Füllst Du Deine Gegenwart aus? oder: Wie man sich rund verwinkelt

 

  1. Wähle die richtige Kleidergrösse. Zu enge Kleidung beeinträchtigt Deinen Atem und führt nicht nur zu Verdauungsproblemen sondern auch zu Rückenschmerzen. Zu weite Kleidung hingegen macht Dich kleiner als Du bist. Nimm den Raum ein, den Du benötigst, und lasse Dich nicht von der Kleidung einräumen.
  2. Halte Zeitdiebe wie Social Media vom Leib. Sie reduzieren Deine Gegenwart auf einen Informationsverarbeitungsorganismus‘, der einzig zur monetären Wertschöpfung beiträgt und sich zum Komplizen der moralischen Wertevernichtung macht.
  3. Trinke genügend, damit Du nicht falschen Zielen hinterher hechelst. Was lange gärt, riecht nicht gut, daher übertreib es nicht mit den alkoholischen Getränken.
  4. Ernähre Dich vegan.
  5. Verbringe Deine Zeit mit Tieren – das fördert die Aktivität Deiner rechten Gehirnhälfte und stärkt Deine Intuition. Als Alternative kannst Du auch einen Kopfstand machen und von Hundert in unterschiedlichen Tonhöhen bis Null zählen. Auch das Singen von Kinderliedern wie „Alle meine Entlein“ ist hierzu förderlich.
  6. Entwickle Deine eigene Sprache. Verzichte auf Wörter wie „Gewinnmaximierung“ oder „Neoliberalismus“. Stattdessen forsche nach neuen Verbaltechniken zur optimalen Liebesausschüttung.
  7. Betrachte moderne Kunst und achte die Kapriolen des menschlichen Geistes. Nutze diese Meditation als Sprungbrett für eigene Saltos. Die Freude an der Bewegung ist Weg und Ziel. Nimm Dir die Tiere zum Vorbild. Stell Dir vor, Du bist ein Murmeltier. Du gräbst ausgeklügelte Tunnelsysteme, warnst Deine Freunde mit einem lauten Pfiff vor Gefahren und kuschelst gerne und ausgiebig mit ihnen. Der Mensch macht Kunst, um andere zu erheitern, das ist seine Art des Kuschelns. Jede menschliche Tätigkeit wiederum kann und muss ästhetisch verfeinert werden.
  8. Materialisiere Deine geistigen Luftsprünge. Lokalisiere die Schaltstelle zwischen „etwas tun wollen“ und „etwas tun“. Punkt 4 unterstützt die physische wie psychische Antriebskraft. Stelle das Gewollte in einen grösseren Zusammenhang. Ein Mantra wie „Was Du heute kannst besorgen, verschiebe nicht auf morgen“ leistet hier wunderbar fruchtbare Dienste.
  9. Lasse Raum frei.
  10. Dehne diesen Raum und stelle dort Dein Trampolin auf. Verbinde oben und unten.

Fertig!

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Die vollkommene Idiotie ist da erreicht, wo der Idiot sich selbst nicht als Idiot erkennt.

Olivia Jeune gründete 2014 in Biel das Institut für Wahrheitsfindungsprozesse. Die Anthroposophin arbeitet mit ihrem fünfköpfigen Team aus Forschung, Literatur, Kunst und Arbeiterklasse an Prozessen des alternativen Netzwerkklöppelns.

Frau Jeune, warum haben heute viele Leute Angst, das Falsche zu denken?

Die Angst vor falschen Gedanken ist charakteristisch für totalitäre Systeme, ob religiöser oder politischer Art. Man kann auf zweierlei Weise falsche Gedanken produzieren; erstere ist rein intuitiv; der Gedanke ist nicht kompatibel mit dem Status Quo, wodurch eine Dissonanz zwischen der Gesellschaft und uns als Individuum entsteht. Die zweite Art des falschen Gedankens geht auf eine logisch falsche Schlussfolgerung zurück, ist also ein Versagen unserer intellektuellen Fähigkeiten. Auch davor fürchtet sich das Individuum in einem totalitären System. Als Idiot da zu stehen, ist fast noch peinigender, als reinen Herzens etwas Unkorrektes zu sagen, wobei in diesem Fall der Querschläger ebenfalls als Idiot dargestellt wird. Zu beobachten ist ebenfalls, dass die herrschende Klasse meist ihre Doktrin nicht widerspruchsfrei zu Ende denken kann, wodurch die Sprache durch leere Floskeln, Verkehrung ins Gegenteil, etc., ihrer Kraft beraubt wird. Die Sprache dient nur noch der einen Sache. Wer sich nicht innerhalb des totalitären Kosmos‘ bewegt, verstösst wiederum gegen die Regeln der Sprache und ist daher ein Idiot.

Also sind wir alles Idioten, ohne es zu merken?

So ist es. Die vollkommene Idiotie ist da erreicht, wo der Idiot sich selbst nicht als Idiot erkennt. Ein wichtiger Bestandteil der Ideologie ist seine Negation. Der Neoliberalismus tut so, als wäre er ein Naturgesetz.

Was können wir dagegen tun?

Die Antwort steckt bereits in der Frage. Wir können etwas tun. Etwas zu tun, ist oft fruchtbarer, als etwas bloss zu denken…

Wie erkennen wir denn unter den vielen Möglichkeiten die richtige?

Schon wieder tappen wir in die Falle von „richtig“ und „falsch“. Schwarzweiss-Denken hält uns aber von jeglichen Handlungen ab, weil jede Handlung auch etwas Unangenehmes beinhaltet, einen Entscheid fällen zu müssen, auf etwas anderes zu verzichten und schliesslich Kraft zu investieren. Da sich die Jugend durch längere Ausbildungen immer weiter nach hinten streckt, Paare nicht mehr jung heiraten und erst spät Kinder haben, kommen wir immer später in die Verantwortung. Mitte Dreissig stecken viele noch in der Selbstfindungsphase, anstatt ihre Energie in die Zukunft der Gesellschaft zu investieren. Kaum sind Kinder da, werden Ehen bereits wieder geschieden. Diese individualisierten Lebensentwürfe schwächen die politische und auch spirituelle Teilhabe. Der einzelne wird manipulierbar.

Also ist es eigentlich egal, für was wir uns entscheiden, Hauptsache wir entscheiden uns?

Überspitzt gesagt ja. Erst wenn wir etwas ausführen und zu Ende denken, lernen wir etwas daraus. Nur zweimal den gleichen Fehler machen, sollten wir nicht.

Haben Sie schon mal zweimal den gleichen Fehler gemacht?

Natürlich, früher ständig. Das ging so weit, dass ich mich für eine grosse charakterschwache Ausnahme hielt, bis ich entdeckte, dass andere genau das gleiche Problem hatten. Die Menschen fürchten sich vor nichts so sehr wie vor der Veränderung, egal wie schlimm der momentane Zustand ist. Das Unbekannte erscheint uns stets als bedrohlich. Wir können uns aber beinahe unbegrenzt viele neue Verhaltensweisen antrainieren. Das dauert zwar und ist am Anfang mühsam, unser Potential aber erschöpft sich nicht. Diesen Sachverhalt nennt man die Plastizität des Gehirns.

Frau Jeune, wie sieht Ihr Gehirn aus?

Wie ein Keramikladen mit sehr unterschiedlichen Gefässen.

 

Herzlichen Dank für das Gespräch Frau Jeune!

Nastrovje

Der Bärfuss wird zurückgerufen und mit fünf Franken belastet. Meine Schwester, die Bilder archiviert, fragt, wie man einen angebissenen Apfel bezeichnet. Ich sage, das wäre eine Frage für Matthias Zschokke. Ich empfehle „Apfel mit Bisswunde“.

Meine Wände habe ich mit Moos ausgekleidet. Ich überlege mir, wie ich zusätzlich den Duft des Waldbodens in mein Wohnzimmer bringen könnte. Zur Erdung.

Mein Herz rast wild durch die Gassen. Ich gebe den Strassen neue Namen. Zum Beispiel: Genazino-Weg. Hier probieren auf dem Bürgersteig Menschen ihre Prothesen aus. In einem Fenster entdecke ich wiederholt eine Frau mit einem absurd grossen Helm aus Baumwolle und Watte. Ich vermutete erst, es würde sich um eine Vorrichtung zum Haare färben handeln. Jetzt bin ich mir dessen nicht mehr sicher. Ich habe Angst, dass ihr die Ohren fehlen.

Ich fühle mich wie der 18 Jährige, dem sie bei der Rekrutierung sagen: Sie haben einen Herzfehler. UT UT. Doppelt Untauglich, bitte wegtreten.

Was ist mit meinem anonymen Anrufer? Vor meinem Fenster taucht ein Mann auf. Er sieht aus wie ein Bestatter. Oder ein Professor der Chemie. Oder ein Mann eines Dienstes, der meint, man würde ihm seine Schattentätigkeit nicht ansehen. Einer, der seinen Frust an einer einfachen Polizistin, die Knöllchen verteilt, auslässt. Ich sollte das Fenster öffnen und sagen: Lassen Sie doch die Frau in Ruhe, und kümmern Sie sich um ihr Akten. Bitte treten Sie aus meinem Blickfeld, ich kann mich jetzt hier nicht um sie kümmern. Was sie so unzufrieden macht, warum sie diese sonderbare Frisur tragen, die nicht als Frisur durchgeht, lange Fäden, die ihnen ins Gesicht hangen, wo sie sich doch einen schönen Anzug leisten können. Ich kann diesen Fragen jetzt nicht nachgehen.

Ich denke an Monsieur Clair aus Bukarest. Ich vermisse seine altmodische Erscheinung, sowie mich die Werbeanzeigen in den alten DU-Heften aus den 60er Jahren ganz kirre machen. Ich sehne mich nach dieser „Heim-Atmosphäre“, nach dem Martini und den Zigaretten, die ich dem Mann reiche, der zu dieser Einrichtung passt. Und er sagt: „Danke Gundula“. Und aus dem Nichts sagt er: „Weisst du wie man ein Sturmgewehr zusammensetzt?“

Wir unterhalten uns über Camus. Wir glauben, dass Literatur etwas bewegt. Aber dann sind wir mit Camus etwas spät dran. Natürlich bewegt Literatur etwas. Sie erfüllt genauso Propagandazwecke wie Hollywood. Plötzlich taucht wieder eine Nobelpreisträgerin auf, die sagt, wie schrecklich der russische Präsident wäre und dort wird eine Dichterin abgestraft, weil sie die moderne Reproduktionsmedizin kritisiert. Und dann beschweren sich die Kritiker lautstark darüber, dass die jungen Autoren so zahm wären, traurig, dass diese sich bereits selber zensiere, noch bevor die Verlage es tun, wodurch dem Journalisten nichts mehr zu tun bleibt, ausser sich gehörig zu langweilen. Und diese gezimmerte Langeweile wird schliesslich als Wirklichkeit ausgegeben. Die schöne Biedermann-Einrichtung, die vor globalen Katastrophen, dem nächsten Börsencrash, bewaffneten Konflikten, Flüchtlingswellen, sozialen Unruhen, Hungersnöten und Seuchen schützt. Die wird verteidigt, zumindest etwas.

Danke, durfte ich es wieder mal sagen. Das ist wie ein guter alter Vodka Shot. Stösschen, Pröstchen, Nastrovje. Mein tägliches Atemholen.

Wie die Lektüre den Alltag beeinflusst: Lukas Bärfuss‘ „Stil und Moral“ und warum ich Colmar keinen Besuch abstatte (na ja, irgendwann werde ich meine These überprüfen müssen)

Geistig auf dem Trockenen, und in Versuchung, ein Wochenende in Colmar zu verbringen (das Elsass liegt nahe, ich war noch nie im Elsass, mein Budget ist klein, und meine Imagination möchte an ein gedecktes Tischchen geführt werden), rettete mich Herr Bärfuss vor einer herausgepützelten, reformierten, assortierten Beschaulichkeit (die man auch gerne auf Confiserie-Stückchen präsentiert), die bei einem guten Wein ihrer bewegten Vergangenheit gedenkt. Sicherlich lohnt sich das Studium der Historie. Nach dem ersten Weltkrieg fällt das Elsass nach einer deutsch-kaiserlichen Episode, die auf eine französische folgte, wo doch die Geburtsstunde römisch-deutsch war, wenn denn die Zeit irgend eine Identität annehmen kann, wieder Frankreich zu. Am 22. August 1926, dem blutigen Sonntag von Colmar, stehen sich französische Nationalisten und elsässische Autonomisten gegenüber. Die Antwort der Sicherheitskräfte fällt zu Gunsten der französischen Angreifer aus. Ein autonomes Elsass ist nicht erwünscht.

Am Wochenende soll es über dreissig Grad werden. Es ist durchaus denkbar, bei dreissig Grad im Schatten die Geschichte einer schmucken Stadt zu studieren, während ein anderer Flecken in Europa in Brand steht, einmal mehr das Spiel des kalten Krieges gespielt wird, an vorderster Front die Medien, während anderorts die Menschen in der Wiege Europas gerade Mal noch 60 Euro, nach aktuellstem Stand nur noch 30 Euro Notgeld von der Bank abheben können. Es ist nicht der Fakt der Ungerechtigkeit an sich, die uns, die es uns noch gut geht, den Genuss verdirbt. Es ist die Leugnung des Ernstes der Lage, die einem eine Stadt wie Colmar unerträglich macht. Bärfuss hat mich an dieses Misstrauen gegenüber zu schönen Dingen erinnert. Nennen wir dieses Misstrauen das Thun-Trauma. Gut, Colmar hat keine Rüstungsindustrie, aber eine zwölf Meter hohe Kopie der Freiheitsstatue. Aber wie kommt es zu diesem Trauma? Der Kritiker weist in einem beschaulichen Ambiente auf einen Missstand hin, wie eben beispielsweise auf die Waffenproduktion eingebettet ins schönste Alpenpanorama, worauf ihm entgegnet wird, er möge sich doch bitte nicht so aufspielen. Ihm wird vorgeworfen, er würde seine Leserschaft beleidigen etc… . Daher fällt es jemandem, der am Thun-Trauma leidet, schwer, schöne Dinge zur Kenntnis zu nehmen, da sich das Erhabene fortan mit Misstrauen mischt. Daraus lässt sich schliessen, dass politisches Denken nicht durch die politischen Umständen hervorgerufen wird, sondern durch die Ignoranz der Mitmenschen den politischen Umständen gegenüber.

In „Stil und Moral“ widmet sich Bärfuss unter anderem der Essenz eines Textes. Er ist der Überzeugung, dass es nicht möglich ist, zusammenfassend eine Aussage über einen Text zu machen, ohne den Text als Ganzes zu beschneiden. Das ist sicher richtig, ich kann nur bestimmen, was ein Text in meiner Vorstellungswelt verändert. Ich trete mit ihm in einen Dialog, wodurch der Text seinen Aggregatszustand ändert. Etwas Seltsames passierte mir gestern beim Lesen. Es drängte sich mir unweigerlich Lukas Bärfuss als römische Büste vor mein geistiges Auge. Mir scheint, dass in seinen Essays der Meissel hörbar ist. Zwischen den Zeilen tropft der Schweiss, fliegt der Staub. Dieses Denken ist kein bequemes Denken, es sucht, unnachgiebig, zu einer gewissen Form hinstrebend, darum wissend, dass die Form brüchig, das Gewissen aber ewig ist. Gerade weil er die Ästhetik zugunsten der Moral opfern würde, legt er alles in sie, einzig um Wahrhaftigkeit bemüht. Daraus ergibt sich, dass eine Ästhetik, die nicht wahrhaftig ist, nicht schön sein kann. Darauf bringt ihn eine junge Skifahrerin, die ihn mit ihrer 70er Jahre Skiausrüstung in ihren Bann zieht. Sogar ihre Skier sind aus der Zeit gefallen, aber dennoch wirkt die junge Dame wie aus dem Ei gepellt. Der Autor verspürt den Drang, sich dieser stilvollen Trendverweigererin zu nähern. Der Zufall will es, dass er mit ihr und ihrer Begleiterin in einem Vierersessel Platz nehmen darf. Die Begleiterin erweist sich als Betreuerin, dieser erzählt die erhabene junge Frau aus ihrer traurigen Kindheit, und weswegen ihre Ausrüstung nicht die neuste sei. Der Grund ist nichts als pure Armut, worauf Bärfuss‘ Faszination dem Mitleid weicht.

Ästhetik ist ein Luxus, die aber ausserhalb der wirtschaftlichen Sphäre liegt. Wir müssen frei sein, wenn wir die Schönheit erkennen wollen.