Also spricht Petula von der verbalen Inspiration

Wenn Du inspiriert bist, schreibe alles nieder, ohne aufzublicken. Du musst demütig sein, und die Worte, die zu Papiere segeln, hoch achten, denn stürmisch ist der Wellengang. In der Erwartung eines Sinnes liefern sie Dir das Rohmaterial, das Du so zusammenstellst, bis die Oberfläche der See Dich friedlich trägt. Manchmal muss ein Wort weichen, damit ein anderes glänzen kann. Du bist der Wörterpacker und die Politur, in Deinem Geiste richten sich die Wörter ein, also pass auf, dass Dein Blick nicht vorschnell nach draussen schweift, denn dann fliegen die Wörter hinterher. So verhält es sich mit jeder Idee, jedem Blick und Lächeln, die nicht gebührend gewürdigt werden, sie passieren uns wie Unterführungen. Und wollen wir eine Unterführung sein? Eher noch ein Bahnhof, aber auch da sind zu viele Überwachungskameras.

 

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Füllst Du Deine Gegenwart aus? oder: Wie man sich rund verwinkelt

 

  1. Wähle die richtige Kleidergrösse. Zu enge Kleidung beeinträchtigt Deinen Atem und führt nicht nur zu Verdauungsproblemen sondern auch zu Rückenschmerzen. Zu weite Kleidung hingegen macht Dich kleiner als Du bist. Nimm den Raum ein, den Du benötigst, und lasse Dich nicht von der Kleidung einräumen.
  2. Halte Zeitdiebe wie Social Media vom Leib. Sie reduzieren Deine Gegenwart auf einen Informationsverarbeitungsorganismus‘, der einzig zur monetären Wertschöpfung beiträgt und sich zum Komplizen der moralischen Wertevernichtung macht.
  3. Trinke genügend, damit Du nicht falschen Zielen hinterher hechelst. Was lange gärt, riecht nicht gut, daher übertreib es nicht mit den alkoholischen Getränken.
  4. Ernähre Dich vegan.
  5. Verbringe Deine Zeit mit Tieren – das fördert die Aktivität Deiner rechten Gehirnhälfte und stärkt Deine Intuition. Als Alternative kannst Du auch einen Kopfstand machen und von Hundert in unterschiedlichen Tonhöhen bis Null zählen. Auch das Singen von Kinderliedern wie „Alle meine Entlein“ ist hierzu förderlich.
  6. Entwickle Deine eigene Sprache. Verzichte auf Wörter wie „Gewinnmaximierung“ oder „Neoliberalismus“. Stattdessen forsche nach neuen Verbaltechniken zur optimalen Liebesausschüttung.
  7. Betrachte moderne Kunst und achte die Kapriolen des menschlichen Geistes. Nutze diese Meditation als Sprungbrett für eigene Saltos. Die Freude an der Bewegung ist Weg und Ziel. Nimm Dir die Tiere zum Vorbild. Stell Dir vor, Du bist ein Murmeltier. Du gräbst ausgeklügelte Tunnelsysteme, warnst Deine Freunde mit einem lauten Pfiff vor Gefahren und kuschelst gerne und ausgiebig mit ihnen. Der Mensch macht Kunst, um andere zu erheitern, das ist seine Art des Kuschelns. Jede menschliche Tätigkeit wiederum kann und muss ästhetisch verfeinert werden.
  8. Materialisiere Deine geistigen Luftsprünge. Lokalisiere die Schaltstelle zwischen „etwas tun wollen“ und „etwas tun“. Punkt 4 unterstützt die physische wie psychische Antriebskraft. Stelle das Gewollte in einen grösseren Zusammenhang. Ein Mantra wie „Was Du heute kannst besorgen, verschiebe nicht auf morgen“ leistet hier wunderbar fruchtbare Dienste.
  9. Lasse Raum frei.
  10. Dehne diesen Raum und stelle dort Dein Trampolin auf. Verbinde oben und unten.

Fertig!

Gedankenblitz

Heute wird der quadratische Butterblock abfotografiert, sprich, er wird mit zusätzlicher Bedeutung aufgeladen. Man fühlt sichtlich die Spannung im Raum.

Ich unternehme sogleich den Versuch, meine Texte ebenfalls abzulichten, um ihnen so zu einer doppelten Existenz zu verhelfen.

B. Gugger: Remote Viewing, September 2017, Rohfassung (Tinte in Notizheft) im Digitalformat, 2-teilig, Fundaziun Nairs.  IMG_1819img_1821.jpg