in the kitchen

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http://www.franknordmann.com

cooking: bettina

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Salto mit Tasse

Was bin ich froh, habe ich gestern die Öde geküsst. Wie schnell lässt sich doch aus der Öde eine kleine Ode basteln! Wie gleicht doch die menschliche Seele einem Jo-Jo. Man muss ganz unten sein, um wieder hochzukommen, sich abwickeln, Gefühle, Gedanken, Pflichten, und was einem sonst noch fest hält, wie ein Teppich ausrollen, um daraus ein Trampolin entstehen zu lassen, das einem wieder hoch spickt.

Es ist die verdrängte Wut, die uns traurig und erschöpft macht, das war die Erkenntnis meines Saltos gestern! Zu einem ausgeglichenen Seelenhaushalt gehört regelmässiges Sich-Aufregen. Wut tut gut. Wut gibt auch dem Gegenüber das Gefühl, ernst genommen zu werden. Schauspieler sind zweifelsohne im Vorteil, sie holen die elementaren Gefühle regelmässig hervor. Wenn man denkt, man müsste wieder mal richtig wütend sein, wenn der letzte Wutausbruch über ein Jahr zurück liegt, und einem spontan keine Situation oder Person einfällt, auf die man seine Wut richten könnte, kann man auch den Haushalt zu Hilfe nehmen. Dabei geht es darum, das Zielobjekt mit der Wut im Bauch „anzustrahlen“. Ich habe diese Übung heute mit meinem schmutzigen Geschirr ausprobiert. Wie haben sich die Teller und Tassen unter meinem Lappen gewunden! Wie sind sie zusammen gezuckt unter meinen stillen Beschimpfungen. „Du kleines, schmutziges Glas, hast dich mit Sojamilch eingeschmutzt. Pfui!“ Oder: „Ja du armer Teller, hast Hummus abgekriegt? Dass du dich nicht duschen kannst, schämst du dich eigentlich nicht?“ Nun, meine Küche glänzt nach diesem kleinen Schauspiel.

Wenn ich schon in meiner Küche bin, möchte ich gleich noch ein paar vegane Erkenntnisse kundtun. Auslöser meiner Ernährungsumstellung war eigentlich meine Skepsis und mein Widerwille der veganen Lebensweise gegenüber. Ich hegte den Verdacht, dass sich Veganer ein gutes Gewissen erfressen, da sie die Welt ja ohnehin nicht ändern können. Ich habe mir die Dokus über die männlichen Küken angeschaut, über die armen Kälbchen, die von ihrer Mama getrennt werden und nie an ihrem Euter saugen dürfen, etc. Dann bin ich zum Schluss gekommen, dass nichts dieses Leiden rechtfertigt. Ich ass also fortan nur noch Pflanzen, mit zwei, drei Ausnahmen. Nach der letzten Ausnahme hatte ich Albträume: Ich sah Äffchen in Käfigen, Speckschwarten, die in dunklen Kellern von der Decke hingen, ich selbst strauchelte durch das Labyrinth, geführt von einem Lichtstrahl, der mir den Weg nach draussen wies. Nachdem die ersten Schwindelattacken, was anscheinend normale Entgiftungserscheinungen sind, vorüber waren, ging es mir FANTASTISCH. Die Haut wird reiner, die Verdauung besser, so gut, dass man zum eigenen Befremden Vorträge darüber halten möchte, das Gewicht geht runter, man gewinnt an Frohsinn…all die Klischees bewahrheiten sich. Das klingt nach einem Religionsersatz? Ja! (Wenn wir davon ausgehen, dass sich alle Glaubenssysteme bewahrheiten, Kraft dem Wahrnehmungsfilter, der ihnen zu Grunde liegt…) Mit zunehmender Zufriedenheit schwindet auch das Bedürfnis nach Konsum, nach Bier trinken, Kaffee trinken, Klamotten kaufen. Stattdessen wächst das Interesse an Hausmitteln, natürlichen Haarshampoos, die man selber herstellen kann, auf der Basis von Apfelessig oder Bier, kurz, man ist bei sich, vermehrt zu Hause, in der Küche, am Wut suchen…

Karussell

Eine Araberin mit dicken Beinen sitzt auf einem Holzpferd. Der junge Kiffer trägt eine Visage wie aus einem Horrorfilm. Es wundert mich, dass sich niemand an seinem Anblick wundert. Der junge Vater, der auf vier Mädchen aufpasst, so wie er den Namen Elody und Christelle ausspricht, lässt darauf schliessen, dass diese nicht seine eigenen sind, setzt ein Lächeln auf, als ob er Darsteller einer Soap wäre. Dem einen Mädchen befiehlt er vom Karussell herunter zu kommen. Seine Sätze klingen wie wohlproportionierte Gurkenscheiben. In meinem Portemonnaie krame ich nach Kleingeld. Zu wenig für einen Kaffee. Ich entdecke zwanzig Bani, und frage mich, ob es politisch korrekt ist, Romas rumänisches Geld zu geben. Drei Mafiosi, so sehen sie jedenfalls aus, stehen am Geländer der Schwanenfarm. Im Hintergrund bewacht ein Entenmann den Schlaf seiner Entendame. Das Dastehen der Männer aus der Schattenwelt stört das Bild des tierischen Ehelebens. Der Ekel, habe ich herausgefunden, beruhigt mich. Als Neuveganerin leide ich gerade unter so heftigen Schwindelanfällen, dass mir soeben der Gedanke kam, eine Veganerselbsthilfegruppe zu gründen. Dass mich der Ekel erdet, habe ich beim Gynäkologen herausgefunden. Er begrüsste mich mit den Worten: „Willkommen in unserer Soap“, da ich Zeugin wurde, wie er im Flur mit einer jungen Patientin über eine Holztruhe sprach, während ich im Wartezimmer ungeduldig die Beine übereinanderschlug, das linke über das rechte und das rechte über das linke, da ich mit dem Beobachter schon durch war. Ich sagte: „Stimmt, eine Gynäkologensoap gibt es noch nicht“, woraufhin er mir dann die Geschichte vom Berner Gynäkologen erzählte, der seine Schwiegermutter in Stücke gesägt hatte, nachdem seine Frau mit zwei Hunden im Ferienhaus verbrannt, und ein Kollege Oberarzt spurlos verschwunden war. Darüber hat jemand ein Buch geschrieben. Er überreichte mir das Rezept: Der Antihippokrat. Mein Gynäkologe erzählte, dass er zwei Wochen vor der Festnahme noch bei besagtem Kollegen zum Essen eingeladen gewesen war. Gefressen hätte er, der Mörder, drei Güggeli und dazu einen Kasten Bier gesoffen. Ich überlegte mir, ob ich in meinem Bekanntenkreis ebenfalls solch abgründige Charaktere ausmachen konnte. Dank Videokameras gelang es, den Psychopathen zu überführen – wie er Plastikbeutel wegschleppte; Hände, Füsse, Brustkorb. Ein Hüftgelenk und der Kopf würden immer noch fehlen. Im Amtshaus hätte er sich schliesslich die Pulsadern aufgebissen, woraufhin man ihn nach Belp gebracht hätte, wo er sich in der darauffolgenden Nacht erhängt hatte. Nun, endlich beginne ich Aristoteles‘ Begriff der Katharsis zu verstehen. Reinigung durch Schaudern und Schrecken. Ein furchteinflössender, abstossender Vorgang auf der Bühne, in der Literatur oder wie eben beschrieben in einem Gespräch vermittelt, dient als Projektionsfläche für eigene heftige Gefühle, die so auf eine angenehme, ja fast unterhaltsame Art „abfliessen“ können. Die letzten Tage konnte ich gar nichts kanalisieren, auch der Abfluss in meiner Küche war verstopft. Ging ich spazieren, ging ich neben meinen Beinen her, wobei der Wind meinen Oberkörper stets auf die rechte Seite gebogen hatte und rechtwinklig auf meinen Hüften zu sitzen schien. Der sich ankündigende Frühling kommt mir übertrieben vor. Wegen mir alleine brauchst du dir nicht so viel Mühe zu machen, möchte ich ihm zurufen. In der Stadt stehen viele Wohnungen plötzlich leer. Balkone und Terrassen wirken frisch verlassen, als ob vor ein paar Tagen erst der dazugehörige Mensch das Zeitliche gesegnet hätte. Die Ruhe der Endgültigkeit liegt über diesen Grundstücken, als ob die Natur eigens für diese Atmosphären eine Regieanweisung bekommen hätte. Hier bitte nicht zu laut zwitschern. Und nun Auftritt Gekko, quer über die Brüstung des Balkons. In Kriegsgebieten, denke ich, ist die Trauer bereits in die DNA übergegangen. Warum komme ich darauf, hier oben bei der Opferstätte? Neben fröhlichen Teenagern, die wie junge Göttinnen im Kreis im Pavillon sitzen (die Trainerhosen muss man sich wegdenken.) Ich beobachte, dass sich der Schmerz mit den wechselnden Lichtverhältnissen verlagert. Wenn abends um sechs ein zarter Lichtkegel ins Wohnzimmer fallen wird, werde ich mich fragen müssen, ob ich mich genau in diesen Lichtkegel setze oder ob ich nochmals hinausgehe.

Augenblick

Der Tag lief neben mir her und sagte mir seltsame Dinge, von denen ich nicht wusste, ob er damit auf meine Person zielte oder ob er einfach so daher redete, wie einer halt daherredet, der viel zu oft, ohne Wirkung zu erzielen, immer das gleiche erzählt hatte. Dass man beispielsweise zu schnell alt wird. So schnell, dass man nie alle Pläne verwirklichen kann. Dass das auch nicht möglich wäre in einem so kurzen Leben, dass nur wir im Westen denken würden, dass wir unbegrenzte Möglichkeiten hätten, und wenn wir sie nicht nutzen würden, dann komme der Krebs oder die Alzheimer-Krankheit, auf jeden Fall nicht die Demut oder die Bescheidenheit. Was habe ich darauf geantwortet? Natürlich nichts, was sollte man solchen Plattitüden entgegnen, noch dazu von einem, der sich Tag nennt, einem aber die Sonne vorenthält. Ich ging auf einer seltsamen Strasse, welche Luxus-Marken, Behinderten-Einrichtungen und einen Sicherheitsdienst beheimatete. Die Strasse war Menschenleer. Dann bog ich in eine Gasse ein, in der aus tiefen Fenstern der Duft von Rotkraut, Kartoffelstock und Braten nach draussen drang. Ein anderes Haus lockte mit Bohnen und Speck. Ich stellte mir den dazugehörigen Kachelofen vor, die Oma, die mit umgebundener Schürze auf ihren Enkel wartete, die Katze, die maunzte, weil sie der Geruch vom Speck schier um den Verstand brachte. „Ja, ja, du sollst ja die Schwarte bekommen, nur noch einen Augenblick.“ „Grossmutter, was ist ein Augenblick?“ „Ach du bist schon da Johann!“ Hansli durfte sie ihn nicht mehr nennen, das hatte ihr der Bub verboten. „Ein Augenblick“, sagte die Urgrossmutter, „ist der Moment, wenn wir kurz die Augen schliessen, und dabei nicht merken, dass wir warten.“ Der Erstklässler warf seinen Rucksack in eine Ecke, streckte der Uroma seine Jacke entgegen und hüpfte auf die Eckbank. Er stützte sein schweres, hungriges Köpfchen auf seinen Händen auf, dann schloss er die Augen. Als er sie wieder öffnete, stand ein dampfender Teller mit lauter Köstlichkeiten vor ihm.

In Laden betrachtete ich die marktfrischen Himbeeren und fragte mich, was an Himbeeren im Februar „marktfrisch“ sein sollte. In drei Monaten würde Juni sein, und dann würden Muse im Nachbardorf spielen. Auch dann gäbe es noch keine saisonalen Himbeeren. Die Möglichkeit, dass in diesem Jahr noch Juni würde, erschien mir absurd. Der Vizeaussenminister der Ukraine hatte vor ein paar Tagen in einem Interview gesagt: „Wir wollen nicht allen Angst machen, aber wir bereiten uns auf einen totalen Krieg vor.“ Ich kaufte Mandeln, um meine Nerven zu beruhigen, jedenfalls stand das im Internet, dass Mandeln neben Kalzium liefern, auch nervöse Spannungen beheben. Ein Handwerker biss in sein Sandwich, während ich mir eine Handvoll Mandeln in den Mund warf. Vor meiner Brust trug ich einen Packen Druckpapier. Das Herumtragen von Papier erschien mir sinnlos, die Vorstellung, es zu bedrucken, wie, wenn nicht mit Hoffnung, einfältig. Ich dachte an die Frau, dessen Meditationsstimme ich abends zuvor gelauscht hatte. Sie war zu meiner Überraschung kaum älter als achtzehn und trug lange Rastazöpfe. Ich stellte mir in jeder europäischen Stadt eine solche Frau vor, die aus einem WG-Zimmer reine, glasklare Botschaften sendete, ohne Anspruch auf Aufmerksamkeit und Anerkennung. Diese Frauen gehorchten einzig ihrem Herzen. Sie lebten vegan und lehnten ganz allgemein den Konsum ab, sie lehnten die Bildung ab, sie lebten getrennt von den Männern und übten Verzicht, da sie wussten, dass ihre spirituellen Kräfte nicht unbegrenzt waren. Von zu viel Lust getragen, geriet jedes Unterfangen ins Wanken. Wo es an Disziplin mangelte, schloss sich kein Kreis. Ihr Prinzip hiess Harmonie.

Ich stellte mich ins Zentrum des Pavillons, einer Opferstätte über den Dächern der Industriestadt, die einmal ein Uhrenmekka gewesen war, bevor der Zeiger der Bahnhofsuhr stehen geblieben war, und wünschte mir, den ganzen Tag über dort stehen zu bleiben, um mich zu vergessen, während der Wind über den See peitschte. Was ich wusste, und was ich nicht wusste, wollte ich nicht mehr wissen – dass es der Verstand gewesen war, der mich weggetragen hatte; das Studium, ein Denken-Lernen in Schubladen, gezimmert von den dunklen Männern der Elite, Architekten des Wahnsinns, einer Welt, in der Frauen boxten, einander gegenseitig auf den Schädel schlugen, bis der ersten das Blut aus dem Mund rann, Frauen, die sich nachts in Bars mit leuchtenden Hasenohren an ihre Strohhalme klammerten.