett an, da ich wegen „leichten Symptomen“ auch das Joggen aussetzen musste. Man könnte einwenden, das sei nun weiss Gott nicht so schlimm angesichts der aktuellen Lage; wer jetzt keinen Speck ansetzt ist entweder ein Übermensch oder geniesst genetische Vorteile. Die Prädisposition zur Gefrässigkeit bei niedrigem Kräfteverbrauch geht aber leider oft mit der ungünstigen Veranlagung zur Seelenmarter einher. Nun gut, wenigstens sind meine Blutwerte wieder top und mein Herz schlägt ruhig und rhythmisch trotz Gedankeninfarkten.

Nun, da ich erkannt habe, dass die eigenen Geschichten, die man sich so tagtäglich erzählt, selten auf den eigentlichen Gegenstand der Seelenmarter verweisen, im Gegenteil, sie einen dazu verführen, um das heisse Eisen herumzutanzen, im Glauben, endlich eine Erklärung für die eigenen Unzulänglichkeiten gefunden zu haben, höre ich nur noch auf die Weisen der Weltliteratur, die meinem inneren Quälgeist Einhalt gebieten und mir das Eisen in die Hand drücken. Voilà!

Und wie eitel dieser Quälgeist trotz geringem Selbstwertgefühl doch gleichzeitig ist! Nehmen wir beispielsweise die Scham, welche beispielsweise Kitty in eine schwere Krise stürzt, da Graf Wronskij sie verschmäht, der verheirateten Grande Dame Anna Karenina verfallend. Zuverlässig weist uns unsere Erinnerung immer wieder auf Situationen hin, in denen unsere Eitelkeit gekränkt wurde. Wie oft aber schämen wir uns für unser moralisches Versagen der Familie oder Freunden gegenüber – für all die Dinge, die wir zugunsten des Gemeinwohls hätten tun sollen, aber aus Bequemlichkeit unterlassen haben? Diese Fehlbarkeiten verdrängen wir gekonnt. Gibt uns aber jemand einen Korb, erröten wir noch Jahre später beim Gedanken daran. Für diese Lächerlichkeit muss man den Menschen schon wieder lieb haben. Die grössten Männer leiden darunter, ohne jemals ein einziges Wort darüber zu verlieren, während die Frauen unzählige Ratgeber lesen, Kurse und Seminare besuchen, um dieses sogenannte Ego zu bändigen, um nach jahrelanger Arbeit an sich selber schliesslich an einer umso heftigeren Eifersucht auf eine junge Konkurrentin zu zerbrechen.

Über hundert Jahre haben wir an unserer Psyche herumdoktern lassen, waren bemüht, bessere Menschen zu werden oder haben uns fatalistisch in Leidenschaften gestürzt, da wir gemäss Freud ja ohnehin nie „Herr im eigenen Haus sind“, Dame schon gar nicht, und haben dabei vergessen, dass wir ein Gemeinschaftswesen sind. Wir wurden immer mehr in die Vereinzelung getrieben und finden uns heute in einer ähnlichen Situation wieder wie Houellebecqs Neo-Menschen aus dem 2005 erschienen Roman „La possiblilité d’une île“, die in autarken überwachten Hochsicherheits-Hightech-Stationen nur noch über Internet miteinander kommunizieren.

Die westlichen Werte, die Tolstoi bereits vor 150 Jahre kritisiert hatte, die Abkehr vom Glauben, die Dekadenz, die Entfremdung von der Natur, die Zerstörung der Familie, die verkommene Sexualmoral, die der Erotik den Kampf angesagt hat, der Verzehr von Fleisch, welcher den Menschen von seiner moralischen Weiterentwicklung abhält, (den Horror der Massentierhaltung im heutigen Sinne gab’s ja damals noch gar nicht), bilden heute die offene Wunde unserer Gesellschaft.

Zuweilen kommt es mir vor, als ob der Patient bereits im Koma läge. Jedenfalls müssen Menschen künstlich beatmet werden, und Impfungen, welche die Identifizierung jedes einzelnen erlauben, werden vorbereitet. „Bill Gates in unseren Blutbahnen“ kommentieren die Menschen im Netz.

Die Neo-Menschen haben den Auftrag, den Lebensbericht des Menschen, von dem sie abstammen, zu lesen und zu kommentieren. Mit neugierigem Unverständnis erfahren die Klone in diesen Lebensberichten von den menschlichen Leidenschaften wie Liebe und Gier.

Immerhin etwas, das in dieser Dystopie positiv stimmt: Der Neo-Mensch hat nicht aufgehört, Geschichten zu lesen und weiterzuerzählen.

Und ich meine mich daran zu erinnern, dass Dürrenmatt sagte, dass die Fiktion vielleicht irgendwann die Geschichtsschreibung an Wahrheitsgehalt übertreffe. Daher haben auch die Geschichten der anderen die grössere kathartische Wirkung, als die eigenen Erzählungen, da sie einen zuweilen auf dem linken Fuss erwischen, und die blinden Flecken beleuchten, von deren Existenz wir sonst niemals erfahren würden. Und wie blind ist die Geschichtsschreibung, gefangen in ihrem jeweiligen Zeitverständnis, anfällig für Manipulation, wenn sie nicht geradezu ihr Werkzeug ist.

Ich warte auf die Antwort vom Centre Dürrenmatt, das natürlich bis auf Weiteres geschlossen hat. Vielleicht lautet das Zitat auch ganz anders, und mein flexibler Verstand biegt sich die Dinge gemäss meiner Stimmung zurecht.

Aber der Raps blüht wirklich und bescheiden vor sich hin.

Heimat auf der Zeitinsel

Die Menschen erscheinen mir so weit entfernt, als ob ich verkehrt rum durch ein Fernglas schaute.

Sie wirken noch temporärer als sonst – obwohl wir doch alle auf derselben Zeitinsel gestrandet sind.

Ich überreiche ihnen Kaffee in Pappbechern, auf Wunsch füge ich Zucker und Kaffeerahm bei, das verschafft mir das Gefühl, mich besonders fürsorglich um sie zu kümmern. Ich möchte jeden einzelnen von ihnen trösten, und schaufle eifrig Croissants in Tüten: „Hier bitte, nehmt. Geht nach Hause und frühstückt mit Euren Liebsten. Laugengipfeli, Fiesta- und Grahamgipfeli. Und hier noch Semmeln, Brötchen und ein Butterzopf. Hört einfach am besten gar nicht auf zu frühstücken. Nehmt auch noch dieses 6-Kornbrot oder vielleicht ein Urdinkelbrot? Ach was, nehmt einfach beide und ein Nussbrot obendrauf. Hier, bitte. Und für die Kleinen gibt’s auch noch ein Zopfhäsli. Und zum Nachtisch ein Schokohase. Schaut, was für eine grosse Auswahl wir haben. Der Osterhase bringt uns täglich Nachschub. Ja, das tut jetzt gut. So ein bisschen Ostern ist jetzt Balsam für die Seele. Dann hat man wenigstens schon ein bisschen vorgefeiert und braucht dann an der richtigen Ostern nicht ganz so traurig zu sein, weil nicht die ganze Familie zum Brunch kommen kann oder darf. Zumindest sollte sie nicht, Grossmama und Grosspapa brauchen jetzt viel Ruhe. Weil sie schon alt sind, werden sie schneller krank als die Jungen, deswegen müssen sie zu Hause bleiben und zu Hause bleibt man gesund. Und Jesus besucht alle, keine Angst, er hat Zeit genug. Nein, verschicken würd ich so ein Schokohase nicht. Ich kann ihnen nicht versprechen, dass er hält. Manche Hasen gehen auch zu Bruch. Ich weiss, das ist traurig. Aber so ist das bei uns Menschen ja auch. Manchmal bröckeln wir, ob wir wollen oder nicht. Das kann auch über Nacht geschehen. Gerade in diesen Tagen kommt das zuweilen vor, dass jemand der heute noch ganz ist, morgen bereits Risse aufweist. Aber ich will Euch nicht deprimieren. Nehmt doch noch ein paar Osterfladen mit. Die haben eine schöne Textur, schmiegen sich wohlig an den Gaumen an, wenn der Bauch eigentlich schon satt ist. Am Nachmittag lasst Euch doch einfach zu einer Cremeschnitte verführen. Eine Cremeschnitte ist immer gut gegen die Verzweiflung, da es aussichtslos ist, sie vornehm zu essen. Einfach rein damit, mit Gabel und Händen. Vom Messer rate ich Euch ab. Damit veranstaltet Ihr nur eine unnötige Schlacht auf Eurem Dessertteller. Es ist nicht die Zeit für affektiertes Gehabe. Ja gut, wenn Ihr Truffes haben wollt, bitte gerne. Ein bisschen von allem und am meisten von den alkoholischen? Ja, ja, ich kenne meine Pappenheimer, gell.

Wie es uns denn so geht da hinter der Theke? Gut, danke, ausgezeichnet. Ihr müsst jetzt wieder nach Hause, und ich darf noch ein bisschen hier beim Brot bleiben, das ist schön. Das Brot vermittelt mir ein Gefühl von Heimat hier auf dieser Zeitinsel.“

Ich lege das Fernglas weg und starre Löcher in die Luft.

Der leere Raum

Ich sitze auf einer Bank im Wald, und blicke zu den Baumkronen hoch, das filigrane Astwerk bestaunend, dessen Symmetrien sich womöglich in den Wurzeln wiederfinden. Wenn ich meinen Blick unscharf stelle, sehe ich über mir einen Baldachin, der aus lauter feinen Zellen besteht – wie der Flügel einer Libelle.

Ich spüre wie der Wald atmet und die Erde tief Luft holt.

Ich gehe nochmals zwanzig Jahre zurück. In mir findet eine Umschichtung statt. Ich nehme die Hinweise mit, die ich damals übersehen habe, und lasse dort, was mich viel zu lange aufgehalten hat.

Mein Stift webt den Silberfaden, der mich mit dem Baldachin verbindet. Dieser weltenumspannende Insektenflügel spiegelt meine eigenen Zellen, die das Blau des neuen Himmels aufsaugen.

„Der menschliche Körper enthält etwa 30 x 1012 Zellen (davon 25 x 1012 rote Blutkörperchen).

Die Zelle hat viele Millionen Moleküle.

Das Molekül (z.B. Eiweiss besteht aus 10‘000 bis 100‘000 Atomen.)

Jeder cm³ Körpervolumen enthält etwa 1024 Atome.

Jedes Atom sendet bei 37 Grad pro Sekunde ca. 1450 Quanten.“

(Warnke Ulrich: Gehirn-Magie. Der Zauber unserer Gefühlswelt. Berlin /München: Scorpio Verlag Gmbh & Co. 2014. S.50)

Hätte ich in meiner Schulzeit verstanden, dass Zahlen Räume beschreiben, die sich öffnen, wenn man sich ihrer Logik überlässt, dass sie tatsächliche Verhältnisse abbilden, und sich darüber hinaus in den Symmetrien des Lebens manifestieren, dass das kleinste Teilchen in sich das grosse Ganze abbildet, ja dann wäre ich am 11. September 2001 wahrscheinlich nicht bei meinem Mathematiknachhilfelehrer am Küchentisch gesessen, während im Hintergrund der Fernseher lief, und ich mich wunderte, warum neuerdings die Katastrophen in Echtzeit übertragen, aber nicht verhindert werden konnten. Welche Kamera hatte bloss diese gestochen scharfen Aufnahmen gemacht, so, als ob sie geradezu auf das Jahrhundertereignis gewartet hätte: 2 gekaperte Flugzeuge flogen in die Türme des World Trade Centers, (der dritte Turm stürzte von selbst ein), während das dritte Flugzeug ins Pentagon krachte. Ein 4. Flugzeug wurde offenbar in Shanksville zum Absturz gebracht. Das jedenfalls erzählten die Bilder. Der Vater meines Nachhilfelehrers, ein hoher Militär, tigerte ungläubig im Wohnzimmer auf und ab.

Ich beschloss meine Gymnasialzeit mit einer knapp ungenügenden Note in Mathematik und tröstete meinen Nachhilfelehrer damit, dass es schlimmer hätte kommen können. Immerhin verstand ich das Prinzip der Wahrscheinlichkeitsrechnung, und das sollte in den kommenden Jahren von Politik und Medien ausser Kraft gesetzt werden, als ob der gesunde Menschenverstand selbst Produkt einer wirtschaftlich unrentablen Konditionierung gewesen wäre, auf hartnäckige deutsche Denker wie Kant zurückzuführen, die es zu löschen galt.

Während sich eine korrupte Elite aus Bankstern, Militärs, Geheimdiensten, Politkern, Medien und der Unterhaltungsindustrie durch immer dreistere und kaltblütigere Schockstrategien die Welt unterwarf, schrumpften in gleichem Masse die magischen Räume im Inneren der Menschen.

Der Mensch wurde nach und nach seines grössten Potentials, seiner Schöpferkraft, beraubt. In sinnlosen Jobs, die seinem Können nicht gerecht wurden, opferte er sich brav auf für gesellschaftliche Anerkennung, kleine Vergnügungen, sexuelle Freiheiten, Reisen und Statussymbole. Man lenkte seinen Blick auf alles Materielle, damit er bloss nicht seine geistigen Fähigkeiten entdeckte. Man versuchte ihm einzureden, dass die Antworten im Aussen zu finden seien. In Zeitungen und Kinos, in den sozialen Medien, für dessen Leistungen er natürlich willig bezahlte, mit seinem kleinen Lohn und seinen Daten.

Und plötzlich, als ob sich durch den Shutdown ein unsichtbares Tor geöffnet hat, können wir wieder gemeinsam den Raum der Stille betreten. Endlich erhalten alle die Möglichkeit, hinter die Kulissen zu blicken, und die Wahrheit zu erkennen. Sogar Jugendliche zieht es wieder in die Wälder, ganz ohne Smartphones. Und je mehr wir in uns hinein lauschen, und unsere inneren Stimmen sich langsam beruhigen, desto deutlich nehmen wir unseren Innenraum wahr: Der schöpferische Raum in uns ist leer.

„Jedes Atom besteht also zu mehr als 99.999 Prozent aus leerem Raum. Wir bestehen komplett aus Atomen, und deshalb besteht tatsächlich unser Körper, auch unser Gehirn, zu mehr als 99.999 Prozent, also fast vollständig, aus Leere.“ (Warnke, S.67)

Was all unsere Vorgänge steuert, und wie aus diesem Vakuum Materie wird, das wusste bereits Platon:

Wirkliche Existenz besitzt nichts Materielles, sondern enthält den Bauplan des Materiellen, die Form oder Idee. Der menschliche Geist hat teil an der Realität der Formen und (Natur-)Gesetze, der Raum ist wirklicher als die materielle beobachtbare Welt, der leere Raum macht die Welt aus.“ (Warnke, S. 80)

Ein Grossteil des Vakuums nehmen elektromagnetische Wahrscheinlichkeitswellen ein. Erst wenn Elektronen als Angebotswelle mit anderen Elektronen der Bestätigungswelle Kontakt aufgenommen haben, werden sie zu Teilchen. (S.83) Nun haben alle subatomaren Teilchen die Eigenschaften eines Spins, so auch Elektronen und Quarks. Die Richtung der Achse des Spins lässt sich bestimmen. Paul Charles William Davis konnte 1986 experimentell nachweisen, dass sich die Richtung des Spins durch die Beobachtung ändert. (S.111) Mit anderen Worten ausgedrückt: Der Geist beeinflusst die Materie. Dem ist aber noch nicht genug. Wir existieren als Elektronenkörper nicht unabhängig vom grossen Ganzen: „Elektronen und ihre Wellen sind überall hier und im Universum, also ist ebenfalls überall ein Netz pulsierender Potenziale, ausgehend von virtuellen Photonen. Wir sind mit unserem Elektronenkörper ein Teil dieses Netzes, und deshalb sind wir tatsächlich mit dem ganzen Universum verknüpft.“ (S.84)

Nun, die wissenschaftliche Erklärung für die Macht unseres Geistes nimmt sich komplex aus, da wir es nicht gewohnt sind, unsere Wirklichkeit in kleinste Teilchen zu zerlegen – fürs Auge niemals sichtbar. Wir sehen immer nur das Übermächtige und fühlen uns oft in unseren Handlungsmöglichkeiten eingeschränkt. Wir möchten so vieles und tun so weniges, da wir nicht gelernt haben, jede kleinste Geste mit Bewusstsein aufzuladen. Jedes Lächeln und jeden Atemzug. Bis wir uns selbst gewahr werden und sich uns das offenbart, was wir wissen müssen.

 

Ein Himmel zum Leben

Ich war in Madrid und meine selige Grossmutter war bei mir. Vom Fenster aus konnte ich das Dach einer Kapelle sehen. Der Himmel war wolkenfrei, und das Licht so warm, als ob die Sonne Honig über der Stadt ausgegossen hätte. Eine Ruhe lag über der Stadt, und ich brannte darauf, hinaus zu gehen. „Jetzt bleib doch ein wenig bei mir, wenn ich schon mal bei dir bin“, meinte meine Grossmutter. Ich umarmte sie.

Heute ist der Himmel wieder genauso wie im Traum in Madrid.

Ich zücke einen Bildband aus meinem Bücherregal: „Zehn grosse Meister der Malerei“, und bleibe bei El Greco hängen. Was für eine geballte Kraft und tiefe Harmonie in der „Auferstehung“ steckt; in den Gesichtern der Soldaten spiegelt sich das Entsetzten angesichts des Wunders, das sich vor ihren Augen ereignet – Jesus der hell erleuchtet über ihren Köpfen emporsteigt. Während die einen noch in Kämpfe verwickelt miteinander ringen, wenden sich die anderen bereits dem Licht zu. Der nackte Jesus trägt in der linken Hand eine weisse Fahne, dessen Faltenwurf sein Geschlecht bedeckt. Ein roter Umhang flattert um seine Schultern, als ob es ein Flügel wäre.

Bereits als Siebzehnjähige habe ich mich in Londons National Gallery darüber gewundert, wie diese alten Meister ihre Kunst zur Vollendung brachten, während wir modernen Menschen behaupteten, aufgeklärt und fortschrittlich zu sein.

Ich erkannte bei Greco eine spirituelle Dimension, die ich in meinem Alltag nur selten fand. Ich sehnte mich nach Transzendenz, und fand sie in Büchern, und ein bisschen in der Liebe. Und im Laufe der Jahre verschwanden im öffentlichen Raum immer wie mehr Orte, und in den Diskursen die Möglichkeiten, welche Einladungen für metaphysische Erfahrungen aussprachen. Und der Umgang im täglichen Miteinander wurde immer gehässiger, als ob sich die Liebe selbst aus Schutz vor der Kälte zurückgezogen hätte. Sogar die Kirchen wurden zunehmend verriegelt, wenn nicht gerade ein Gottesdienst gehalten wurde. Und doch traf der Brand der Notre Dame vor einem Jahr mitten ins europäische Herz. Auch Nichtgläubige waren fassungslos angesichts der Symbolkraft: Da ging eine Kultur in Flammen auf.

Wer werden wir Menschen sein, wenn weder Orte noch Bücher unser kollektives Gedächtnis mehr stützen, Museen geschlossen bleiben, unsere letzten Anker in der physischen Welt.

Die Isolation ruft uns wieder ins Bewusstsein, wie sehr wir doch sinnliche Wesen sind! Wir sind doch nicht auf die Welt gekommen, um vor Bildschirmen zu sitzen, dann hätten wir in der geistigen Welt den weitaus besseren Sitzplatz gehabt.

Ich gehe kurz nach draussen, um Luft zu schnappen. Beim Schloss versperren mir drei Kinder den Weg. Angesichts der 2-Meter-Regel ist es eine echte Herausforderung, ihre Schranke zu passieren. Ich bleibe stehen, und meine: „Gut, dann schauen wir halt mal, wer mehr Geduld aufbringt.“ Ich lächle sie an, und sie lächeln mich an. Schliesslich erwecken sie den Anschein, als ob sie ihre Sperre aufgeben wollen. Ich wage mich einen Schritt nach vorne. Sie stellen die Sperre aber gleich wieder her, und grinsen mich an. Ich hebe einen Stein auf, und sage: „Dann bezahl ich halt mit diesem Stein.“ Den wollen die kleinen Zöllner aber nicht akzeptieren. Schliesslich sagen sie mir, ich müsse eine Karte in den Schlitz stecken. Gott sei Dank habe ich meine Postcard dabei! Warum bin ich nicht drauf gekommen!

Das hätte sich Herzog Berchthold V von Zähringen auch nicht ausmalen können, dass man hier einmal Wegzoll mit sogenannt elektronischem Geld bezahlt! Die Technik: Unsichtbar!

Ich lausche dem Vortrag eines Astrologen, der über das Informationszeitalter referiert. Ich frage mich, warum alle vom Informationszeitalter sprechen, wo doch Wissende kaum zu Wort kommen.

Aber die Zensur scheint zu fallen.

In der Timeline auf Facebook erscheint ein Porno, als ob uns Facebook damit mitteilte: Hier habt Ihr den Zeitenwendeporno, ob ihr wollt oder nicht. Ihr werdet jetzt alle genötigt, hinzuschauen, auch wenn Euer Schamgefühl dabei verletzt wird.

Ich glaube, wir befinden uns im Informationsfilterzeitalter.

Zeit, unsere Intuition zu entwickeln.