Glück des Unerwarteten von Mircea Zerbes

„Wann haben Sie das letzte Mal…?“ So beginnen vornehmlich Artikel in Frauenzeitschriften. Jahrelang verachtete ich diese Presseerzeugnisse, die Frauen ein Geschlechterbild präsentieren, das nirgends realisiert wird, ausser vielleicht in Italien. (Die Französinnen sind vermutlich dank der Grammatik und des grossen Wortschatzes der französischen Sprache intellektuell so mächtig, eine ungeschminkte Variante ihrer selbst zu propagieren und das als Mode zu zelebrieren. Was sie in Wirklichkeit verkaufen ist Selbstbewusstsein und das wirkt anziehend. Nur so können sie für die Liebe Ausdrücke wie „aller aux fraises – Erdbeeren pflücken gehen“ erfinden, ohne sich albern vorzukommen. Über die flachen Absätze und die unfrisierten Haare lässt sich streiten.) Nun, zurück zum Anfang. Über das Glück des Unerwarteten will ich schreiben, das Glück, diese „Wann haben Sie das letzte Mal-Sätze“ einmal zu schätzen, denn heute bin ich derjenige, der Sie auf nostalgische Erfahrungen aufmerksam machen will. Heute auf meinem Spaziergang zur römischen Opferstätte über der Stadt, die ich unter der Woche gerne aufsuche, um meine Seele kurz zu erfrischen und neue Gedanken in mein Oberstübchen sausen zu lassen – ein herrliches Lüftchen weht noch an den heissesten Sommertagen dort oben – habe ich seit langem wieder einmal eine Brombeere gepflückt. Die nur noch leicht säuerlichen Beeren, die bereits den Sommer in sich aufgesogen hatten, erfüllten mich mit einem unerwarteten Glück wie ein Kind, dem man einen Fruchtgummi zusteckt. Es gibt kaum jemand, der nicht gerne von solch kleinen Wegzehrungen überrascht wird. Oft bräuchten wir nur die Hand auszustrecken, tun es aber nicht. Der Mensch ist leider ein träges Wesen der Gattung fauler Sack. Jede Abweichung unseres täglichen Rhythmus‘ ängstigt uns, obwohl es ja gerade erst die Abweichung ist, die uns plötzliches Glück beschert. Als Schriftsteller ist die Heraufbeschwörung des Unerwarteten mein tägliches Elixier. Wir Wortagenten sind die einsamen Vorkoster, die das Vergnügen erst teilen können, wenn wir längst schon dem nächsten frönen. Dabei haben wir ein konstant schlechtes Gewissen, da wir mehr Zeit auf die Vermittlung des Vergnügens verwenden sollten, als uns dem Vergnügen selbst hinzugeben; die Gleichung geht nur im Falle der unliebsamen Überraschung auf, von der der Leser wiederum nicht lesen mag. Der Einfachheit halber könnte ich hier eine Liste erstellen (Wann haben Sie zum letzten Mal: Ein Reh beobachtet, Spaghetti Napoli gegessen (oder sonst ein Essen aus ihrer Kindheit), einen Fisch gefangen (für Männer), einen Butterzopf gebacken (für Frauen), eine Sternwarte besucht, jemandem ein Kompliment gemacht, etc.). Nun, aus den paar Aktivitäten geht bereits hervor, dass man dem unerwarteten Glück nachhelfen muss. Damit uns das Glück findet, sollten wir unsere Haustüre öffnen und getrost ins Jagdhorn blasen. Umwege erhöhen die Chance, auf Unerwartetes zu stossen, der Einsatz unserer handwerklichen und hauswirtschaftlichen Fähigkeiten erfüllt uns mit plötzlichem Stolz – wir möchten das Glück teilen und verschenken die gefangenen Fische an die Nachbarn, sofern wir nicht gerade in einem Plattenbau mit mehreren hundert Bewohnern wohnen oder laden spontan zum Brunch ein, auch wenn wir das Wort „Brunch“ verabscheuen. An dieser Stelle möchte ich den Ausdruck „Langstück“ empfehlen, zusammengesetzt aus „langem Frühstück“. Was Künstler und Schriftsteller beruflich machen, Dinge erfinden, ist entgegen des Mythos‘ keine Hexerei. Man nehme zwei bekannte Dinge und setzte sie neu zusammen oder stelle sie in einen anderen Kontext. Das Schöne an dieser Tätigkeit: Sie ist absolut kostenlos und bereitet Vergnügen. Um aber überhaupt erst wieder in diesen Zustand des unschuldigen Experimentierens zu kommen, empfiehlt es sich, sich zu langweilen, was dem Kunstschaffenden heute kaum mehr zugestanden wird, daher wahrscheinlich auch der horrende Berg an Ramsch, der auf dem Kunstmarkt erzeugt wird. Die gepflegte Langeweile ist nicht einfach in einem Tag erledigt. Auch nicht in zwei, drei, in einer Woche. Man benötigt mindestens einen Monat zur freien Verfügung, einen Monat lang beliebig Zeit zu konsumieren, wie herrlich. Ich stelle mir jeweils vor, die Zeit zu essen. Manchmal rauche ich die Zeit auch. Oder ich schütte sie in mich hinein. Ich verschlafe die Zeit, was heutzutage als verwerflich gilt, zelebriere ich: Ich lege mich für mindestens fünf Tage ins Bett und stehe nur auf, um auf die Toilette zu gehen und dem Pizzaservice die Türe zu öffnen. Nicht mal Frauen könnten mich in diesem Zustand in Versuchung bringen – in dieser Zeit verbiete ich mir jegliche Aktivität, die nicht direkt dem Erhalt des Körpers dient. Sobald ich aber genug geträumt habe, stehe ich auf, strecke meine Glieder, öffne das Fenster und beginne Farben zu atmen und Geräusche zu riechen. Ich verwende meine Zeit darauf, inneres und äusseres Sehen aufeinander abzustimmen, meine Seele singt sich ein. Ich wechsle zwischen s und sch, schsch-s, sch-s-sch-s-sch-sch-sch-s-s-s-s. Ich singe auf einer Tonlage: 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10, 11, 12, 13, 14, 15, 16, 17, 18, 19, 20, 21, 22, 23, 24, 25, 26 bis 54. Spätestens dann wischt mir ein Wort wie „Handstand“ durch den Kopf und schon sehe ich vor meinem inneren Auge eine Friedensdemonstration mit tausenden von Leuten, die den Handstand machen und ich bin bereits eine Sekunde lang glücklich und eine Sekunde später muss ich fürchterlich lachen, da das Bild überhaupt nicht funktioniert. Was für eine Friedensdemo, wenn jeder dem anderen die Füsse ins Gesicht schlägt! Eine Kopfstanddemo hingegen liesse sich bewerkstelligen.

Mit meinen Erläuterungen konnte ich hoffentlich deutlich machen, dass es oft nur ein kleiner Schritt ist von der Lektüre von Frauenmagazinen zu Kopfständen an Friedensdemos, der aber doch einiger Anstrengungen bedarf, weswegen es viele beim Lesen belassen. Für den Schriftsteller ist das durchaus ein Segen, denn wenn plötzlich alle Experten des unerwarteten Glücks würden, käme er arg in Bedrängnis.

Advertisements

Warum wir die Tauben nicht verstehen (Entwurf) von Mircea Zerbes

Wir verstehen die Tauben nicht. Die Tauben verstehen uns nicht. Wir sind in der Grammatik gefangen, der Abstraktion von gelebter und noch zu lebender Gegenwart.

Die Tauben aber leben ausserhalb dieses Systems. Sie fliegen.

Ich sass in einem Café an der Schüss und genoss die Junisonne auf meinem Gesicht, während ich in Gedanken langsam weg sank. Was tat ich in dieser Provinzstadt, die zu reich war, um arm zu sein, und zu arm, um über das nötige Selbstbewusstsein zu verfügen, das Grosses erst ermöglicht. Ich dachte an Aurica, meine Taube, der ich nicht hatte folgen können, weil ich in meinem Geist gefangen gewesen war.

Als Kind hatte ich keine Vorstellung vom Begriff „Diktatur“, obwohl meine Mutter deutsch und mein Vater Rumäne war. Wenn ich als Junge und später als Pubertierender in Bukarest meine Grosseltern besuchte, waren es ihre Geschichten, die meinen Blick auf die Stadt und das Land prägten. Die bröckelnden Jugendstilgebäude erschienen mir wie verwundete Körper. Legte ich meine Wange an eine Sandsteinfassade, bildete ich mir ein, ich hörte ihre Blutbahnen rauschen. Aus dem Rauschen wurden Choräle, eine dichte Wolke aus dunklen weh klagenden Rufen, begleitet von einer Violine und einem Piano.

Dass es kein Fleisch zu essen gab, es in der Wohnung oft so kühl war, dass wir mit kalter Nasenspitze uns in Decken hüllen mussten, störte mich nicht, im Gegenteil. Umso mehr genoss ich die Erzählungen meines Grossvaters, während die Grossmutter auf dem Herd einen Griessbrei köchelte, den wir mit den eingemachten Pflaumen, die wir im Herbst eingesammelt hatten, verspeisten. Die Tage verbrachte ich zusammen mit Aurica in den Gassen der Bukarester Altstadt. Aurica lebte mit ihrer kranken Mutter zusammen in der gegenüberliegenden Wohnung, die zum Innenhof hinaus ging, während ich vom Wohnzimmer aus die Strasse beobachten konnte. Am liebsten erkundeten wir die Dachböden fremder Häuser. Tagelang versanken wir im Studium von Schätzen, die niemand mehr an sich nehmen wollte, aber uns dennoch nicht zustanden. Derjenige, der zuerst auf ein ehrwürdiges Objekt stiess, musste jeweils wie eine Taube gurren, um dem anderen zu signalisieren, dass er seine Suche augenblicklich zu unterbrechen hatte. Oft waren wir so vertieft in unsere Schatzsuche oder aber das Gurren war so überzeugend echt, dass wir einander anschreien mussten, was wiederum die Bewohner des Hauses auf den Plan rief.

Als Aurica dreizehn war, starb ihre Mutter an einer Lungenentzündung.

Von diesem Moment an dachte ich jede Sekunde an sie, kaum war ich wieder in Deutschland. Wir schrieben uns Briefe. Sie alleine zu wissen, brach mir fast das Herz. Gleichzeitig betete ich, sie möge keinen anderen Jungen kennen lernen. Ich war in ständiger Alarmbereitschaft, dass sich etwas zwischen uns ändern könnte, dass sie mich eines Tages gleichgültig betrachten und mit der Schulter zucken und „Ach Brüderchen“ sagen würde, während sich ihre schwarzen Korkenzieherlocken, die sie sich hinter die Ohren gestrichen hatte, selbständig machten.  Im darauffolgenden Sommer küssten wir uns ein einziges Mal ganz schüchtern. Wir waren in einen der verbotenen Tunnel hinabgestiegen und hielten uns ängstlich an den Händen, bevor wir von einem Wachmann ans Tageslicht geprügelt wurden. Ich erinnere mich an das Gefühl, der Angst, etwas zu verlieren, als sich unsere Lippen berührten.

Wir sahen uns erst wieder, als ich nach der Revolution mit Mitte zwanzig als Student in die Stadt kam. Ich wollte alles über die Sprache meiner Grosseltern erfahren, was wiederum meine Eltern nicht verstanden, dass ich ausgerechnet in einem zerrütteten Land studieren musste, „mitten im Elend“, stöhnte meine Mutter. Meine Grosseltern waren inzwischen verstorben. Ich begegnete Aurica auf dem Nachhauseweg von der Universität in unser Viertel. Wir waren so aufgeregt, dass wir nicht sprachen und alle paar Sekunden stehen blieben, um uns anzuschauen. Ihre Gesichtszüge waren viel ebenmässiger als ich sie in Erinnerung hatte, sie hatte Sommersprossen bekommen und ihre Augen funkelten wie Bernsteine.

Wir verloren kein Wort darüber, dass wir meine Wohnung ansteuerten, es ergab sich automatisch.

Ich hatte das Gefühl, endlich den missratenen Kuss damals im Tunnel wett machen zu dürfen. Aus der Nachbarwohnung erklang ein altmodischer Schlager, Drumurile Noastre. Er reizte mich zum Lachen. Hätte ich dem Impuls aber nachgegeben, hätte ich die erotische Stimmung ruiniert, und Aurica hätte mein Lachanfall auf sich bezogen, und wir wären für alle Zeiten Brüderchen und Schwesterchen geblieben. Wir zogen uns hastig aus, übermannt von einer unerklärlichen, zwanghaften Lust, die eher der Gier glich. Zum ersten Mal fiel mir auf, dass Auricas rechtes Ohr viel grösser war als ihr linkes. Ich knabberte an ihrem Ohrläppchen, streichelte mit der Zunge ihre Ohrmuschel, und Tränen liefen mir über die Wangen, ohne dass ich mich dagegen hätte wehren können. Wie hatte ich Aurica vermisst, und endlich wurde ich mir der Ursache meiner tiefen Melancholie bewusst: Ich hatte all die Jahre niemanden gehabt, der mir zuhörte. Ich hatte verzweifelt versucht, mich einem Ideal eines jungen Mannes anzugleichen, der überhaupt nichts mit mir zu tun hatte. Ich war zwar in der Bundeswehr gewesen, hatte bewiesen, dass ich anpacken konnte. Man mochte meine frechen Sprüche und schätzte meine Hilfsbereitschaft. Aber hinter dieser Fassade war ich der, in tausend Decken gehüllte, kleine Mircea geblieben, der einzig in Auricas Gegenwart sich selbst vergass. Wir küssten uns, zuerst zaghaft wie die Vögel, fragend, dann fordernd, bis wir uns fanden. Ich schien mich in tausend Stücke auf zu splitten. Mein Bewusstsein dehnte sich aus. Ich war dieses Bewusstsein, während ich Auricas Körper erkundete, der sich mir gleichsam wie eine fremde Welt anerbot einzutreten. Ich durchpflügte Felder, leckte Honig, erklomm Felsen und stürzte in die Tiefe.

Auricas Schweigsamkeit deutete ich als Ergriffenheit. Bereits als Kind hatte sie nie viel gesprochen. Am nächsten Morgen wurde mir aber schlagartig bewusst, dass sie sich verändert hatte. Ich war gerade dabei, Kaffee zu kochen, als mir eine Tasse aus den Fingern glitt. Aurica deckte den kleinen Tisch in meiner Küche. Sie hielt nicht inne, drehte sich auch nicht nach mir um. Sie ist taub geworden, ging mir schlagartig durch den Kopf. Die neue Welt, die sich gestern in mir formiert hatte, brach augenblicklich zusammen. Zum ersten Mal wurde mir bewusst, dass wir Menschen nicht viel mehr waren, als das Resultat der Verarbeitung unserer Sinneseindrücke. Jeder produzierte auf diese Weise seine eigene kleine Miniaturwelt. Ich war blind als junger Mann. Die plötzliche Einsamkeit würgte mich. Eine Woche später reiste ich zurück nach Deutschland. Wäre ich bei Aurica geblieben, hätte ich niemals angefangen zu schreiben. Das wäre natürlich das Naheliegendste gewesen – zu schreiben. Ohne zu warten und ohne zu zögern.