Ein Himmel zum Leben

Ich war in Madrid und meine selige Grossmutter war bei mir. Vom Fenster aus konnte ich das Dach einer Kapelle sehen. Der Himmel war wolkenfrei, und das Licht so warm, als ob die Sonne Honig über der Stadt ausgegossen hätte. Eine Ruhe lag über der Stadt, und ich brannte darauf, hinaus zu gehen. „Jetzt bleib doch ein wenig bei mir, wenn ich schon mal bei dir bin“, meinte meine Grossmutter. Ich umarmte sie.

Heute ist der Himmel wieder genauso wie im Traum in Madrid.

Ich zücke einen Bildband aus meinem Bücherregal: „Zehn grosse Meister der Malerei“, und bleibe bei El Greco hängen. Was für eine geballte Kraft und tiefe Harmonie in der „Auferstehung“ steckt; in den Gesichtern der Soldaten spiegelt sich das Entsetzten angesichts des Wunders, das sich vor ihren Augen ereignet – Jesus der hell erleuchtet über ihren Köpfen emporsteigt. Während die einen noch in Kämpfe verwickelt miteinander ringen, wenden sich die anderen bereits dem Licht zu. Der nackte Jesus trägt in der linken Hand eine weisse Fahne, dessen Faltenwurf sein Geschlecht bedeckt. Ein roter Umhang flattert um seine Schultern, als ob es ein Flügel wäre.

Bereits als Siebzehnjähige habe ich mich in Londons National Gallery darüber gewundert, wie diese alten Meister ihre Kunst zur Vollendung brachten, während wir modernen Menschen behaupteten, aufgeklärt und fortschrittlich zu sein.

Ich erkannte bei Greco eine spirituelle Dimension, die ich in meinem Alltag nur selten fand. Ich sehnte mich nach Transzendenz, und fand sie in Büchern, und ein bisschen in der Liebe. Und im Laufe der Jahre verschwanden im öffentlichen Raum immer wie mehr Orte, und in den Diskursen die Möglichkeiten, welche Einladungen für metaphysische Erfahrungen aussprachen. Und der Umgang im täglichen Miteinander wurde immer gehässiger, als ob sich die Liebe selbst aus Schutz vor der Kälte zurückgezogen hätte. Sogar die Kirchen wurden zunehmend verriegelt, wenn nicht gerade ein Gottesdienst gehalten wurde. Und doch traf der Brand der Notre Dame vor einem Jahr mitten ins europäische Herz. Auch Nichtgläubige waren fassungslos angesichts der Symbolkraft: Da ging eine Kultur in Flammen auf.

Wer werden wir Menschen sein, wenn weder Orte noch Bücher unser kollektives Gedächtnis mehr stützen, Museen geschlossen bleiben, unsere letzten Anker in der physischen Welt.

Die Isolation ruft uns wieder ins Bewusstsein, wie sehr wir doch sinnliche Wesen sind! Wir sind doch nicht auf die Welt gekommen, um vor Bildschirmen zu sitzen, dann hätten wir in der geistigen Welt den weitaus besseren Sitzplatz gehabt.

Ich gehe kurz nach draussen, um Luft zu schnappen. Beim Schloss versperren mir drei Kinder den Weg. Angesichts der 2-Meter-Regel ist es eine echte Herausforderung, ihre Schranke zu passieren. Ich bleibe stehen, und meine: „Gut, dann schauen wir halt mal, wer mehr Geduld aufbringt.“ Ich lächle sie an, und sie lächeln mich an. Schliesslich erwecken sie den Anschein, als ob sie ihre Sperre aufgeben wollen. Ich wage mich einen Schritt nach vorne. Sie stellen die Sperre aber gleich wieder her, und grinsen mich an. Ich hebe einen Stein auf, und sage: „Dann bezahl ich halt mit diesem Stein.“ Den wollen die kleinen Zöllner aber nicht akzeptieren. Schliesslich sagen sie mir, ich müsse eine Karte in den Schlitz stecken. Gott sei Dank habe ich meine Postcard dabei! Warum bin ich nicht drauf gekommen!

Das hätte sich Herzog Berchthold V von Zähringen auch nicht ausmalen können, dass man hier einmal Wegzoll mit sogenannt elektronischem Geld bezahlt! Die Technik: Unsichtbar!

Ich lausche dem Vortrag eines Astrologen, der über das Informationszeitalter referiert. Ich frage mich, warum alle vom Informationszeitalter sprechen, wo doch Wissende kaum zu Wort kommen.

Aber die Zensur scheint zu fallen.

In der Timeline auf Facebook erscheint ein Porno, als ob uns Facebook damit mitteilte: Hier habt Ihr den Zeitenwendeporno, ob ihr wollt oder nicht. Ihr werdet jetzt alle genötigt, hinzuschauen, auch wenn Euer Schamgefühl dabei verletzt wird.

Ich glaube, wir befinden uns im Informationsfilterzeitalter.

Zeit, unsere Intuition zu entwickeln.

Fiktion und Wirklichkeit

In diesen Tagen verweben sich Fiktion und Wirklichkeit. Vieles ist nicht mehr möglich, anderes entsteht. Die Zeit läuft nicht mehr linear. Äussere Einschränkungen verändern unsere Wahrnehmung vom Raum, die Welt draussen scheint in schockgefrorenem Zustand wegzubrechen, während eine unsichtbare Kraft in unsere Uhrwerke greift, um die Sekunden zu verlangsamen und Stunden anzuhalten. Aus dem Vakuum entsteht plötzlich eine Tiefe, aus dem Nichts entstehen Öffnungen. Die Ausgänge heissen Dostojewski, Tolstoi, Goethe und Bach.

Vom 27. Februar bis am 7. März hatten wir zwei Monde am Himmel wie in Murakamis Welt von von 1Q84 beschrieben. Die Protagonistin Aomame ersetzt die 9 mit Q als Zeichen für „question mark“, Fragezeichen, im Japanischen ebenfalls für die 9 stehend, um der neuen Wirklichkeit, in die sie durch eine Treppe auf der Stadtautbahn hinabgestiegen ist, einen Namen zu geben.

In den sozialen Medien wirft seit einiger Zeit Q Anon mit seinen kryptischen Botschaften Fragen auf. Q Anon deutet auf eine völlig neue Darstellung der Wirklichkeit hin. Seine Hinweise beziehen sich auf die langen Schatten des Tiefen Staates.

Bei Murakami lässt der Sektenführer, um dessen Gemeinschaft und ihre Machenschaften der umfangreiche Roman rankt, auf seinem Sterbebett verlauten: „Wo Licht ist, muss es auch Schatten geben, und wo Schatten ist, gibt es Licht. Es gibt kein Schatten ohne Licht und kein Licht ohne Schatten. Ob das, was wir als Little People bezeichnen gut ist oder böse, weiss ich nicht. Es übersteigt gewissermassen unser Verständnis oder Definitionsvermögen. Schon seit Ewigkeiten leben wir mit ihnen zusammen. Seit der Dämmerung des menschlichen Bewusstseins, lange bevor es Gut und Böse gab.“ (S. 255, 3. Band.)

Diese Erklärung, welcher der Leader als Rechtvertigung für seine schändlichen Taten herbeizieht, impliziert die alte Theodizeefrage: Wie kann Gott etwas Böses zulassen? Natürlich gibt es dort, wo Licht ist, meist auch einen Schatten. Aber es ist nicht Gott oder das Licht, das Schatten wirft. Den Schatten wirft immer das Objekt, nicht das Licht selber, und damit unterliegt das Böse der Verantwortung und des freien Willens des Menschen. Die Kirchen haben Jahrhundertelang aus der Unverantwortlichkeit der Menschen Profit geschlagen. Dem Bösen konnte man sich gegen einen Unkostenbeitrag leicht entledigen, da Jesus scheinbar „für“ die Sünden der Menschen gestorben ist.“ Jahrtausendelang kam niemand auf die Idee, dass Jesus vielleicht „trotz“ der Sünden für die Menschen gestorben ist.

Genauso haben wir uns von der Postmoderne, der New-Age-Bewegung, der Musik- und Unterhaltungsindustrie einlullen lassen. Gut und Böse wurden entweder nihiliert, weichgespült oder als Fiktion auf die Leinwand verbannt. Wir sollten nicht merken, dass die Menschen selbst das Böse manifestieren. Unter Hypnose haben wir unsere Zustimmung gegeben, den Autoritäten, die für uns das Denken übernahmen. Wir wurden langsam immun gegen das Böse, haben die Augen vor ihm verschlossen. Wir haben uns ruhig stellen lassen, uns abgelenkt, uns Vergnügungen gewidmet, um uns nicht mit unseren Schatten auseinandersetzten zu müssen. Warum auch, vor wem sollte man ein nihilistisches Leben auch verantworten müssen.

So taucht in 1Q84 immer wieder ein Rundfunkgebühreneintreiber auf, der wie wild an die Türen seiner „Zechpreller“ hämmert. Tengo, der Protagonist, vermutet hinter dem zornigen und unerbittlichen NHK-Mitarbeiter seinen Vater, der im Koma liegt und dessen Bewusstsein nun ruhelos umhergeistert. Die Zeit der Abrechnung scheint gekommen: Die Menschen sollen für ihre konsumierten Illusionen bezahlen. (Ironischerweise erhöhte gerade Deutschland im Zuge der Notlage stillschweigend die Fernsehgebühren.) Wer in 1Q84 die zwei Monde nicht sehen kann, in der Dunkelheit nicht aufwacht, der existiert nicht weiter in dieser Wirklichkeit – oder anders gesprochen, der bleibt ein Opfer von 1984.

Die Vorreiter, eine Sekte, welche sich aus einer sozialistischen Jugendbewegung heraus entwickelt hat, soll für seine rituelle Gewalt an Kindern zur Rechenschaft gezogen werden. Fukaeri, die Tochter des Leaders bringt die Handlung ins Rollen. Ihr gelingt mit zehn Jahren die Flucht aus der Sekte. Mit Hilfe eines schelmischen Verlegers, der den Coup seines Lebens wittert, und Tengo, des literarisch versierten Mathematiklehrers, gewinnt ihr Text, „Die Puppe aus Luft“, einen nationalen Literaturwettbewerb, welche ihre Erzählung zum Kassenschlager macht. Darin wird ein Mädchen zehn Tage mit einer toten Ziege isoliert, da sie scheinbar ihrem Auftrag als Hirtin nicht gerecht wurde, und den Tod der Ziege zu verantworten hatte. In Wirklichkeit war die Ziege aber bereits alt und krank. Aus dem Mund der Ziege steigen eines Nachts die Little People, welche eine Puppe aus Luft weben. Aus der Puppe wiederum entsteigt eine Kopie des Mädchens, welche als Daughter bezeichnet wird. Die Little People machen das Mädchen darauf aufmerksam, dass sie nun die Wahrnehmende sei, und ihre Tochter die Empfangende. Vom Horror ergriffen, gelingt dem Mädchen die Flucht. Im Laufe des Romans wird deutlich, dass die Sekte über mehrere „Daughters“ verfügt, welche in rituellen Gewaltakten als Medien dienen. Die Klone lassen sich als Allegorie für die multiple Persönlichkeitsstörung lesen, welche Opfer ritueller Gewalt zum Schutze ihrer Seele entwickeln.

Eine Frauenrechtlerin, die ihre Tochter an einen gewalttägigen Mann verloren hat, beauftragt ihre Fitnesstrainerin und Vertraute mit dem Mord des Leaders. Aomame wuchs ihres Zeichens selber in einer Sekte, den Scientology auf. Auch ihr gelang mit zehn oder elf Jahren die Flucht, ein Hinweis auf die Schwelle zur Geschlechtsreife, dem Zeitpunkt, an dem die Opfer ritueller Gewalt getötet werden.

Murakamis Schilderungen der Sekte bleiben rätselhaft. Die komplette Zertrümmerung der Gebärmutter eines Opfers, das sich in der Obhut der Frauenrechtlerin befindet, deutet die Dimension der Gewalt nur an.

Angesichts des Grauens, das sich auftut, wenn man im Bereich der rituellen Gewalt nur ein bisschen recherchiert, wird klar, dass sich diese Verbrechen gegen die Menschlichkeit nicht in Worte fassen lassen.

Diese satanischen Taten kommen nur langsam ans Licht, angefangen bei der „Mee-Too“-Bewegung und der Verurteilung Weinsteins. Auch hier fordern Frauenrechtlerinnen Aufklärung und Gerechtigkeit. Es scheint ganz so, als ob wir „sanft“ auf die Aufdeckungen vorbereitet werden. Während Weinsteins Opfer meist erwachsene Frauen waren, die im Show Business Karriere machen wollten, bot Epstein mit seinem Lolita-Express vornehmlich Teenager zum sexuellen Missbrauch an. An den Missbrauch Minderjähriger wurde die Gesellschaft jahrelang gewöhnt – durch Nabokovs „Lolita“, Gainsbourgs „Lemon Incest“, das der Chansonnier im Jahr 1984 mit seiner Tochter sang oder der Suggestivkraft der Bilder in Bertoluccis „Der letzte Tango in Paris“, während dessen Dreharbeiten Marlon Brando die neunzehnjährige Schauspielkollegin Maria Schneider vor der Kamera vergewaltigte. Die erotischen Bilder alleine geben keine Auskunft über das Alter der Schauspielerin oder ihrer Figur, und brennen sich doch in die männliche Phantasie ein. Die natürliche Ambivalenz männlichen Begehrens, das auf eine seelisch noch unreife Frau trifft, die der männlichen Aggression kaum gewachsen ist, wird nicht thematisiet.

In 1Q84 kommt es während eines Sturmes zu einer unbefleckten Empfängnis, während sich Tengo „unfreiwillig“ mit der siebzehnjährigen Fukaeri vereinigt. Dabei empfängt Aomame, Tengos grosse Liebe aus Kindertagen, seinen Samen.

Nach diesem Sturm ist Aomames Zorn verflogen. Zwei ihrer Freundinnen wurden Opfer männlicher Gewalt, weswegen sie sich zu Rachemorden hatte hinreissen lassen. Auch der Zorn ihrer Auftraggeberin hat sich gelegt.

In diesen Tagen lässt Trump verlauten: „Möglicherweise ist es die Ruhe vor dem Sturm.“ Auch der irische Präsident benutzt diese Worte.

Tengo und Aomame verlassen nun zusammen die Welt von 1Q84 und betreten eine dritte Wirklichkeit mit neuen Herausforderungen.

Und wir?

Altes, verloren Geglaubtes

Ich lausche dem Ticken der Uhr und betrachte meine weissen Wände, die meine Gedanken zurückwerfen. Dann lege ich Tschaikowski auf. Der Raum öffnet sich, warum bin ich nicht vorher drauf gekommen? Man kann ja nicht ewig lesen, auch wenn ich mir das gerade wünsche; all meine ungelesenen Bücher einfach „erfassen“ zu können, durch einen einzigen Blick aufs Cover. Ich stelle mir vor, wie ich die Bücher mit meinem Röntgenblick scanne, denn ich möchte alles gleichzeitig lesen, alles gleichzeitig verstehen. Anscheinend habe ich die Essenz des Lesens nicht verstanden: Den Genuss. In kleinen Häppchen Erkenntnisse gewinnen, innehalten, das Gelesene verdauen, in den eigenen Gedankenkosmos integrieren, es auf praktische Fragestellungen anwenden. Auf diese Weise habe ich heute eine wundersame Reise unternommen.

Ich lese neben Murakamis „1Q84″, was übrigens der momentanen Situation auch sehr gerecht wird, Freuds „Massenpsychologie und Ich-Analyse.“ Nach den Kapiteln „Identifizierung“ und „Verliebtheit und Hypnose“ unterbrach ich meine Lektüre, um mir was zu essen zu kochen. Freud geht davon aus, dass der Mensch in der Verliebtheit sein Liebesobjekt zu seinem nicht erreichten Ich-Ideal macht: „Man liebt es (das Liebesobjekt) wegen der Vollkommenheiten, die man fürs eigene Ich angestrebt hat und die man sich auf diesem Umweg nun zur Befriedigung seines Narzissmus‘ verschaffen möchte.“ Das Verhalten des Menschen ist nach Freud per se narzisstisch und strebt nach Lustmaximierung und Unlustvermeidung.

In der anschliessenden Meditation entwickelte ich den Plan, meine Wohnung in ein Ministerium der Liebe zu verwandeln, mit den Mitteln, die mir in meiner Wohnung zur Verfügung stehen. Jetzt ist es wichtig, durch die kleinsten Handlungen einen maximalen Lustgewinn zu erzielen, um nicht verrückt zu werden. Meine Erfahrungswelt beschränkt sich nun auf zwei kleine Zimmer, eine Kochzeile und ein Badezimmer. Wenn sich mein Handlungsspielraum verkleinert, müssen auch meine Handlungen kleiner werden, präziser, nuancierter, anmutiger.

In der Psychosomatik gelten Erkrankungen der Atemwege als Hinweis darauf, seinen Raum einzunehmen. Und das müssen wir ja gerade alle lernen. Wer sich nicht ausmalen kann, was uns blühen könnte, wenn wir vor Panik blind erstarren, der lese „1984“ von George Orwell und „Brave new world“ von Aldous Huxley.

Da ich im Moment kein Gegenüber habe, um an ihm die Dinge zu entdecken, die mir noch fehlen, muss ich das Gespräch mit den Wänden suchen, um so meine Wahrnehmung zu erweitern. Was teilen mir meine Bilder und Gegenstände mit? Ich werde Gespräche mit Vasen führen, Wattebausche fragen, ob sie eigentlich miteinander kuscheln oder sich darüber streiten, wer weicher ist. In jeder Staubmaus werde ich den göttlichen Plan verwirklicht sehen. Sie gibt Auskunft über meine Lungen. Ich werde sie einsaugen, die gelebten Stunden, – wir atmen zu viel Vergangenheit! – das Fenster öffnen, und das Kohlendioxid wieder ausstossen. Beim Ausstossen werde ich innehalten, um mich dem Nullpunkt zu nähern, und einen Blick ins Quantenfeld zu werfen, dort, wo die reinsten Ideen geboren werden. Nein, mein lieber Freud, so einfach ist es nicht. Unsere Lust ist eingebettet in den universellen Atem.

Das sind also die Vorzüge des langsamen Lesens. Jede Lektüre hält für den Leser eine persönliche Botschaft bereit. Bücher sind in diesen Tagen unsere Wegweiser. Dass mich Freud einmal zum Verschönern meiner Wohnung inspiriert, hätte ich nicht erwartet. Ich werde meine Couch zum Fenster schieben, um tagsüber bei offenem Fenster Vitamin D zu tanken und mir all die Dinge einzugestehen, für die ich mich meinte, schämen zu müssen.

In meiner Meditation wanderte ich durch all die Wohnungen und Zimmer, in denen ich mich in den letzten Jahren alleine und isoliert gefühlt habe. Schliesslich ging ich zurück in mein Kinderzimmer und erinnerte mich daran, wie ich mir damals Geschichten erzählte, wenn ich Hausarrest hatte, wie ich die Wände bemalte und wie wir Geschwister Sonntags immer unsere Zimmer umgestalteten und dazu die Hitparade mit Reto von Gunten hörten. Wir liebten Reto von Gunten wie ein Familienmitglied. Fiel er mal aus, schimpften wir über den unzulänglichen Ersatzmoderator. Und natürlich nahmen wir die Sendung auf Tonband auf, um unsere Lieblingslieder später wieder abspielen zu können. Ich liebte David Hasselhoff, Phil Collins und Tina Turner.

Und schliesslich sprangen die Bilder zu einem Seminar an der Hochschule der Künste Bern mit Res Ingold, Konzeptkünstler und Professor an der Akademie der Bildenden Künste München. Im Progr in Bern bauten wir in einem Atelier aus den Materialen, die wir zufällig in der Stadt auftrieben, eine Gefängniszelle nach. Darin haben wir Kursteilnehmer schliesslich performt, wild und spontan, und doch ergab am Ende irgendwie alles einen Sinn. Ich trug einen fiktiven Liebesbrief eines Knastis vor – jetzt bin ich in selber dieser Knasti und spüre alle Arten von Begehren in Reinform. Res riet uns „einfach immer Spuren zu legen“ als Antwort auf unser brotloses Dasein als Kunstschaffende. Gerade in dieser Zeit entfaltet dieser schlichte Satz seine ganze Schönheit und Hoffnung. Ist es nicht seltsam, wie manche Sätze erst nach Jahren wie Blüten aufgehen? Wie uns Bekannte aus der Vergangenheit wieder zuwinken – und verschwörerisch flüstern: „Wir werden alle wieder zusammenfinden, wenn wir nur unsere Spuren hinterlassen!“

Die Reise durch meine Vergangenheit machte mir deutlich, wie viel kreativer ich im analogen Zeitalter war – oder wie ich den Raum anders einnahm, mich anders bewegte. Ich las laut Gedichte, performte sie. Ich konnte mich viel konzentrierter meinen Geschichten widmen. Wie mühelos tauchte ich in die magische Atmosphäre meiner Gedankenwelt ein. Und meine Fiktionen spiegelten sich in meiner Alltagswelt, um noch ein bisschen zu verweilen, um mir Gesellschaft zu leisten und zu versichern: Du bist auf dem richtigen Weg. Wie süchtig war ich damals nach diesem schwärmerischen Zustand! Und jetzt, ganz langsam, stellt sich der Flow wieder ein, jeder Lufthauch bringt mir ein Stück dieser verloren geglaubten Kraft zurück, jedes Mal, wenn ich am Fenster stehe, und in den Himmel schaue. Heute zwitschern auch hier in der Altstadt die Vögel lauter.

Damals, mit siebzehn, als ich zu schreiben begann, kam noch etwas anderes hinzu: Die Verliebtheit in das Leben, die grenzenlose Neugierde, im Wechsel mit den tieftraurigen Phasen, aber auch diese Musik lebte ich bedingungslos. Nirvana ist Teil meiner DNA. Möglich war alles, und „ich wollte alles, im Moment, sofort und vollkommen oder ich wollte gar nichts.“ Die Schauspielprüfung habe ich nur drei Mal probiert, die meisten AnwärterInnen nehmen zwanzig Anläufe, aber Antigone und Jeanne d’Arc habe ich bis heute verinnerlicht.

Und wenn ich mich heute nach etwas sehne, dann nach dieser Wildheit; rauszugehen, zu tanzen, Menschen zu treffen, die nicht hypnotisch auf ihre Bildschirme starren. Gespräche zu führen, frei von der Leber weg, zu lachen, sich zu umarmen, Menschen zu riechen, ihr Herz schlagen zu hören.

Ja, ich stelle mir vor, dass die Menschen nach diesem Spuk wieder so sind wie früher. Und vielleicht ist das ja möglich, wenn sie diese Zeitreise in die Vergangenheit auch machen, und ihr verloren geglaubtes Ich mit dem jugendlichen Übermut, den Träumen und den Visionen mitnehmen ins Jahr 2020. Und vielleicht lassen sich die Digital Natives ja auf unsere Erzählungen ein, um es selbst auszuprobieren: Das alte, verloren geglaubte Leben.

 

Geduld, Massenpsychose und ein einziges Wort…

Ich stehe vor meinem Bücherregal, Billy von Ikea für 59.95, das man heute bei vielen Youtubern im Hintergrund sieht, und denke: Es stimmt alles, und es stimmt nichts. Die linken, neben den rechten Titeln, Osho neben der Bibel, alles eingebunden in ein Universum. Wenn mein kleiner Geist all diese Gedankengänge nachvollziehen kann, wie viel grösser ist das Ganze, der Geist eines Dorfes, einer Stadt, eines Landes, eines Kontinentes und schliesslich der Welt. Und wie einfach sind die Dinge am Ende: Ein Lächeln genügt, denn es ist gut so. Ein einziges Wort, weswegen und wofür man gelebt hat. Liebe.

Ich versuche medial auf Distanz zu gehen, die Flut der Meinungen und Spekulationen wirbelt das Gemüt auf, sorgt für die Trennung von Herz und Verstand. Online wollen sich die Menschen noch an irgendetwas festhalten, an einer Meinung, einer Theorie, einem Weltbild. Zahlen sollen eine Objektivität suggerieren, Tests entpuppen sich als so sicher wie das Werfen einer Münze, die Symptome sind unklar, niemand kann sagen, was auf uns zukommt. Gleichzeitig sichern die Regierungen Rettungskredite zu. Niemand soll um seine Existenz bangen.

Ich schreibe wieder von Hand, da ich mich ganz physisch mit meinen Sätzen verbinden will. Ich möchte nicht länger potentielle Mörderin sein, die Flächen durch Tröpfchen kontaminiert und alten und Schwachen den Tod bringt. (Tagesdosis 18. März KenFM mit Franz Ruppert) Die Inkubationszeit soll bis zu zwei Wochen dauern. Nein, ich will die ungeschriebene Geschichte mit meinen hoffnungsvollen Worten infizieren. Jetzt öffnet sich eine Pforte, der Stillstand setzt neue Gedanken in Bewegung, neue Kräfte frei.

Wer bis anhin nicht an morphogenetische Felder geglaubt hat, der beobachte die Stimmung auf den Strassen. Als ob bereits durchs Grüssen Tröpfchen durch die Gegend flögen, um im Gesicht des Gegenübers zu landen, gehen die Menschen wortlos aneinander vorbei. Wer ein Halstuch trägt, erweckt tiefes Misstrauen und erntet böse Blicke.

Verstösse gegen das Versammlungsverbot werden von den klugen Kindern des Systems geahndet. Sie petzen in den sozialen Medien und fordern Strafen.

Dieses Feld der Massenparanoia unterscheidet sich so fundamental von den Feldern in der Natur. Die Vögel zwitschern lauter. Gestern kreiste auf meinem Spaziergang lange ein Milan über mir, er grüsste mich. Der Milan rief zu Geduld auf, er sagte, es brauche nun etwas Zeit, sich einen Überblick zu verschaffen, aber wer suche, der werde finden. Er sagte auch, er bringe verloren geglaubte Kräfte und Freunde zurück. Ich bedankte mich, Schmetterlinge setzten an zum Paarungsflug. Sogar das Wasser der Emme schien plötzlich viel klarer zu fliessen.

In diesem Feld schöpfe ich Hoffnung; die Gesellschaft kann sich jetzt öffnen, ist bereit für einen Dialog, um sich nicht weiter spalten zu lassen, denn die Krise ist da, und fordert Solidarität. Jeder kann jetzt Gutes tun.

Die EU scheint vom Tisch, die Staaten entscheiden souverän, die Grenzen sind dicht. Google liefert Suchergebnisse, die vorher zensiert waren, Ärzte melden sich mit alternativen Einschätzungen zu Wort, die in den sozialen Medien diskutiert werden, im Supermarkt fehlt nicht nur das Toilettenpapier, sondern auch der Lindenblütentee und das Kurkuma. Rüdiger Dahlke will im Eilverfahren in einem Monat ein Buch rausbringen, das sich explizit mit Entzündungen befasst. Jetzt entsteht Unerwartetes, Tollkühnes, Mutiges!

Stell Dir vor, all die grossen Lügen der Pharma-Industrie, der Kriegsindustrie, der pädokriminellen Eliten aus Politik und Unterhaltungsindustrie kommen jetzt ans Licht. Bei Wikipedia findet sich folgende Definition der Pädokriminalität: „…Dabei steht der Aspekt des Handels mit dem sexuellen Missbrauch von Kindern oder den Produkten daraus teils im Mittelpunkt. Was neben Kinderpornografie noch mit „Produkten“ gemeint sein könnte, findet Ihr raus, wenn Ihr nach „Adrenochrom“ googelt. Wenn Ihr immer noch glaubt, dass all diese Dinge nichts miteinander zu tun haben, dann recherchiert jetzt.

Sollte es in diesen Tagen zum Blackout kommen, fragt Euch, ob es sein könnte, dass jetzt im grossen Stil Verhaftungen durchgeführt, und endlich die Menschheitsverbrecher zur Rechenschaft gezogen werden. Könnt Ihr Euch so etwas Grosses vorstellen?

Und sollte es eine Hoffnung bleiben, dann haben wir trotzdem eine Spur im morphogenetischen Feld hinterlassen, und den Glauben an Gerechtigkeit genährt.

Folgt den Quellen, mit denen Eurer Herz in Resonanz geht. Der Verstand alleine ist in diesen Tagen wenig weise. Beobachtet, was die Nachrichten mit Euch machen. Weniger ist in diesen Tagen mehr, schliesslich müssen wir uns zuerst um uns kümmern, damit wir gestärkt in unserer Mitte bleiben, und nicht der Massenpsychose zum Opfer fallen.

Eine neue Dimension

Vor uns liegt ein Haufen leerer Zeit, Zeit, die wir totschlagen können, Zeit die wir mit Dingen füllen dürfen, die uns Spass machen; lesen, malen, kochen, stricken, lauter unwirtschaftlicher Dinge, denn die Wirtschaft hat dicht gemacht. Zeit, die an keinen Plan gebunden ist – jedenfalls kennen wir ihn nicht. Ganz plötzlich wird uns diese Zeit wie ein Geburtstagsgeschenk überreicht: „Bitteschön, anbei ein Monat Zeit, einzige Einschränkung, Ihr müsst zu Hause bleiben und könnt nicht mehr dem Konsum frönen.“ Und ganz nebenbei suggeriert das Geschenk, dass wir auch künftig unsere Tage so verbringen könnten. Entschleunigt. Physikalisch gesprochen misst die Zeit die Bewegung im Raum. Was aber, wenn sich die Bewegung und der Raum plötzlich verändern? Dann muss sich auch die Zeit ändern. Wir betreten gerade eine neue Erfahrungsdimension.

Einzig die Menschen in der Pflege, im Detailhandel, die Postangestellten und Tankwarte müssen sich etwas gedulden. Auch dem Militär kommt im Moment eine tragende Rolle zu. Auf sie kommt es jetzt an. Sie alle erbringen gerade Höchstleistung, und viel darüber hinaus. Sie sind systemrelevant.

Bist du systemrelevant?

Wir mit unserer Schreiberei sind überhaupt nicht systemrelevant. Niemand stirbt an Phantasielosigkeit und Verblödung. Aber vielleicht können wir den einen oder die andere zu einem neuen Gedankengang ermuntern, schliesslich sind die Wege unseres Gehirns unergründlich. Vielleicht können wir etwas von unserer Hoffnung schenken, die wir in all den einsamen Stunden allein mit unseren Gedanken in der brotlosen Existenz angesammelt haben. Zur Erdung inspirieren, da wir auch mit dem Wahnsinn vertraut sind: Tief durchatmen, die Socken spüren, an die Sonne gehen, denn sie scheint noch! Und Vitamin D ist fundamental wichtig für unser Immunsystem. Also raus mit Euch, sammelt Euch, aber versammelt Euch nicht. Das nur noch am Fenster. Putzt Eure Fenster, manikürt die Nägel, beobachtet den Himmel.

Auch meine To-do-Listen sind luftiger geworden:

-Spinnweben entfernen

-Unterwäscheschublade aussortieren

-Graue Haare auszupfen

-meine Hilfe anbieten

-Briefe schreiben

-mich auf ein bedingungsloses Grundeinkommen freuen

-ins Vertrauen gehen (Was für ein schöner Ort! Wo die Vögel zwitschern, die Bäche rauschen und Mozart wohnt)

-meditieren

-mich für eine Ausbildung anmelden

Wie durch ein Wunder, das in Gestalt eines Grippe-Virus‘ daherkommt, der sich in der Gefährlichkeit einzig durch sein hohes Ansteckungspotential auszeichnet, wurde die kognitive Dissonanz aufgelöst: Der tägliche Widerspruch zwischen den Dingen, die getan werden mussten, in und für ein System, das krank, korrupt und satanisch war und einem Glauben an das Gute im Menschen.

Es ist, als ob wir plötzlich aus dem ganzen Wahnsinn rausspazieren können, auch wenn wir im Moment noch in unseren Wohnungen festsitzen, unser Geist leert sich, reinigt sich, der mediale Müll entlarvt sich selbst, unsere Herzen beginnen wieder nach unserem eigenen Rhythmus zu schlagen. Wem wollen wir dienen? Einer Geldmaschinerie, die einige wenige reich und uns zu Sklaven macht? Oder wollen wir uns viel mehr gegenseitig dienen und all den Scheiss, all diesen „Bluetbadbullschittläärloufmagerquark“ endgültig als der Verdummung dienende Illusion verabschieden https://www.youtube.com/watch?v=clmP-VxEYVY !

Nur das Schöne und das Gute hat in der Krise Bestand. All der Schmutz und Schutt wird nun offenkundig. Und wer baut sein Haus auf einer Müllhalde?

Ansehen, Macht und Geld, das hat alles in der Krise keinen Wert. Kreative Lösungen, Flexibilität und Nächstenliebe sind jetzt gefragt. Gerade die Nächstenliebe hat man versucht aus unserem Wortschatz zu streichen. Aber das Social Distancing macht deutlich, wie sehr wir einander brauchen. Alleinsein ist schön, Isolation aber macht traurig und krank.

Viel zu lange waren wir abgetrennt voneinander, jeder mit seinen Sorgen und Nöten beschäftig, künstlich in Gruppen gespalten, in Wortgefechte verstrickt, einzig im Hass noch lebendig. Den meisten ging es zu gut, um das Spiel zu durchschauen, abgelenkt von Brot und Spielen.

Der Mensch ist aber auf Krisenzeiten eingestellt. Niemals reagiert er besonnener und solidarischer als wenn sein Überleben auf dem Spiel steht. Jeder der einmal in einer lebensbedrohlichen Situation war oder jemandem in einem solchen Moment beistand, hat diese Erfahrung gemacht, dass etwas in uns einen kühlen Kopf bewahrt, und wir auf Autopilot genau das Richtige tun.

Panik entsteht nur dort, wo die Emotionen Regie führen, und wir versuchen, vor der Angst davon zu laufen. Daher hamstern Leute aus Angst sich in die Hosen zu machen Unmengen von Klopapier. Anstatt einen kühlen Kopf zu bewahren, und sich mit dem Gedanken anzufreunden, dass man seinen Po auch mit Wasser und einem Handtuch sauber bekommt. Wer in seinen Emotionen gefangen ist, dem geht der Arsch auf Grundeis und ist dazu aufgerufen, sich mit der Scheisse auseinanderzusetzen (um einmal sehr bildlich zu sprechen).

Unsere innere Stimme wird uns den Weg weisen. Sie wird nicht der Hysterie zum Opfer fallen – und sie wird uns auch nicht dazu überreden, das Unvernünftige zu tun. Und darauf kommt es jetzt an, diese Stimme wieder zu finden, und auf sie zu hören.

Und den anderen zuzuhören. Vor welchem Fenster auch immer…

Eine seltsame Ruhe

Eine seltsame Ruhe liegt in der Luft. Von der Hysterie, welche die Medien verbreiten, ist auf den Strassen nichts zu spüren, im Gegenteil, die Menschen reagieren besonnen: In den Läden fehlen die Teigwaren und das Kurkuma. Die Ravioliproduktion wurde hochgefahren.

Ich habe mir heute ein Digital-Fieberthermometer aus China gekauft. Weil es aus China kommt, teste ich es in der Armbeuge und nicht im Mund. Da ich auf der Arbeit unter vielen, gerade älteren, Menschen bin, messe ich sicherheitshalber beim leisesten Kratzen im Hals meine Temperatur.

Die Ursache meiner Abgeschlagenheit ist aber eine Entgiftung.

Ein Oligo-Scan ergab, dass in meinem Körper viel zu viele toxische Metalle sind. Mit den höchsten Werten vertreten: Aluminium, Silber, Quecksilber, Cadmium und Blei. Aluminiumsalze werden in folgenden Impfungen als Zusatzstoff verwendet: Tetanus, Diphtherie, Polio, Keuchhusten und die Mehrheit der Impfstoffe gegen Meningitis, Enzephalitis, Hepatitis und Papillomaviren. Aluminium wird mit Alzheimer und Autismus in Verbindung gebracht. Mittlerweile bewege ich mich ziemlich flexibel in meinem autistischen Spektrum, aber auf Alzheimer kann ich gerne verzichten. Ich möchte mich an die Dinge erinnern können. Ich möchte die Dinge benennen. Ich möchte mich nicht aus dem Leben schleichen, unfähig, Verantwortung für all meine Taten zu übernehmen, da sie in meinem System nicht mehr vorhanden sind.

Ist es ein Zufall, dass die Gesellschaft als solche unter diesen Krankheiten leidet? Die Vereinzelung und Vereinsamung wird durch Social Media forciert, während das kollektive Vergessen längst politische Strategie ist. Wer kann sich bei der heutigen Informationsflut noch an die Details aller globalen Konflikte und Tragödien erinnern? Und wer hat die Ausdauer und den Mut, genauer hinzusehen und zu recherchieren? Was war der Auslöser der Wirtschaftskrise 2008? Was passierte in Fukushima? Was ist 2014 auf dem Maidan passiert? Wann stürzte die Germanwings ab? Wann ging die Flüchtlingskrise los? Charlie Hebdo? Bataclan? Waldbrände? Greta? Virus?

Gerade in diesen Tagen offenbart sich unser Kriegs- und Katastrophenjournalismus:

Nach einer Stunde Medienkonsum sieht man sich ja schon mit einem Bein im Sarg. Die Informationen nützen uns nichts. Sie schüren einzig Panik. Man stelle sich eine Mutter vor, die ihrem kranken Kind sagt: „Pass auf, es sind weltweit bereits 4600 Personen am Virus gestorben. Es breitet sich rasant aus, 115 Länder sind betroffen. Mehr als über die Hälfte der Infizierten wird wieder gesund, aber mir machen die 15 Prozent Sorgen. Vielleicht gehörst du, mein Kind, zu den 15 Prozent. Es kann also sein, dass du sterben wirst. Dass wir alle sterben. Auch Papa, Mama, dein Bruder. Ja, das ganze Dorf.“ Es ist glücklicherweise noch kein Kind am Virus gestorben, aber auch das wird nicht deutlich gesagt.

Nun, es bringt nichts, die Berichterstattung zu beklagen. Wer oder was auch immer hinter der Krise steckt, eines steht fest: Uns steht eine Veränderung bevor. Und in dieser Situation können wir uns nur selbst stärken. Mit den Dingen, die uns gut tun: Gesunder veganer Ernährung, Verzicht auf verarbeitete Produkte, Vitamin D, frische Luft, gesunden Gedanken, gesunder Lektüre. Die Krise macht deutlich, was am Ende der Tage wirklich wichtig ist. Geld? Ansehen? Deine Ersparnisse werden wohl bald vernichtet sein, wenn Du sie nicht in erneuerbare Energie investierst. Das Erdöl wird fallen gelassen, wie Dirk Müller 2018 in „Machtbeben“ prophezeit hat. Der Zusammenbruch der italienischen Wirtschaft kann der Auslöser für eine globale Liquiditätskrise sein. Der Crash ist längst überfällig. Nicht mal mehr das Gold ist gedeckt. Das Finanzsystem ist ein einziges Kartenhaus aus Lug und Betrug.

Die Folgen des Einsturzes sind nicht absehbar. Aber zuvor wird bestimmt noch eine neue Impfung auf den Markt geworfen. Und gemäss Epidemiegesetz ist der Bundesrat befugt, Impfungen als obligatorisch zu erklären.

Zeit aufzuwachen, und uns schon mal auf die neue Welt vorzubereiten…

Jetzt können wir nicht mehr davon laufen. Jetzt werden wir angehalten zu bleiben. Zu Hause. BEI UNS. Endlich!

Barceloneta

Das Meer gehört den alten Frauen und Männern, die mit nackten, ledernen Bäuchen bereits morgens um neun im Februar gemächlich den Strand abschreiten.

Mit derselben Ruhe beobachten die Bergler ihre Felsen und Gletscher, die Wolken und die Stille, die sich ganz in ihrem Inneren ausbreitet.

Auf der Carrrer de Marina lächelt ein Strassenkehrer beim Anblick der jungen Fussballmannschaft – die Spieler sind höchstens fünf. In seinem Lächeln liegt die Liebe und die Zukunft der Kinder.

Am Horizont ragt die Sagrada Familia empor, das Licht ist milchig sanft und spricht von stillen Wintermonaten, während die Tauben zwischen den prächtigen Jugendstilbauten hindurch segeln.

Eine Mutter reicht ihrem kleinen Mädchen ein Küchlein, wie es sie bei uns während der Fastnacht gibt. Für eine Sekunde sehe ich mich mit Kind auf dem Arm in einer lichtdurchfluteten Wohnung in dieser Stadt. Hier hätte mein Leben klare Konturen mit einem Kleiderschrank voller schicker Kostüme. Bis der Sturm aufzöge und der Stuck von der Decke bröselte. Dass ein Leben hier undramatisch verläuft, kann ich mir nicht vorstellen. Und wenn ich jetzt so drüber nachdenke, wird mir klar, dass uns in der Schweiz einfach die Sprache fürs Drama fehlt. Das Schweizerdeutsch suggeriert, dass am Ende alles doch nicht so schlimm ist. Als Jugendliche rebellierte ich dagegen. Gegen die Verleugnung der Seelenmarter. Jahre später stelle ich erstaunt fest, wie viele Mani Matter Lieder ich immer noch auswendig singen kann.

Damals war ich achtzehn, als ich mit meiner Schulklasse zum ersten Mal in Barcelona war. Ich reiste einen Tag später als meine KameradInnen mit dem Flieger an. Da ich drei Monate in London verbracht hatte, meinte meine Lehrerin, ich würde den Weg vom Flughafen zur Herberge schon alleine finden. Ein Unbekannter führte mich durchs gotische Viertel. Am nächsten Tag tauchte er wieder vor der Unterkunft auf, und fragte nach mir. Noch heute kriecht die alte Scham wieder hoch. Dass ich einem Fremden meinen Namen nannte.

(Das Drama der Jugend besteht darin, entweder über- oder unterschätzt zu werden. Und später, wenn unsere Ausstrahlung unserem Können entspricht, sind wir für die anderen plötzlich unsichtbar, weil jeder damit beschäftigt ist, gesehen zu werden, meist ohne es zu wissen, doppelt blind, für sich selbst und die anderen.)

Mein Helfer hatte mich weder angefasst noch später weiter verfolgt. Das Ereignis versickerte in der Bedeutungslosigkeit – schliesslich habe ich zig Male später Menschen nach dem Weg gefragt, und gab ebenfalls unzählige Male Auskunft – und doch klopft es heute an die Wand meiner Erinnerungen.

Seltsamerweise scheint unser inneres Archiv ein Eigenleben zu führen. Was sich uns auf unserem Weg einprägt (abgesehen von bewussten Lerninhalten), was später wieder in unserem Gedächtnis aufflackert, darauf haben wir wenig Einfluss. Die abgerufenen Erinnerungen wiederum verändern sich, abhängig von der Bedeutung die wir ihnen beimessen. So verändern wir die Vergangenheit. So verändern wir die Zukunft.

Und schon bald liegt dieser Teil der Vergangenheit ganz brach, wenn niemand mehr einen Strassennamen kennt, und uns nur noch elektronische Geräte den Weg weisen.

In einer fremden Stadt sucht man oft vergebens nach dem perfekten Restaurant und landet dann doch meist in der Knelle, in der die Pommes im gleichen Öl wie die Calamares schwimmen, und die Einheimischen Toast essen und sich mit den Nachbarn auf einen Espresso treffen.

Man trinkt einen Orangensaft und breitet den Stadtplan aus, um einen neuen Entschluss zu fassen.

Seltsamerweise erinnere ich mich oft gerade an jene Cafes, an diese scheinbar unbedeutenden Momente, und taste in meinem Gedächtnis nach dem Ereignis, das jenen Szenerien eine besondere Bedeutung verliehen hätte. Wie damals auf einem Hügel in Florenz, wo ein alter fast zahnloser Mann im Cafe zu meiner Schwester und mir sagte: „Bei eurem Anblick kann man den Schirm getrost zu Hause lassen.“ Asymmetrische Komplimente, die erst Jahre später ihre Wirkung entfalten, in meiner unübersichtlichen Atmosphärenbibliothek aufbewahrt.

Abends im Hotel lese ich Pascal Mercier: Das Gewicht der Worte. Das Buch handelt davon, wie wir unser Inneres mit Worten auskleiden, und wie die Worte zu Vorstellungen werden, die uns wachsen lassen, und worauf es im Angesicht des Todes ankommt: Auf die Poesie:

Während des Lesens, des Betrachtens der Bilder oder des Hörens von Musik lässt man die Vergangenheit ruhen, nicht im Sinne des Vergessens, sondern des anstrengungslosen Loslassens, und man lässt sich von keinen angestrengten Erwartungen an die Zukunft die Gegenwart verstellen oder verwischen. Die poetische Gegenwart ist wie herausgehoben aus dem Fluss und der drängenden Abfolge des zeitlichen Geschehens.

Mit achtzehn nahm ich viele Reize gleichzeitig auf, ohne dass ich über ein Ordnungssystem verfügt hätte. All diese Dinge. All diese Gefühle. All diese Ungereimtheiten. All diese Gerüche. All diese Laute. All diese Worte. Vermischten sich.

Ich erinnere mich an ein Feuerwerk, das mit klassischer Musik untermalt wurde, auf welchem Platz bloss? Plaça d’Espanya. Meine Empfindungen überschlugen sich. War das Kitsch? War das Poesie? War das alles nicht zum Verzweifeln? Das Menschsein. Die Unzulänglichkeiten. Die Einsamkeit jedes Einzelnen. Im Feuerwerk vereint.

Damals hatte ich sehr oft Choräle im Kopf. Die Musik war in mir drin, ich war die Musik, ohne dass sich meine Musikalität durch eine besondere Begabung ausgedrückt hätte.

Die Atmosphäre, die Mentalität der Stadt blieben mir fremd. Vielleicht aus stillem Protest, weil Barcelona nicht meine Wahl gewesen war? Später schrieb ich ein Gedicht: Nacktschwimmen in Barceloneta. Ich war damals nicht schwimmen. Aber der Stadtstrand versprach Abenteuer und weite Welt.

Wir müssen uns erst einen Fokus erarbeiten, um ihn aufzugeben. Eine erweiterte Wahrnehmung zu haben, heisst, mit dem Fokus zu spielen, sein Augenmerk auf viele Dinge gleichzeitig zu richten, ohne überflutet zu werden. Absichtslosigkeit ist höchste Konzentration. Standhaft sein wie ein Felsen. Angesicht des Wahnsinns, des Schreckens, des Trostes. Wenn die Bettler nicht mehr betteln dürfen, dann bauen sie riesige Sandburgen am Strand, in der Hoffnung, dass jemand ihre Leistung honoriert.

Ich erinnere mich an die Worte des pensionierten Wirtschaftsprofessors auf einer Thailandreise, der im Alter erkannt hatte, dass eine Sandburg gleich viel Wert haben kann wie ein Porsche. Wir verbrachten drei Tage zusammen, bis er sagte: Du isst zu viel.

Beim zweiten Besuch dieser Stadt war ich Ende zwanzig. Mein Fokus war die Kunst. Und einmal am Tag muss ich für eine Stunde schweigend am Meer sitzen, sagte ich zu meiner Schwester.

Zum ersten Mal zähle ich die Zeit in Jahrzehnten.

Dieses Mal gibt es eine hohe Polizeipräsenz und viele Bio- und Vegan-Angebote. Die Revolte ist institutionalisiert. Jeden Morgen werden die Gassen der Altstadt komplett runter gewaschen. Spätestens dann haben sich die Obdachlosen davongemacht.

Abends stehen die afrikanischen Migranten in kleinen Grüppchen rum und halten ein Bündel leere Dosen, mit einer Schnur zusammengeknüpft, in der Hand. Ich weiss nicht, welchen Zweck die Dosen erfüllen.

Es ist seltsam, man gewöhnt sich an alles: An die Handys, die Online-Kommunikation, die Zensur, die Falschmeldungen, die Reizüberflutung, die Gewalt und die Kriege, solange wir nicht direkt betroffen sind, ans vegane Essen, an den Verzicht auf Alkohol und Zigaretten. Wir stülpen uns Gewohnheiten wie Kostüme über, um sie irgendwann gegen andere einzutauschen. Aber irgendetwas bleibt immer gleich. Irgendwo sitzt der Kern, in den wir uns zurückziehen und aus dem heraus wir uns immer wieder neu erfinden können.

Wo die Wahrheit sitzt. Wo der Wunsch nach Frieden steckt. Aus dem heraus Bach geschaffen hat.

Am Morgen fällt es mir ein. Damals mit achtzehn in Barcelona habe ich meine rechte Kontaktlinse verloren. Ich verbrachte die Tage auf einem Auge blind.

Und der Platz auf dem ich über die Jahrzehnte und die Gewohnheiten nachgedacht habe, heisst: Plaça George Orwell.